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Wirtschaft
Montag, 6. Februar 2012
(Sächsische Zeitung)

Theo Müller steht wieder unter Strom

Von Georg Moeritz

Der Molkereibesitzer plant mit 72 Jahren eine Großinvestition bei Sachsenmilch. Es soll ein Kraftwerk sein, aber bitte nicht mit Sonne.

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Ein großer Stromverbraucher freut sich über steigende Strompreise: Theo Müller will mit einem eigenen Kraftwerk in Sachsen rasch Extra-Gewinne machen – und schimpft auf Öko-Energie.Foto: Robert Michael

Wenn Theo Müller eine Sache wichtig ist, dann kann er sehr plötzlich die Stimme heben. „Einspruch!“, ruft der 72-jährige Konzernchef dann mitten in die Rede eines Energiefachmanns. Der hat doch tatsächlich bei einer Tagung in Dresden gesagt, dass derzeit niemand Geld in neue Kraftwerke stecken will. Müller erhebt Einspruch, denn er selbst plant ein Kraftwerk in Leppersdorf für seine Sachsenmilch-Molkerei.

Abermals hebt Müller die Stimme, als er später sein Projekt vorstellen darf. Zunächst doziert er noch bedächtig in der sanften Sprachfärbung seiner Heimat Bayerisch-Schwaben. Für die 50 Zuhörer von der CDU-Mittelstandsvereinigung wirft er per Laptop den „1.Hauptsatz der Thermodynamik“ an die Wand und übersetzt wie für eine Schulklasse: „Energie kann nicht erzeugt, nur umgewandelt werden.“ Worauf will er nur hinaus, der Besitzer des Müller-Milch-Konzerns samt Sachsenmilch, Weihenstephan und Käserei Loose?

Müller will einen seiner raren Auftritte in Sachsen nutzen, Politiker von seiner Meinung zu überzeugen. Seit der Chef von 16.000 Menschen und Vater von neun Kindern aus steuerlichen Gründen in die Schweiz gezogen ist, war seine Stimme kaum noch zu hören. Dabei hätte er viel zu sagen, nicht nur über Joghurt, Steuern und Bauernproteste. Früher empfing er gerne die jeweiligen sächsischen Ministerpräsidenten in seiner Sachsenmilch-Molkerei und führte zwischen blitzsauberen Alu-Tanks Maschinen vor, die gleichzeitig einen Plastebecher formen und von oben schon Milchreis hineinschütten.

Nun spricht Müller über die „geniale“ Erfindung Kernkraftwerke. Die abzuschalten, sei ein Fehler, sagt Müller und wird allmählich lauter in seiner Rede, Windkraft fördern sei „lächerlich“ und Fotovoltaik „ein Irrweg“. Theo Müller hat sich entschieden: Er baut für 50Millionen Euro ein eigenes Gaskraftwerk. Diese Woche hat er für zehn Millionen Euro den zentralen Bestandteil bestellt, den Abhitzekessel. Denn Müllers Kraftwerk soll nicht nur den Strom für die Molkerei erzeugen, so viel wie 55000 Familien zu Hause brauchen, sondern auch die Wärme – zum Milch pasteurisieren und Milchreis kochen.

Es ist nicht Müllers erster Versuch, seine größte Molkerei unabhängig von Stromlieferanten zu machen. Der Betrieb mit mehr als 1500 Arbeitsplätzen verbraucht jährlich Energie für einen zweistelligen Millionenbetrag. Alle seine Molkereien zusammen haben Energierechnungen über 60Millionen Euro im Jahr, sagt Müller. Vor fünf Jahren hat er schon den damaligen Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) überzeugt, dass ein Kraftwerk mit Müll als Brennstoff eine gute Sache sei – Milbradt setzte sich dafür ein, doch eine Bürgerinitiative widersetzte sich, ein Bürgerentscheid stoppte das Projekt.

Es war einer der wenigen Misserfolge in Müllers Karriere. Als Landwirte seine Fabrik im Streit um die Milchpreise blockierten, als Aktionäre der Sachsenmilch AG mehr mitbestimmen wollten, ja selbst als Entführer Theo Müller bedrängten – stets konnte er die Bedrohung abwehren, sein Konzern wuchs.

Müllers Gaskraftwerk wird wohl genehmigt, auch wenn der Gemeinderat den entscheidenden Bebauungsplan noch nicht beschlossen hat. Doch das Kraftwerk liegt weiter weg von den Wohnhäusern und nutzt keinen Müll – sondern 660 Gigawattstunden Erdgas pro Jahr und 20 Gigawattstunden Biogas aus der Kläranlage. Und warum soll sich das für Müller lohnen?

„Die Zeche zahlen unsere Milchlieferanten und die Verbraucher“, sagt Theo Müller. Sehr, sehr bedauerlich, fügt er rasch hinzu. Aber das sei halt eine Folge der Energiepolitik in Deutschland, die er für falsch hält, aber nutzt. Die Strompreise werden steigen, die Gaspreise nicht so sehr; das ist Müllers Rechnung. Schon nach sechs Jahren, spätestens nach zehn, will er die Ausgaben für das eigene Kraftwerk wieder hereingeholt haben, danach macht es Gewinn. Denn Müller ist sicher, sich nun von den steigenden Strompreisen abgekoppelt zu haben. Sollen die doch andere zahlen.

Bei der CDU-Tagung in Dresden hört Müller aufmerksam dem Energiewirtschaftsprofessor Dominik Möst zu. Der sagt steigende Strompreise voraus, vor allem wegen teuer neuer Leitungen und der Förderung für Solaranlagen. Erst nach 2030 werde die Strom-Erzeugung dank neuer Technik billiger.

Müller strahlt. Er habe „mit Vergnügen vernommen, dass der Strom teurer wird“, sagt er. Es schadet ihm nicht – und doch hebt er noch einmal die Stimme für einen Appell an die Politiker und fällt dabei plötzlich in eine vertrauliche Anrede: „Lasst euch nicht länger von den Ökos in die Tasche greifen“, ruft Müller und schimpft auf die Förderung für Fotovoltaik. Solartechnik komme ihm jedenfalls nicht aufs Dach: Da würde er „sich schämen, anderen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen“.



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