Ratgeber
Samstag, 20. März 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Die große Diätlüge
Von Katrin Saft
Es gibt hunderte von Diäten. Ein Großteil beruht auf ähnlichen Prinzipien. Doch viele sind umstritten oder sogar wirkungslos. Die Redakteure des Ressorts Modernes Leben haben einige weit verbreitete Methoden getestet – mit mehr und weniger Erfolg. Lernen Sie in den kommenden Wochen dienstags und donnerstags jeweils eine Abnehm- oder Ernährungsmethode kennen und lesen Sie, wie es den Testern dabei ergangen ist. Heute zum Auftakt: Warum Diäten oft nicht funktionieren.
Viele Diäten versprechen schnellen Erfolg. Doch Hungerkuren machen dick, warnen Ernährungspäpste. Foto: dpa
In sz-online
Früher war Essen noch simpel. Was auf den Tisch kam, wurde gegessen – und das, um satt zu werden. Heute muss die Mahlzeit nicht nur den Magen füllen, sondern obendrein auch schlank, gesund und schön machen. Unzählige selbst ernannte Ernährungspäpste tischen uns dabei immer neue Weisheiten auf. „Krebszellen mögen keine Himbeeren“, warnt zum Beispiel der kanadische Arzt Richard Béliveau in seinem Buch. „Abends nur noch Eiweiß und Gemüse“, empfiehlt Bestseller-Autor Detlef Pape. Statt vom Hunger sollen wir uns beim Essen von ayurvedischen Doshas oder Blutgruppen leiten lassen.
Verwirrende Ratschläge
Die Halbwertszeit solcher Ratschläge ist oft erschreckend gering. Waren kürzlich noch Fette verpönt, werden heute vor allem Kohlehydrate geächtet. Das Hühnerei galt jahrelang als Cholesterintreiber und ist inzwischen rehabilitiert. Selbst die der Wissenschaft verpflichtete Deutsche Gesellschaft für Ernährung musste ihre Empfehlung „fünf Mahlzeiten sind besser als drei“ wieder korrigieren.
Der Verbraucher zeigt sich zunehmend verwirrt. Nur schwer kann er noch zwischen Sachverstand und Scharlatanerie unterscheiden. Das Paradoxe daran: Mit der Zahl der Ratgeber und Experten wächst auch das Heer der Dicken. Schon jede zweite Frau und sogar 68 Prozent der Männer in Deutschland sind übergewichtig – Tendenz steigend, wie die jüngste „Nationale Verzehrstudie“ belegt.
Als übergewichtig gelten alle mit einem Body-Maß-Index von mehr als 25. Bei einer 1,60 Meter großen Frau ist das ab etwa 64 Kilo der Fall. Ab 77 Kilo hätte die Dame einen Index von über 30 und wäre damit fettleibig. Längst nicht nur ein optisches Problem. Die Krankenkassen müssen jedes Jahr Milliarden für die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten löhnen: Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall.
Leidensdruck wächst
Für den französischen Ernährungsguru Michel Montignac ist die verfettende westliche Gesellschaft Ergebnis der Degenerierung unserer Ernährungsgewohnheiten. Mit dem Überangebot in den Supermärkten habe sich eine Respektlosigkeit gegenüber der Nahrung entwickelt. Die Industrie setzt Lebensmitteln Konservierungs-, Aroma- und Farbstoffe zu, damit sie haltbarer und vermeintlich gesünder werden. Dabei dürfen Geschmacksverstärker & Co. trickreich hinter sogenannten E-Nummern versteckt werden. Spätestens seit der Diskussion um Analog-Käse und Schinken-Imitat ahnen wir, dass nicht immer drin ist, was draufsteht. Die Politik lässt zu, dass Hersteller Ungesundes als gesund bewerben. Seit Jahren kann sich die Bundesregierung nicht gegen eine Lobby durchsetzen, die eine ehrliche, verständliche Kennzeichnung von Nahrungsmitteln zu verhindern sucht.
