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Sachsen
Dienstag, 11. Oktober 2011
(Sächsische Zeitung)

Die Broiler kommen

Von Ulrich Wolf

Der weltgrößte Hähnchenzüchter Erich Wesjohann hat Sachsen für sich entdeckt. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viel Fördergeld für ihn.

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Erich Wesjohann (r.) erklärt Sachsens Landwirtschaftsminister Frank Kupfer die Zuchtfarm in Stauchitz im Landkreis Meißen. Foto: Robert Michael

Bei der Begrüßung setzt das Gedächtnis aus. „Herzlich willkommen Herr ... hmmm, Herr ...?“, stottert der Bürgermeister.

„Wesjohann“, flüstert jemand.

„Herr Westjohann“, ruft der Bürgermeister erleichtert in die Runde.

Fast richtig. Ein „t“ zu viel. Erich Wesjohann heißt der Mann mit dem schlohweißen Haar in der ersten Reihe. Multimillionär, Chef des größten Geflügelzuchtunternehmens der Welt. Nun schickt der 66-Jährige sich an, Sachsen zu einem seiner größten Standorte auszubauen. Allein er ist der Grund, warum am Mittwoch dieser Woche das kleine Stauchitz im Landkreis Meißen hohen Besuch empfängt: Sachsens Landwirtschaftsminister Frank Kupfer ist da, der frühere Justizminister und jetzige Landtagsabgeordnete Geert Mackenroth und auch der Landrat. Fast alle Gemeinderatsmitglieder geben sich die Ehre, ein paar Firmenchefs aus Niedersachsen und einige Männer in dunklen Anzügen, die Niederländisch sprechen.

Sie alle weihen drei Hühnerställe ein. In einer Senke, einen Kilometer vom Dorf entfernt. Drei gelbe Farbtupfer im weiten Ackerland der Lommatzscher Pflege.

Erich Wesjohann ist der Investor. Er stammt aus dem Oldenburger Land, südwestlich von Bremen. Seine EW-Gruppe ist mit 40 Firmen und 4500 Beschäftigten auf allen Kontinenten vertreten. Fast eine Milliarde Euro setzt der Konzern um, in der Broiler-, Puten- und Fischzucht, im Getreidehandel, in der Eier- und Pilzproduktion.

Erich Wesjohann züchtet, was unter anderem sein Bruder Paul unter der Marke „Wiesenhof“ überaus erfolgreich mästet und schlachtet: Hochleistungshühner. Für Tierschützer sind die Brüder, die 1998 das väterliche Erbe unter sich aufteilten, wegen ihrer Massentierhaltung die Feindbilder schlechthin – erst recht nach der aufsehenerregenden ARD-Reportage „Das System Wiesenhof“, die Ende August im Fernsehen lief und erschütternde Bilder gequälter und verstümmelter Kreaturen zeigte.

In Sachsen aber ist die Wesjohann-Familie offensichtlich willkommen, für das Landwirtschaftsministerium gar ein Aushängeschild, für den Impfstoffkonzern Glaxo-Smith-Cline in Dresden ein zuverlässiger Lieferant von Serumeiern. Erich Wesjohann weiß Sachsens Agrarpolitik zu schätzen.

Fast schüchtern steht er da am Pult vor den rund 50 Gästen in jenem Raum der Stauchitzer Geflügelfarm, in dem ab Dezember die Eier von 38.000 Hühnern verpackt werden. Der Agrarindustrielle setzt seine Brille ab, liest vom Blatt. Die Blitzlichter der Fotografen irritieren den öffentlichkeitsscheuen Mann. Wesjohann lobt die Behörden, den Bürgermeister. Alle hätten sich „aufgeschlossen gegenüber unserem Vorhaben gezeigt“. In Stauchitz will Wesjohann die „Großeltern der künftigen Broiler“ halten.

Während in den Mastfarmen bis zu 20 Hennen auf einem Quadratmeter ihr Dasein fristen, sind es in den EW-Zuchtanlagen wie in Stauchitz nur sieben Tiere: sechs Hennen und ein Hahn. In ihrer 20.-sten Lebenswoche kommen sie in den Stall, bleiben dann 40 Wochen mit nur einem Ziel: sich zu paaren und Eier zu legen bis zum Umfallen. 30.000 Stück am Tag sollen via Fließband aus den Ställen rollen.

