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Politik
Sonntag, 18. April 2010
(Sächsische Zeitung)

Warum wir ein IT-Ministerium brauchen

Von Dietrich Nixdorf

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Kommentare und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht des Autors Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen. Heute: SZ-Redakteur Dietrich Nixdorf beschreibt die Gefahren der technischen Entwicklung des Internets. Er fordert eine größere Sensibilität des Einzelnen und von der Politik neue Regeln, die Schritt halten mit den Möglichkeiten der Datenvernetzung.

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Harriet Jacobs hatte Angst. Nach der Trennung von ihrem prügelnden Ehemann verwischte sie Spuren, die auf sie hinweisen könnten. Im Internet bewegte sie sich unter einem Pseudonym. Nur ihr E-Mail-Konto bei Google deutete noch auf ihre wahre Identität hin. Dann kam Google Buzz. Ein neues Wunderwerk des Weltkonzerns. Es war ein Softwarefehler, der dem Riesen zum Start der Netzplattform im Februar unterlief: Wer sich anmeldete, erhielt automatisch „Freunde“. „Freunde“ können auf Internetplattformen deutlich tiefere Einblicke in die Kommunikation eines Nutzers gewinnen als andere Menschen. In diesem Fall waren die „Freunde“ jene Personen, mit denen die Suchmaschine die meisten E-Mail-Kontakte heraussortiert hatte. Fatal für Harriet Jacobs. Ihr Ex-Mann bekam Informationen über ihren Aufenthaltsort und Arbeitgeber, Informationen, die sie selbst veröffentlicht hatte – allerdings ohne vom Status des Mannes zu ahnen. Ein Horrorszenario für jedes Frauenhaus.

Google reagierte und schaltete die Zuordnung ab. Der Fall zeigt aber, was passieren kann, wenn gespeicherte Daten zusammengefügt werden. Und er zeigt, was der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Hans-Jürgen Papier, gemeint haben könnte, als er bereits 2008 warnte: „Wir sind dabei, uns zu einer privaten Überwachungsgesellschaft internationalen Ausmaßes zu entwickeln.“ Macht das Internet Schluss mit unserer Privatsphäre?

Täglich hinterlassen Menschen Milliarden Datenspuren. An Geldautomaten, mit Payback-Karten – und im Web, dem Raum der größten Datenansammlung in der Geschichte der Menschheit. Vier von zehn Deutschen veröffentlichen dort Informationen über sich. Fotos, Bankkonten und E-Mail-Adressen, Angaben über Interessen und ihr Liebesleben. Belangloses und Hilfreiches. Wer an einer seltenen Krankheit leidet, für den ist es ein Segen, Rat in Netz-Fachforen zu erhalten. Journalisten recherchieren online. Das Internet-Handy macht den Stadtbummel zum Bildungserlebnis, Shopping-Empfehlungen inklusive.

Der Preis sind unsere Daten

Voraussetzung und Preis dafür sind unsere Daten. Sie sind die milliardenschwere Währung des IT-Zeitalters. Algorithmen führen Spuren wie IP-Adresse, Suchbegriff, Zeitpunkt und angewählte Links zusammen und analysieren sie, erstellen Persönlichkeitsprofile und Gruppenraster. Die Ergebnisse sind für die Entwicklungsabteilungen der IT-Konzerne Gold wert. Zudem lassen sie sich gut an Anzeigenkunden verkaufen. Personalisierte Werbung nennt sich das und stellt für viele Menschen kein Problem dar, solange keine Nutzernamen damit in Verbindung gebracht werden. Kritiker warnen jedoch, dass beispielsweise große Suchmaschinen theoretisch Anfragen mit Angaben – etwa aus einem gleichzeitig geöffneten E-Mail-Programm desselben Anbieters – verknüpfen könnten. Die IP-Nummer, eine Ziffernfolge, die auf den jeweiligen Rechner verweist, bekäme dann ein Gesicht. Dem Namen wären Interessen, Fantasien, Besessenheiten zugeordnet.

Zwar verneinen große Anbieter wie Google das Interesse daran. Doch selbst bei gutem Willen, wirkliche Sicherheit kann niemand garantieren. Hackerangriffe auf Google selbst zeigen dies. Die Illusion einer Web-Welt, in der wir uns konsequenzlos bewegen können, ist überholt. Unser Leben ist längst ein digitaler Trampelpfad.