Angesichts des zunehmenden Leidensdrucks der Dicken werden immer neue Diäten angepriesen. Titel wie „Schlank im Schlaf“ klingen nach Erfolg ohne Verzicht. Das unabhängige Portal abnehmen.net hat über 220 Diäten bewertet – darunter allerlei Zweifelhaftes wie die Bandwurm-, Bananen und Kohlsuppendiät. „Die meisten Menschen suchen die schnelle Lösung“, sagt Portal-Chefin Peggy Reichelt. Doch die gebe es nicht. Eine Analyse der Zeitschrift „Ökotest“ (Heft 2/2010) belegt, dass ein Großteil der Diätprodukte nur teure Mogelpackungen sind. Die Tester haben 47 Schlankheitsmittel untersucht, die auf drei Wirkmechanismen beruhen: Sie sollen entweder sättigen, den Appetit zügeln oder die Fettverbrennung beschleunigen. Die besten zwei Präparate schnitten gerade mal mit „ausreichend“ ab – darunter das vielfach beworbene Slim-Fast. Das Milch-Shake-Pulver könne zwar den Einstieg ins Abnehmen erleichtern, habe aber keinerlei Lerneffekt für eine dauerhaft gesunde Ernährung, so das Fazit.
Kalorienzählen hilft nicht
Alle übrigen 45 Mittelchen fielen mit „ungenügend“ oder „mangelhaft“ durch: Kautabletten, Kapseln, Granulat. Nach Auffassung der Tester ist deren Nutzen durch Studien nicht ausreichend belegbar. Noch schlimmer: Einige können zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. So warnt das Bayerische Gesundheitsamt schon seit September vor dem Nahrungsergänzungsmittel „Ultra Effect“, weil es die nicht deklarierten Stoffe Sibutramin und Rimonabant enthalte.
Immer mehr Ernährungswissenschaftler schwören inzwischen dem Diätwahn ab. „Diäten machen dick“, sagen zum Beispiel der Franzose Michel Montignac und der Deutsche Uwe Knop – wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Montignac hält das Kalorienzählen und alle darauf aufbauenden Methoden für wirkungslos. Der vom Überlebensinstinkt geleitete Körper stelle sich auf eine gedrosselte Energiezufuhr ein. Der Gewichtsverlust falle immer geringfügiger aus. Wer dann nach einiger Zeit wieder mehr esse, erreiche nicht nur schnell sein Ausgangsgewicht wieder. Der Körper bilde vorsorglich noch zusätzliche Fettreserven – der berühmte Jo-Jo-Effekt. Montignac empfiehlt deshalb eine Ernährungsumstellung, die wir innerhalb dieser Serie noch vorstellen. Seine These: Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie viel, sondern was man isst.
Vier von fünf scheitern
Der Frankfurter Ernährungsexperte Uwe Knop geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist es nicht entscheidend, was man isst, sondern dass man sich gut dabei fühlt. Wir sollten wieder mehr auf unseren Körper hören und nach Hunger und Lust essen, erklärt er in seinem Buch „Kulinarische Körperintelligenz“. Doch was, wenn es uns überwiegend nach Pommes und Kuchen gelüstet?
Fakt ist, dass etwa vier von fünf Abnehmwilligen scheitern – und das hat viele Gründe. Die meisten Diäten machen nicht satt, erzeugen ein ständiges Gefühl des Verzichts und lassen sich schwer mit dem Alltag vereinbaren. Wissenschaftler plädieren dafür, beim Abspecken mehr persönliche Besonderheiten wie die Veranlagung und den Stoffwechsel zu berücksichtigen. Denn nicht jede Diät passt zu jedem.
