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Sachsen
Freitag, 30. Oktober 2009
(Sächsische Zeitung)

„Arrogant, überheblich, herablassend“

Von Alexander Schneider
Ein Einzelgänger, arrogant, überheblich, herablassend und nicht in der Lage, mit bestimmten Situationen umzugehen – so schilderte eine Sozialarbeiterin den Schüler, der in der Weiterbildungsakademie Dresden einen Kurs zum Hilfsarbeiter für Lagerwirtschaft und Logistik besucht hatte. „Er saß vorne, ganz links außen. Hatte kaum Kontakte zu anderen.“

Die 49-Jährige beschrieb gestern Alex W., der gerade wegen Mordes an der Ägypterin Marwa El-Sherbini vor dem Landgericht Dresden steht. Die Sozialarbeiterin ist eine Zeugin, von der sich die Schwurgerichtskammer Einblicke in das Wesen des Angeklagten verspricht. Viele Kontakte hatte die Frau nicht zu dem 28-jährigen Russlanddeutschen, der von Hartz IV lebte und ab März 2006 den sechsmonatigen Lehrgang besuchte. W. habe ihre Hilfe kaum nachgefragt. Einmal, als sie ihm bei einer Bewerbung helfen sollte, hatte er das Anschreiben nicht verfasst. „Ich sollte es schreiben, aber das habe ich abgelehnt“, sagte sie: „Das war’s dann.“

Ähnlich war es in einem zweiten Fall. „Er sagte, dass er zu Hause regelmäßig größere Mengen Alkohol trinkt.“ Sie legte ihm nahe, eine Suchtberatung aufzusuchen, doch W. habe das abgelehnt.

Aufgefallen ist W. im Deutschkurs, den er sehr ernst genommen habe. „Er interessierte sich für die Grammatik, fragte intensiv nach allen Ausnahmen – das nervte die Lehrer und Mitschüler.“ In anderen Fächern sei sein Interesse gering gewesen. „Er hatte nur das eine Ziel, er wollte Gabelstaplerfahrer werden. Das war sein einziges Thema“, sagte die Frau. Ein Praktikum in einem Baumarkt platzte, weil er dort auch mal kräftig zupacken musste. Er klagte über Rückenschmerzen.

Deutschtümelei

Aufgefallen war ihr W. durch seine Deutschtümelei. „Einmal drohte ich, ihn aus dem Wagen steigen zu lassen, weil er sich abfällig über einen Mitschüler geäußert habe – antijüdisch.“ In W.s Zeugnis steht, er hat „mit gutem Erfolg“ teilgenommen. „Das steht in jedem Zeugnis, wenn der Teilnehmer bis zum Ende durchgehalten hat“, sagte die So-zialarbeiterin auf die Frage der Richterin Birgit Wiegand.

W. hat am 1. Juli im Landgericht Dresden Marwa El-Sherbini erstochen und deren Mann Elwy Okaz lebensgefährlich verletzt. Okaz kämpfte mit dem Täter um das Messer, als ein Justizbediensteter in den Saal eilte – zusammen mit dem Bundespolizisten, der den Schuss auf Okaz abgegeben hatte. „Die Männer kämpften um die Waffe. Herr Okaz hatte den Messergriff in der Hand, der Täter die Klinge“, sagte der Zeuge – das könnte erklären, warum der Polizist nach mehrmaliger Aufforderung, das Messer fallen zu lassen, auf Okaz geschossen hatte. Der Mann musste für ihn der Angreifer gewesen sein.

Beklemmend und den Tränen nahe schilderte der Wachtmeister, wie er sich gleich um den dreijährigen Sohn von Marwa El-Sherbini gekümmert habe. „Ich bin ganz schmutzig“, habe das blutverschmierte Kind gesagt. Er habe den Jungen aus dem Saal gebracht, abgelenkt und nicht mehr aus den Augen gelassen. Später begleitete er ihn ins Krankenhaus.

Der Prozess gegen Alex W., der auch gestern seine Maskerade nicht abgenommen hatte, wird am Montag fortgesetzt.



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