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Politik
Montag, 16. Januar 2012
(Sächsische Zeitung)

Betreuungsgeld ist ein überfälliges Signal

Von Steffen Flath

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht der Autoren und Gesprächspartner Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen. Heute: Steffen Flath, Vorsitzender der CDU- Fraktion des Sächsischen Landtages, über den Streit um die „Herdprämie“. Es muss Schluss damit sein, staatliche und elterliche Fürsorge gegeneinander auszuspielen. Das Betreuungsgeld bedeutet Wertschätzung für die Eltern.

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Was ist besser für unser Kind – Krippe oder klassische Betreuung zu Hause? Nicht selten entbrennt bei dieser wichtigen Frage aller Eltern ein ideologischer Streit, und zuweilen formieren sich unerwartete Allianzen dabei. Foto: dpa

Es muss schlecht bestellt sein um die elterliche Erziehungsleistung in Deutschland. Diesen Eindruck könnte man angesichts des heftig geführten Disputs um das Betreuungsgeld bekommen. Nicht erst seitdem der Koalitionsausschuss von CDU und FDP in Berlin die Einführung des Betreuungsgeldes für Kinder im 2. und 3. Lebensjahr beschlossen hat, streitet die Republik über die von Kritikern als „Herdprämie“ verunglimpfte finanzielle Unterstützung für Eltern.

Botschaft der Wirtschaft

In einem seltenen Schulterschluss lehnen auch Arbeitgeber und Gewerkschaften den Elternbonus ab. Nach Ansicht von Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt und DGB-Chef Michael Sommer würden damit „die falschen Signale“ gesetzt. Es sei sinnvoller, „in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zu investieren“. Frühe Förderung sei wichtig für spätere Berufschancen. Außerdem würde das Geld einen Anreiz schaffen, dem Arbeitsmarkt zunächst fernzubleiben, was die späteren Karrierechancen der Frauen verschlechtern würde.

Ins gleiche Horn stieß vor dem Jahreswechsel der Präsident des deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans Heinrich Driftmann. Er betonte, das Betreuungsgeld konterkariere „tendenziell das Ziel einer höheren Erwerbstätigkeit von Frauen“. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Gert Wagner, verstieg sich sogar zu der Aussage, es sei „heutzutage schwer nachzuvollziehen, warum der Staat Eltern dafür Geld geben soll, damit sie zu Hause bleiben und ihre Kinder erziehen“. Die Botschaft der Wirtschafts- und Arbeitnehmervertreter ist klar: Krippe ist allemal besser als elterliche Betreuung. Kinder gehören schon im Kleinkindalter in staatliche Obhut. Das ist in mehrfacher Hinsicht ein fatales Signal. Mit ihrer Haltung degradiert die Wirtschaft schon ein- bis dreijährige Kleinkinder zu isolierten Bildungssubjekten, die so früh und effektiv wie möglich fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden sollen. Zudem wird Eltern, die sich bewusst dafür entscheiden, in den ersten Lebensjahren ganz für ihre Kinder da zu sein, die gesellschaftliche Anerkennung entzogen. Der Stellenwert von Erziehung durch Mutter und Vater wird von den Wirtschaftsvertretern offenbar geringgeschätzt. Dabei sind es doch die Eltern, die ihre Kinder stark machen. Gerade im Kleinkindalter haben sie einen wesentlichen Einfluss darauf, ob ein Kind um seiner selbst willen sich angenommen, geliebt, verankert und geborgen fühlt und damit neugierig, leistungsfreudig und motiviert in die Zukunft schreitet.

Johann Wolfgang von Goethe wird das Zitat zugeschrieben „zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“. Statt gegen das Betreuungsgeld zu Felde zu ziehen, sollte die Wirtschaft Eltern die Zeit geben, Goethes Vorstellung von elterlicher Erziehung Wirklichkeit werden zu lassen. Bisher stellt es allerdings immer noch ein großes Einstellungs- und Beförderungshemmnis für junge Frauen dar, wenn Arbeitgeber befürchten, die Kandidatin könnte schwanger werden und Elternzeit nehmen. Bei allen Fortschritten in den vergangenen Jahren – auch an familienfreundlichen Angeboten, wie flexible Arbeitszeiten, fehlt es noch.

Unbestritten mag die Kritik am Betreuungsgeld im Einzelfall berechtigt sein. 100 bis 150 Euro im Monat schaffen keine echte Wahlmöglichkeit zwischen Krippe und Job auf der einen Seite und häuslicher Betreuung auf der anderen. Sicher gibt es Eltern, die überfordert sind, die Hilfe und Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder benötigen. Und natürlich ist es nicht auszuschließen, dass das ausgezahlte Betreuungsgeld nicht immer dem Kindeswohl zugute kommt. Aber die Politik darf ihr Handeln nicht allein von diesen Problemfällen ableiten. Und einer Stigmatisierung derer, die sich gänzlich um ihre kleinen Kinder kümmern wollen, bedarf es schon gar nicht.

Staat und Eltern gefragt

Es muss Schluss damit sein, dass staatliche und elterliche Fürsorge gegeneinander ausgespielt werden. Beides ist notwendig und für das Funktionieren des Staates unverzichtbar. Ebenso wie Politik und Wirtschaft das Angebot an Krippen vorantreiben müssen, sollten sie auch auf diejenigen setzen, die für den Staat eine unschätzbare Leistung erbringen: die Eltern. Der Staat wäre verloren, würde es elterliche Liebe und Zuwendung, Erziehung und Wertevermittlung nicht geben. Mutter und Vater sind nicht austauschbar und, wenn überhaupt, nur in Teilen ersetzbar. Das Betreuungsgeld ist ein überfälliges Signal für die Wertschätzung der Elternverantwortung.



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