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Politik
Donnerstag, 22. Oktober 2009
(Sächsische Zeitung)

In Brüssel wächst die Angst vor Überfällen

Von Detlef Drewes, SZ-Korrespondent in Brüssel
An diesem Abend war es spät im Büro geworden. Als Marita Klümber (Name geändert) das Haus verlässt, kommt sie nur wenige Meter weit. Ein brutaler Tritt in den Rücken, die Handtasche wird ihr entrissen, sie stürzt und zieht sich blutende Wunden zu. Die Täter entkommen mit einigen Hundert Euro als Beute. Es ist der bisher letzte Überfall im Europäischen Viertel der EU-Metropole Brüssel.

Vor zwei Wochen wurde die CSU-Europa-Abgeordnete Angelika Niebler (46) an einem lauen Sommerabend ebenfalls ausgeraubt und schwer verletzt. Die zu Hilfe gerufene Ambulanz kam erst nach 40 Minuten, die Polizei gar nicht.

„Es gibt eine neue Qualität der Straßenkriminalität in Brüssel“, heißt es im Schreiben einer deutschen Landesvertretung. „Bin gestern überfallen worden“, „Bitte warnen Sie Ihre Kollegen und Besucher“, fahren Sie Taxi“ – das sind Einträge in Foren, in denen sich Kommissions- und Parlamentsmitarbeiter sowie EU-Korrespondenten austauschen.

Alle spüren, was der Botschafter Österreichs in einem zweieinhalb Seiten langen Papier festgehalten hat: „Die Sicherheitslage in Brüssel ist generell schlecht.“ Doch so miserabel wie derzeit war es noch nie.

Als die CSU-Politikerin Niebler am Tag nach dem Überfall die zuständige Polizeidienststelle aufsucht, zuckt der Beamte dort nur mit den Schultern. Er wird nichts tun. Verbrechen scheint geduldet.

Erschreckende Statistik

Und das in einer Stadt, in der 35000 EU-Beamte, 2500 Diplomaten, 1400 Journalisten aus 27 Ländern plus Nato-Stab residieren. Bei Einbrüchen und Raubüberfällen ist Belgiens Millionen-Hauptstadt EU-weit Spitze. Inzwischen schickt sie sich an, auch bei den Tötungsdelikten einen der vorderen Plätze zu übernehmen. 2007 wurde ein 17-jähriger Schüler ausgerechnet am internationalen Bahnhof Gare du Midi mit mehreren Messerstichen ermordet, weil zwei Gleichaltrige lediglich seinen Musikplayer haben wollten.

Parallele Welten

Die hohe Kriminalität ist ein Ergebnis der Parallelwelten: Auf der einen Seite das wohlhabende Brüssel, auf der anderen Seite die große Zahl der Zuwanderer aus arabischen Ländern, die jede Integration ablehnen, unter sich bleiben wollen und nicht selten ums Überleben kämpfen. Da erscheint die mit hochmodernen Laptops, Blackberries und I-Phones ausgestattete Diplomatenwelt wie eine Art Selbstbedienungsladen.

Zwischen den Fronten steht eine Polizei, die die Klagen der Betroffenen „völlig übertrieben“ nennt. „Die EU-Mitarbeiter stammen aus den idyllischen Ecken Europas, und wenn sie mit dem Verbrechen in Berührung kommen, erzählen sie allen davon.“

Alle Opfer der jüngsten Übergriffe ballen die Faust vor Wut über solche Ignoranz. Im Sommer wurde ein Mitarbeiter des Deutschen Bundestags auf offener Straße durch mehrere Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Wochenlang rang er mit dem Tode. Von den Tätern keine Spur.

Niebler und andere wie Parlaments-Vizepräsidentin Dagmar Roth-Behrendt wollen nun die Volksvertretung bewegen, von der Stadt Brüssel mehr Schutz und vor allem entschlosseneren Kampf gegen die Kriminellen zu fordern. Dabei gibt es schon seit zwei Jahren eine Task Force der Polizei. Gebessert hat sich die Lage nicht.

Makabre Warnungen

Und deshalb kann es dem Brüssel-Reisenden, der am Südbahnhof (Gare du Midi) den deutschen ICE Richtung Köln besteigt, auch passieren, dass er freundlich von den belgischen Zugbegleitern über Lautsprecher mit den Worten begrüßt wird: „Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt und weisen Sie daraufhin, dass wir Diebe an Bord haben.“ Es ist der gleiche Tonfall, mit dem auch das Menü des Bord-Restaurants vorgelesen wird.



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