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Sachsen
Montag, 23. Januar 2012
(Sächsische Zeitung)

Die Droge, die alles möglich macht

Von Thomas Christmann

Crystal macht wach, selbstbewusst – und krank. Von Tschechien gelangt das Rauschgift nach Sachsen. Hier gibt es das inzwischen überall, wie ein ehemaliger Konsument aus Dresden berichtet.

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Proben der synthetische Droge Crystal liegen in Dresden im Landeskriminalamt Sachsen. Das Rauschgift gilt als eine der gefährlichsten Drogen überhaupt. Foto: dpa

Mit 13 Jahren beginnt Paul* mit Kiffen, ein Jahr später folgen Koks und Heroin. Erst ab und zu, dann täglich. Um alles zu vergessen, wie er heute sagt. Sein Vater ist Alkoholiker, stirbt später daran. Die Mutter lernt einen neuen Mann kennen. Sie ziehen zu ihm, wohnen in einer Leipziger Plattenbausiedlung. Doch der verprügelt beide. Paul haut von Zuhause ab, schläft bei Freunden oder in leerstehenden Häusern. Er vernachlässigt die Schule, muss von der Real- in die Hauptschulklasse.

Für den täglichen Rausch fängt er an zu stehlen, überfällt Passanten auf der Straße. Mit 14 Jahren sitzt Paul erstmals im Gefängnis, wegen Körperverletzung und Raub. Es folgen die erste Entgiftung und der Rückfall. Die Sucht ist zu stark. „Du kommst raus, und nichts macht mehr Spaß, alles ist leer“, sagt er. So geht das bis 2007. Zu dem Zeitpunkt hat Paul insgesamt fünfeinhalb Jahre im Gefängnis und über 15 Entgiftungen hinter sich.

Er zieht nach Dresden, will einen Neuanfang. Der 28-Jährige macht eine Therapie, baut sich einen neuen Freundeskreis auf. Er beginnt eine Ausbildung zum Sozialassistenten und organisiert Musikprojekte. Dreimal die Woche geht er ins Fitnessstudio und zum Kampfsport. Er lernt seine Freundin kennen, wird Vater. Um die Familie zu ernähren, muss Paul nebenher arbeiten. „Ich hatte keine Kraft mehr“, erzählt er.

Drei Jahre ist Paul sauber, als ihm ein Kollege Anfang 2011 Crystal anbietet. „Die perfekte Arbeiterdroge, niemand kann dir mehr was“, sagt er. Plötzlich geht wieder alles, auch wenn der 28-Jährige ab sofort kaum noch schläft, isst und trinkt. Familie und Freunde sind stolz auf ihn, wie er das alles meistert – und Paul, wie er sein Drogenleben verstecken kann. Täglich schnupft er nun Crystal, gibt im Monat über 900 Euro aus, verkauft dafür alles Mögliche.

Im Nachbarland legal

Dabei gilt das Rauschgift als eine der gefährlichsten Drogen überhaupt. Aber eben auch als eine, die günstig und leicht verfügbar ist. Die Grundstoffe Ephedrin und Pseudoephedrin sind Substanzen, die sich in vielen frei verkäuflichen Erkältungsmitteln finden. Meist stammt das Zeug aus Tschechien und wird in Sachsen nur weiterverkauft. Rund 30 Euro kostet das Gramm, genug für mehrere Tage. Hinter dem Drogenhandel stecken nach Angaben des Zolls und Landeskriminalamtes vor allem Vietnamesen, die Crystal in kleinen Hinterland-Laboren herstellen.

Anlaufpunkt sind die Märkte entlang der tschechischen Grenze. An den Bretterbuden, die sonst Gartenzwerge, Einkaufskörbe und anderen Ramsch anbieten, gelten Deutsche im Alter von 18 bis 35 Jahren als potenzielle Crystal-Kunden. „Die wissen schon, wie sie sich bemerkbar machen“, sagt Heike Wilsdorf vom Hauptzollamt in Dresden.