Sachsens Landwirtschaftsminister Frank Kupfer hat sichtlich gute Laune. Er lobt die EW-Gruppe, die Wert lege „auf beste Lebensbedingungen der Tiere“. Die Investition sei „eine gute Tat für Sachsen, eine gute Tat für Arbeitsplätze im ländlichen Raum“. Dann zwängt sich der Christdemokrat mit Wesjohann durch die Stuhlreihen, vorbei am Kuchen- und Schnittchenbüffet. Gemeinsam durchschneiden die beiden ein grün-weißes Band. An den Betonwänden glänzen Wasser-, Abwasser- und Abluftleitungen. Computer steuern Futterdosierung, Licht und Wärme. Fast klinisch rein wirkt der Stall, besser: die Halle. 80Meter lang, 20 Meter breit. 100 Kilometer Kabel sind in der Stauchitzer Erde verbuddelt. Die automatischen Futterketten und -tröge erreichen eine Länge von 3,6 Kilometern. Einer Perlenschnur gleich reihen sich in jedem Stall 2000 Getränkenippel aneinander. „Die sind rot, das zieht die Tiere an“, sagt ein EW-Manager. Schwarze Boxen mit einem roten Vorhang, die die Hennen nur über ein ansteigendes Kunststoffkonstrukt erreichen können, imitieren das Nest. „Hennen schlafen gerne erhöht“, sagt der Manager. „Früher war es der Baum, nun ist es diese Box.“ 2,5 Millionen Euro hat Wesjohann in Stauchitz investiert.

Widerstand im Dorf gibt es kaum. Einzig Gemeinderätin Christel Prusselt sorgt sich wegen des möglichen Gestanks. Nun, da sie die Hallen gesehen habe, sei sie „unentschieden“, sagt die 62-Jährige. Der EW-Mann im dunklen Anzug betont, die Anlage sei geruchsdicht, der Mist werde regelmäßig abgeholt. Für Bürgermeister Peter Geißler ist die Diskussion mit dem Argument „Gerüche gehören zum ländlichen Raum“ erledigt.

Landwirtschaft prägt das Dorf. Die Hallen des Agrarhändlers Baywa gehören ebenso dazu wie der Obst- und Gemüsehandel von Bernd Wundrak, dessen Eingang ein Schild ziert mit der Aufschrift: „1. Gurkenkönig von Sachsen“. Und nun ist auch noch das Oberhaupt der Broilerzüchter da.

Und nicht nur dort. Im acht Kilometer entfernten Dennschütz hat die EW-Gruppe sechs Hallen mit 50.000 Tieren. Für weitere sieben Standorte in Ost- und Mittelsachsen hat sie Genehmigungen beantragt oder mit dem Bau ihrer Ställe bereits begonnen. Hinzu kommen drei Standorte bei Bautzen zur Produktion von Serumeiern. Sind alle Ställe fertig, dürfte die Zahl der Hühner in Sachsen auf mehr als 8,5 Millionen steigen.

Das Herzstück von Wesjohanns sächsischen Firmen aber liegt in Hilbersdorf bei Freiberg: Europas größte Zuchtbrüterei. Dort schlüpfen monatlich bis zu eine Million Küken – aus Eiern, wie sie in Stauchitz produziert werden. Von Hühnern, die als extra gezüchtete Hybridrassen unter Bezeichnungen wie „Cobb 500“ oder „Ross 308“ im Freien nicht lange leben würden: zu schwache Beine, zu starke Brust. Es sind mit Proteinen angereicherte Tierprodukte, um den Bedarf nach billigem Hühnchenfleisch zu decken.

Das weiß auch Minister Kupfer. „Der Verbraucher will das so“, sagt er in Stauchitz. „Wenn wir es nicht machen, dann machen es ausländische Betriebe, in denen Tierschutz gar keine Rolle spielt.“ Die Regierung werde die Diskussion um Tierfabriken aushalten, auch in der Landtagsdebatte darüber am kommenden Donnerstag. Er jedenfalls freue sich, Investoren wie Erich Wesjohann „mit Fördermitteln zu unterstützen“, sagt Kupfer. Die EW-Gruppe unterstütze sein politisches Ziel, „die Veredlungswirtschaft zu stärken“. Zwölf Millionen Euro investierte Wesjohann in Hilbersdorf, davon waren fast vier Millionen Subventionen.

Bei der Förderung von Geflügelställen ist Sachsen in Deutschland mit Abstand Spitze. 2008 und 2009 flossen dafür 34 Millionen Euro Steuergelder. Zum Vergleich: Das zweitplatzierte Brandenburg gab acht Millionen Euro aus. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft warnt vor einer „Agrarfabrikenflut in Sachsen“. Grünen-Landeschef Volker Zschocke zürnt: „Mit der hohen Subventionierung von Tierfabriken degradiert die Landesregierung Lebewesen zu einem Bestandteil eines industriellen Fertigungsprozesses.“

"Nach einer Stunde machen sich in Stauchitz die meisten Autos aus dem Staub der Lommatzscher Pflege. Kupfer und Wesjohann haben viel miteinander geredet - aber wohl kaum über die neuen Arbeitsplätze im Dorf. Das sind auf der vollautomatisierten Zuchtfarm nur zwei, gefördert mit je 300.000 Euro.



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