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Politik
Mittwoch, 3. März 2010
(Sächsische Zeitung)

„Ich will mich wehren können“

Von Joachim Rogge, SZ-Korrespondent in Washington

Ein unscheinbarer Rentner aus Chicago klagt gegen die Einschränkungen für den privaten Waffenbesitz. Die Waffenlobby frohlockt.

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Sorgenvoll blickt Otis McDonald aus dem Fenster seiner Wohnung in Chicago. Weil er sich unzureichend vor Kriminellen geschützt fühlt, versucht der 76-Jährige, vor dem Obersten Gericht der USA das Recht auf privaten Waffenbesitz einzuklagen. Foto: AP

Otis McDonald ist alles andere als ein Waffennarr. Dass er nun, mit 76 Jahren, im Scheinwerferlicht steht, weil er gegen seine Heimatstadt Chicago zu Felde zieht und vor dem Obersten Gericht darauf klagt, eine Waffe besitzen zu dürfen, ist ihm sichtlich unangenehm. Gewinnt Otis, der achtfache Vater und mehrfache Großvater, vor dem Supreme Court auf dem Washingtoner Kapitolshügel, wird er Rechtsgeschichte schreiben.

Gestern begann die Verhandlung, die Amerikas Waffenlobby mit fiebernder Hochspannung verfolgt, aber erhebliche Kopfschmerzen in Städten und US-Bundesstaaten auslöst, die mit strengen Gesetzen den privaten Waffenbesitz faktisch untersagt haben.

„Die Stadt, der Landkreis, das ganze Land befindet sich im Krieg“, sagt Otis beim Rundgang durch sein Viertel in Chicagos South Side. Seit fast 40 Jahren lebt der heutige Rentner in diesem sozialen Brennpunkt, in dem sich einst auch US-Präsident Barack Obama seine Sporen als Sozialarbeiter verdiente. Folgt man Otis, ist es inzwischen lebensgefährlich geworden, sich in der South Side auf die Straße zu wagen. Mehrfach wurde bei ihm eingebrochen. Auf der Straße pöbeln ihn die Drogendealer an.

Seit fast 30 Jahren hat Chicago hohe Hürden vor dem legalen Waffenbesitz aufgebaut. Nur noch New York ist in dieser Frage ähnlich rigide wie die Stadt am Michigan-See. Weniger geschossen wird trotz des Banns in Chicago nicht. Die Drogenbanden tragen ihre Revierkämpfe mit illegal erworbenen Schusswaffen aus. Und vor allem für Jugendliche ist Chicago zunehmend ein lebensgefährliches Pflaster. 36 Schüler wurden allein im letzten Schuljahr erschossen, „Unsere junge Generation stirbt auf der Straße“, empört sich Diane Latiker. „Die Gewalt traumatisiert unsere Kinder. Waffen gibt es schon mehr als genug“, sagt die 53-Jährige Nachbarin aus der South Side, die ebenso wie Bürgermeister Richard Daley dafür eintritt, den Waffen-Bann auf keinen Fall zu lockern.

Dagegen sieht sich Amerikas Waffenlobby im Aufwind, seit die obersten Richter den Bürgern Washingtons vor zwei  Jahren das Recht einräumten, Waffen legal besitzen zu dürfen. Doch die Hauptstadt war ein Sonderfall, weil sie ihre Geschicke nicht selbst bestimmt, sondern am Gängelband der Regierung hängt. Mit Otis McDonald, dem nachdenklichen  Rentner, hat die Lobby ein sympathisches Gesicht gefunden, um den Fall vor den Supreme Court zu tragen.

Dass in Chicago seit Einführung des Banns 1982 die Zahl der Erschossenen gestiegen ist, sieht die Waffenlobby als Indiz, dass Verbote nichts helfen. „Jedes Mal, wenn Waffen verboten werden, steigt die Mordrate“, kommentierte die konservative „Washington Times“ ganz im Sinne der Waffenlobby. Tatsächlich werden die meisten Morde mit illegal beschafften Waffen begangen. 

Gerüstet für die Stunde X

Auch Otis McDonald macht sich seine Gedanken über den Lauf der Welt. „Natürlich denke ich auch an morgen und wie unsere Welt aussehen wird in fünf oder zehn Jahren.“ Aber dass seine Stadt gesetzestreuen Bürgern den Waffenbesitz verbietet, während 17-Jährige wild um sich schießen, will er nicht mehr länger hinnehmen. „Ich bin 76 und habe noch nie auf jemanden geschossen.“ Doch für die Stunde X will er fortan gerüstet sein.

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