Wirtschaft
Dienstag, 9. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Der eiskalte Bahnsinn
Von Michael Rothe
Ausfälle, Verspätungen, kaputte Klos – der Winter bremst die Deutsche Bahn und ihre ICE-Flotte aus.
Ist der Ruf erst ruiniert, fährt es sich ganz ungeniert: Kaum ist das „Schwarzbuch Deutsche Bahn“ auf dem Markt, liefert der Konzern bereits Stoff für einen zweiten Teil jener Generalabrechnung mit dem selbst ernannten „Unternehmen Zukunft“. Und Petrus hilft mit Schnee und Frost, dass bei der Frustmaximierung der Bahnkunden auch ja nichts schiefgeht.
Seit Wochen klagen die über Zugausfälle, Verspätungen, übervolle Züge und kaputte Toiletten. Zahlreiche Intercity-Express-Verbindungen verdienen den Namen derzeit nicht. Wenn die ICE fahren, dann häufig zu spät und nur mit halber Kapazität, also einteilig statt mit dem üblichen Doppelzug.
Mitunter gibt es an Bahnhöfen verlängerte Pinkelpausen, weil die Toiletten im Zug gesperrt sind. Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken im Westen gilt ein Tempolimit von 200 Stundenkilometern. Das klingt für Reisende auf ostdeutschen Schienen schon wie ein Hohn, von Nicht-ICE-Strecken wie Dresden–Berlin ganz zu schweigen.
„Extrem angespannte Lage“
Insider berichten von schneeverwehten Weichen, defekten und deshalb abgeschalteten Bremsen und gedrosselter Geschwindigkeit. Das Gleiche gelte für die Neigetechnik. Der Konzern räumt eine „extrem angespannte Lage“ ein, bestreitet aber vehement Sicherheitsmängel und Abstriche bei der Wartung. Kälte, Eisregen und Schneeverwehungen – gepaart mit bis zu zehnmal häufigeren Ultraschallchecks der ICE-Achsen – seien Schuld an Ausfällen und reduziertem Wagenpark. Züge kämen erst verspätet in die Instandhaltungswerke und müssten dort fünf bis acht Stunden enteist werden, ehe die Techniker arbeiten könnten.
„Auch wenn die Kältewelle zwei Wochen zurückliegt, gibt es bis heute Nachwehen“, sagt Bahnsprecherin Änne Kliem. „Witterungsbedingt fahren die ICE-Züge nach wie vor teilweise einteilig oder werden durch IC ersetzt.“ Sächsische Sorgenkinder seien die Strecken von Dresden nach Frankfurt am Main und von Leipzig nach München.
Mitunter werde wegen des Zeitdrucks das kleinere Übel gewählt. Wegen einer kaputten oder nicht geleerten Toilette falle kein Zug aus, sagt sie. In den Bahnwerken gebe es einen Wartungsstau, der abgearbeitet werden müsse. Die Berliner Zentrale spricht deshalb gar von Einschränkungen bis ins Frühjahr hinein.
Wolfram Leuze, beim Fahrgastverband Pro Bahn Sprecher für Mitteldeutschland, kann die Erklärungen der Bahn nur bedingt nachvollziehen. „Eisige Winter gab es schon immer“, sagt er. Er spricht von zu wenig Personal, einem zu kleinen Wagenpark und fehlender Reserve. „Bei der japanischen Bahn sind die Umläufe noch knapper, aber die Wagen sogar geputzt“, so der Kundensprecher. Er kritisiert „dürftige Informationen für die Reisenden“ und meint, dass die Bahn, „statt sich immer wieder zu rechtfertigen, auch Fehler zugeben könnte“.
Bahnchef: Hersteller schuld
Die Bahn hat sich mittlerweile auch eine Meinung zum „Schwarzbuch“ gebildet: Es sei „einseitig geschrieben und ignoriert viele Fakten“, sagt Sprecher Achim Stauß. „Die angeblichen Enthüllungen sind größtenteils bekannt.“
Kunden und Beschäftigte erleben sie hingegen immer wieder neu: zu spät, zu unsicher, zu teuer. „Nein, wir werden uns nicht juristisch gegen das Buch wehren“, sagt Stauß auf Nachfrage. Bahnchef Rüdiger Grube handelt dennoch: Er macht die ICE-Hersteller verantwortlich und fordert die Senkung der Mehrwertsteuer für Fahrkarten.