Abnehmen beginnt im Kopf
Der Erfolg, so herrscht weitgehend Einigkeit, basiert auf drei Faktoren: eine gesündere Ernährung, mehr Bewegung und eine Verhaltensänderung. So lässt sich Sport oft einfach in den Alltag einbauen: Treppensteigen statt Lift nutzen, Rad- statt Autofahren. Am schwierigsten freilich ist es, den inneren Schweinehund zu überwinden, Disziplin und Willensstärke zu zeigen. Psychologen können dabei helfen. Sie empfehlen, vor einem Abspeckversuch klare, realistische Ziel zu benennen. Wer sich zu strenge Regeln auferlegt, verliert die Lust. „Erfolgreich Abnehmen“, sagt die Dresdner Ernährungspsychologin Ilona Bürgel, „beginnt im Kopf“.
Die große Serie "Fit in den Frühling" startet. Immer dienstags und am Sonnabend in der SZ.
Verwirrende Ratschläge
Die Halbwertszeit solcher Ratschläge ist oft erschreckend gering. Waren kürzlich noch Fette verpönt, werden heute vor allem Kohlehydrate geächtet. Das Hühnerei galt jahrelang als Cholesterintreiber und ist inzwischen rehabilitiert. Selbst die der Wissenschaft verpflichtete Deutsche Gesellschaft für Ernährung musste ihre Empfehlung „fünf Mahlzeiten sind besser als drei“ wieder korrigieren.
Der Verbraucher zeigt sich zunehmend verwirrt. Nur schwer kann er noch zwischen Sachverstand und Scharlatanerie unterscheiden. Das Paradoxe daran: Mit der Zahl der Ratgeber und Experten wächst auch das Heer der Dicken. Schon jede zweite Frau und sogar 68 Prozent der Männer in Deutschland sind übergewichtig – Tendenz steigend, wie die jüngste „Nationale Verzehrstudie“ belegt.
Als übergewichtig gelten alle mit einem Body-Maß-Index von mehr als 25. Bei einer 1,60 Meter großen Frau ist das ab etwa 64 Kilo der Fall. Ab 77 Kilo hätte die Dame einen Index von über 30 und wäre damit fettleibig. Längst nicht nur ein optisches Problem. Die Krankenkassen müssen jedes Jahr Milliarden für die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten löhnen: Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall.
Leidensdruck wächst
Für den französischen Ernährungsguru Michel Montignac ist die verfettende westliche Gesellschaft Ergebnis der Degenerierung unserer Ernährungsgewohnheiten. Mit dem Überangebot in den Supermärkten habe sich eine Respektlosigkeit gegenüber der Nahrung entwickelt. Die Industrie setzt Lebensmitteln Konservierungs-, Aroma- und Farbstoffe zu, damit sie haltbarer und vermeintlich gesünder werden. Dabei dürfen Geschmacksverstärker & Co. trickreich hinter sogenannten E-Nummern versteckt werden. Spätestens seit der Diskussion um Analog-Käse und Schinken-Imitat ahnen wir, dass nicht immer drin ist, was draufsteht. Die Politik lässt zu, dass Hersteller Ungesundes als gesund bewerben. Seit Jahren kann sich die Bundesregierung nicht gegen eine Lobby durchsetzen, die eine ehrliche, verständliche Kennzeichnung von Nahrungsmitteln zu verhindern sucht.
Angesichts des zunehmenden Leidensdrucks der Dicken werden immer neue Diäten angepriesen. Titel wie „Schlank im Schlaf“ klingen nach Erfolg ohne Verzicht. Das unabhängige Portal abnehmen.net hat über 220 Diäten bewertet – darunter allerlei Zweifelhaftes wie die Bandwurm-, Bananen und Kohlsuppendiät. „Die meisten Menschen suchen die schnelle Lösung“, sagt Portal-Chefin Peggy Reichelt. Doch die gebe es nicht. Eine Analyse der Zeitschrift „Ökotest“ (Heft 2/2010) belegt, dass ein Großteil der Diätprodukte nur teure Mogelpackungen sind. Die Tester haben 47 Schlankheitsmittel untersucht, die auf drei Wirkmechanismen beruhen: Sie sollen entweder sättigen, den Appetit zügeln oder die Fettverbrennung beschleunigen. Die besten zwei Präparate schnitten gerade mal mit „ausreichend“ ab – darunter das vielfach beworbene Slim-Fast. Das Milch-Shake-Pulver könne zwar den Einstieg ins Abnehmen erleichtern, habe aber keinerlei Lerneffekt für eine dauerhaft gesunde Ernährung, so das Fazit.