Bis Ende November 2011 registrierten die Beamten 74 Fälle und stellten dabei 2,9 Kilo Crystal sicher. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2010 haben sie nur 36 Rauschgiftdelikte erfasst. Ähnlich die Situation beim Landeskriminalamt: 2010 lagen hier 2062 Verstöße mit Methamphetaminen/Amphethaminen vor. Fast 90 Prozent hatten mit Crystal zu tun, bestätigt Harald Schwab von der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift. Für 2011 rechnet er mit einer weitaus größeren Steigerung. Diese Einschätzung teilen auch die Strafverfolger. Crystal habe einen großen Anteil bei den Verfahren, sagt der Dresdner Staatsanwalt Lorenz Haase. Besonders alarmierend sei die neue Qualität der Droge. Der Wirkstoffgehalt liege bei über 80 Prozent – Schwab nennt Crystal den Porsche unter den Rauschgiften.

Für den Markt in Sachsen spielen aber nicht nur Herstellung, Verfügbarkeit und Preis eine Rolle. Grund ist auch die Legalisierung der Droge in Tschechien seit 2010. So sind bis zwei Gramm zum Eigengebrauch erlaubt, bis sechs Gramm begeht der Besitzer nur eine Ordnungswidrigkeit. „Wir sind bei den Kontrollen sensibilisiert“, sagt Heike Wilsdorf anlässlich der gestiegenen Crystal-Aufgriffe. Auch Tschechiens Polizei und Zoll wollen demnächst alle Märkte entlang der Grenze überprüfen.

Immer mehr suchen Hilfe

Paul haben sie noch nie erwischt. Er braucht auch gar nicht bis zur Grenze zu fahren. Gerade in den Großstädten mache sich die Droge unaufhörlich breit. „Dresden ist Crystal-verseucht“, berichtet er. Hier gäbe es keine Straße, wo nicht irgendjemand das Zeug habe. Und es betreffe alle Schichten. Irgendwann leidet Paul an Paranoia. Er redet sich ein, Freunde wollen ihm Böses, sucht monatelang nach einem Trojaner auf seinem Computer, gibt anderen die Schuld dafür.

Wer einen Ausweg aus dem allmählichen körperlichen und geistigen Verfall sucht, kommt in eine der 46Suchtberatungsstellen im Freistaat. Nach dem Bericht der ambulanten Suchtkrankenhilfe von 2010 haben sich 5625 Personen wegen illegaler Drogen helfen lassen. Das ist bereits jeder fünfte Klient. Erstmals zählen Stimulantien wie Crystal zu den häufigsten Substanzen. Auch das Einstiegsalter sinkt. Bei den Stimulantien liegt es zwischen 17 und 18Jahren.

Gerade Klienten mit Crystal seien schwierig zu therapieren, weil ihre Persönlichkeit durch die Droge stark beeinflusst ist, erklärt Olaf Rilke, Geschäftsstellenleiter der sächsischen Beratungsstelle. Obwohl Wartezeiten von bis zu drei Wochen gering erscheinen, müsse schnell gehandelt werden. Schließlich springen viele Crystal-Konsumenten ab, weil sie den Termin einfach vergessen haben. Die Beratungsstellen werden meist von den Kommunen finanziert, und die müssen sparen.

Auch Paul will weg von Crystal. Ein Besuch bei der Mutter ist seine Chance. Die ersten Tage bleibt er fast nur liegen, bekommt Albträume. Danach macht der 28-Jährige eine Entgiftung, spricht sich mit Familie und Freunden aus. „Plötzlich hast du wieder Spaß an den kleinen Sachen“, berichtet er. Seit Dezember absolviert Paul in der Heilerziehungspflege seinen Bundesfreiwilligendienst, will 2012 sein Fachabitur nachholen, dann Sozialpädagogik studieren und als Streetworker arbeiten – um anderen zu helfen. „Ich fühle mich gut“, sagt er.

*Name von der Redaktion geändert



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