Informationen über Verspätungen gibt es unter www.bahn.de/aktuell oder unter der kostenfreien Telefonnummer 08000996633.
Christian Esser, Astrid Randerath: Schwarzbuch Deutsche Bahn, C. Bertelsmann Verlag 2010, 299 Seiten, 19,95 Euro
Seit Wochen klagen die über Zugausfälle, Verspätungen, übervolle Züge und kaputte Toiletten. Zahlreiche Intercity-Express-Verbindungen verdienen den Namen derzeit nicht. Wenn die ICE fahren, dann häufig zu spät und nur mit halber Kapazität, also einteilig statt mit dem üblichen Doppelzug.
Mitunter gibt es an Bahnhöfen verlängerte Pinkelpausen, weil die Toiletten im Zug gesperrt sind. Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken im Westen gilt ein Tempolimit von 200 Stundenkilometern. Das klingt für Reisende auf ostdeutschen Schienen schon wie ein Hohn, von Nicht-ICE-Strecken wie Dresden–Berlin ganz zu schweigen.
„Extrem angespannte Lage“
Insider berichten von schneeverwehten Weichen, defekten und deshalb abgeschalteten Bremsen und gedrosselter Geschwindigkeit. Das Gleiche gelte für die Neigetechnik. Der Konzern räumt eine „extrem angespannte Lage“ ein, bestreitet aber vehement Sicherheitsmängel und Abstriche bei der Wartung. Kälte, Eisregen und Schneeverwehungen – gepaart mit bis zu zehnmal häufigeren Ultraschallchecks der ICE-Achsen – seien Schuld an Ausfällen und reduziertem Wagenpark. Züge kämen erst verspätet in die Instandhaltungswerke und müssten dort fünf bis acht Stunden enteist werden, ehe die Techniker arbeiten könnten.
„Auch wenn die Kältewelle zwei Wochen zurückliegt, gibt es bis heute Nachwehen“, sagt Bahnsprecherin Änne Kliem. „Witterungsbedingt fahren die ICE-Züge nach wie vor teilweise einteilig oder werden durch IC ersetzt.“ Sächsische Sorgenkinder seien die Strecken von Dresden nach Frankfurt am Main und von Leipzig nach München.
Mitunter werde wegen des Zeitdrucks das kleinere Übel gewählt. Wegen einer kaputten oder nicht geleerten Toilette falle kein Zug aus, sagt sie. In den Bahnwerken gebe es einen Wartungsstau, der abgearbeitet werden müsse. Die Berliner Zentrale spricht deshalb gar von Einschränkungen bis ins Frühjahr hinein.
Wolfram Leuze, beim Fahrgastverband Pro Bahn Sprecher für Mitteldeutschland, kann die Erklärungen der Bahn nur bedingt nachvollziehen. „Eisige Winter gab es schon immer“, sagt er. Er spricht von zu wenig Personal, einem zu kleinen Wagenpark und fehlender Reserve. „Bei der japanischen Bahn sind die Umläufe noch knapper, aber die Wagen sogar geputzt“, so der Kundensprecher. Er kritisiert „dürftige Informationen für die Reisenden“ und meint, dass die Bahn, „statt sich immer wieder zu rechtfertigen, auch Fehler zugeben könnte“.
Bahnchef: Hersteller schuld
Die Bahn hat sich mittlerweile auch eine Meinung zum „Schwarzbuch“ gebildet: Es sei „einseitig geschrieben und ignoriert viele Fakten“, sagt Sprecher Achim Stauß. „Die angeblichen Enthüllungen sind größtenteils bekannt.“
Kunden und Beschäftigte erleben sie hingegen immer wieder neu: zu spät, zu unsicher, zu teuer. „Nein, wir werden uns nicht juristisch gegen das Buch wehren“, sagt Stauß auf Nachfrage. Bahnchef Rüdiger Grube handelt dennoch: Er macht die ICE-Hersteller verantwortlich und fordert die Senkung der Mehrwertsteuer für Fahrkarten.
Informationen über Verspätungen gibt es unter www.bahn.de/aktuell oder unter der kostenfreien Telefonnummer 08000996633.
Christian Esser, Astrid Randerath: Schwarzbuch Deutsche Bahn, C. Bertelsmann Verlag 2010, 299 Seiten, 19,95 Euro