Wohin dies künftig im Extremfall führen könnte, zeigt eine Technologie, die es bald ermöglichen könnte, Gesichter zu identifizieren. Goggle, die neue Handy-Software von Google, kann Handy-Schnappschüsse mit einer Milliarde Bildern aus den Datenbanken vergleichen und ergänzende Informationen zurücksenden. Bislang macht sie dies bei Gebäuden, Weinflaschen, Büchern. Künftig könnte sich die Technik aber auch bei der fremden Frau auf der Straße anwenden lassen. Vorausgesetzt, in den Google-Datenbanken fände sich ein Foto von ihr nebst weiteren Angaben, bedürfte es eines Knipses und ihre Verfolgung könnte beginnen – egal ob durch Scherzkeks oder Sexualstraftäter. Auch wer inkognito unterwegs ist, dürfte sich kaum mehr sicher sein. Ein Seitensprung könnte teuer werden. Noch ist die Gesichtserkennung aus Datenschutzgründen nicht freigegeben. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, warnt aber vor einem potenziellen Instrument der „Rundumüberwachung“.

Was können wir all dem entgegensetzen?

Wir sollten uns überlegen, was wir all dem entgegenzusetzen haben. „Zweifellos wird die Entwicklung einige in Versuchung führen, sich von der Datenwelt fernzuhalten“, glaubt etwa der US-Wirtschaftsjournalist Stephen Baker. „Andere werden sich nur noch auf Zehenspitzen durch das Internet bewegen.“ Einen Rückweg in die Zeit der Karteikästen gibt es allerdings nicht. Kaum eine Erfindung seit dem Buchdruck hat unsere Gesellschaft so tief verändert wie das Internet. Dagegen anzugehen wäre so sinnvoll wie die Wut des antiken Heerführers Xerxes, dem nachgesagt wird, er habe das Meer auspeitschen lassen. Was wir stattdessen brauchen, sind größere Sensibilität jedes Einzelnen, mehr Informationen und eine öffentliche Debatte mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Medien, Schulen und Verbraucherschutzvereinigungen. Es sind dringende Fragen zu klären: Was wollen, was müssen wir preisgeben? Wer speichert was zu welchen Zwecken? Wie können wir uns vor Missbrauch schützen? Ziel muss es sein, das langsame menschliche Bewusstsein dem rasanten Fortschritt technologischer Entwicklung anzugleichen.

In der Politik ist dies viel zu lange nicht erkannt worden. Die bislang gültigen gesetzlichen Regelungen stammten aus der Zeit der Dampflok, monierte die Vizepräsidentin des Bundestags, Petra Pau (Linke), im Sommer 2009. Möglicherweise ändert dies sich gerade. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) etwa fordert einen Datenbrief, in dem Unternehmen ihre Kunden darüber informieren, welche Daten gespeichert werden, und trifft sich mit Hackern vom Chaos Computer Club, um mit ihnen über Sicherheitsrisiken zu diskutieren – ein Umstand, der bei vielen seiner Vorgänger stehende Nackenhaare verursacht haben dürfte. Und selbst der politische Krawall um ein relativ harmloses Projekt wie Googles Straßen- und Gebäude-Scanner Street View darf zumindest als Zeichen dafür gesehen werden, dass Bewegung in die Sache kommt.

Warum nicht Datenschutz zentral organisieren?

Es sind noch unsichere Bemühungen, aber: Warum sollte aus ihnen nicht ein IT-Ministerium hervorgehen, das Erkenntnisse bündelt und international anwendbare Gesetzesvorschläge erarbeitet? Warum sollten nicht alle Schulen künftig einen Internet-Kompetenz-Beauftragten haben, der aufklärt und sensibilisiert? Warum sollte der Datenschutz nicht zentral organisiert werden? Die digitale Welt ist grenzenlos, zuständig für den Netzwerkgoliath Facebook aber ist im föderalen Deutschland der Hamburger Datenschutzbeauftragte.

Bei all dem sollten wir eines nicht verdrängen: Auch die IT-Entwicklung reagiert auf die Zeichen des Marktes. Je lauter etwa die Diskussion um digitale Supermächte und „Datenkraken“, die kostenlos unsere Angaben nutzen, umso größer die Dienstleistungsangebote, die uns bei der Selbstvermarktung der Daten helfen. Je höher die Zahl der kritischen Anfragen, umso vielfältiger die Zahl der Hilfsangebote. Wer kompromittierende Daten fürchtet, kann sich bereits heute an Dienste wie „datenwachschutz.de“ wenden. Es existieren Suchmaschinen wie „Ixquick.com“, die so gut wie keine Angaben speichern. Ihre Bedeutung wird zunehmen und damit das Maß an Selbstregulierung. Wir haben es als Gesellschaft selbst in der Hand. Wir müssen uns dessen nur endlich bewusst werden.



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