Kalorienzählen hilft nicht
Alle übrigen 45 Mittelchen fielen mit „ungenügend“ oder „mangelhaft“ durch: Kautabletten, Kapseln, Granulat. Nach Auffassung der Tester ist deren Nutzen durch Studien nicht ausreichend belegbar. Noch schlimmer: Einige können zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. So warnt das Bayerische Gesundheitsamt schon seit September vor dem Nahrungsergänzungsmittel „Ultra Effect“, weil es die nicht deklarierten Stoffe Sibutramin und Rimonabant enthalte.
Immer mehr Ernährungswissenschaftler schwören inzwischen dem Diätwahn ab. „Diäten machen dick“, sagen zum Beispiel der Franzose Michel Montignac und der Deutsche Uwe Knop – wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Montignac hält das Kalorienzählen und alle darauf aufbauenden Methoden für wirkungslos. Der vom Überlebensinstinkt geleitete Körper stelle sich auf eine gedrosselte Energiezufuhr ein. Der Gewichtsverlust falle immer geringfügiger aus. Wer dann nach einiger Zeit wieder mehr esse, erreiche nicht nur schnell sein Ausgangsgewicht wieder. Der Körper bilde vorsorglich noch zusätzliche Fettreserven – der berühmte Jo-Jo-Effekt. Montignac empfiehlt deshalb eine Ernährungsumstellung, die wir innerhalb dieser Serie noch vorstellen. Seine These: Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie viel, sondern was man isst.
Vier von fünf scheitern
Der Frankfurter Ernährungsexperte Uwe Knop geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist es nicht entscheidend, was man isst, sondern dass man sich gut dabei fühlt. Wir sollten wieder mehr auf unseren Körper hören und nach Hunger und Lust essen, erklärt er in seinem Buch „Kulinarische Körperintelligenz“. Doch was, wenn es uns überwiegend nach Pommes und Kuchen gelüstet?
Fakt ist, dass etwa vier von fünf Abnehmwilligen scheitern – und das hat viele Gründe. Die meisten Diäten machen nicht satt, erzeugen ein ständiges Gefühl des Verzichts und lassen sich schwer mit dem Alltag vereinbaren. Wissenschaftler plädieren dafür, beim Abspecken mehr persönliche Besonderheiten wie die Veranlagung und den Stoffwechsel zu berücksichtigen. Denn nicht jede Diät passt zu jedem.
Abnehmen beginnt im Kopf
Der Erfolg, so herrscht weitgehend Einigkeit, basiert auf drei Faktoren: eine gesündere Ernährung, mehr Bewegung und eine Verhaltensänderung. So lässt sich Sport oft einfach in den Alltag einbauen: Treppensteigen statt Lift nutzen, Rad- statt Autofahren. Am schwierigsten freilich ist es, den inneren Schweinehund zu überwinden, Disziplin und Willensstärke zu zeigen. Psychologen können dabei helfen. Sie empfehlen, vor einem Abspeckversuch klare, realistische Ziel zu benennen. Wer sich zu strenge Regeln auferlegt, verliert die Lust. „Erfolgreich Abnehmen“, sagt die Dresdner Ernährungspsychologin Ilona Bürgel, „beginnt im Kopf“.
Die große Serie "Fit in den Frühling" startet. Immer dienstags und am Sonnabend in der SZ.







