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Panorama
Samstag, 4. Februar 2012
(Sächsische Zeitung)

„Ich bin ängstlicher geworden“


Hollywoodstar Gary Oldman über unsichtbare Spione, Paranoia im Kalten Krieg und ziemlich fantasielose Kinder.

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Zerschreddertes Herz: Gary Oldman als Spion George Smiley. Foto: StudioCanal/dpa

Es ist die erste Oscarnominierung für Gary Oldman. Dabei steht der 53-jährige Brite schon seit 25Jahren vor der Kamera und hat sich längst als Darsteller wechselhafter Charaktere profiliert. In Hollywood war er lange auf Bösewichte abonniert (“Das fünfte Element“, „Air Force One“). In John le Carrés Thriller „Dame, König, As, Spion“ beweist er nun als Spion George Smiley seine Fähigkeit zur meisterhaften Zurückhaltung. Drei Oscarnominierungen gibt es für den Film, davon eine für Hauptdarsteller Oldman.

Zur Premiere in Berlin erscheint er mit blassem Gesicht, heller Hornbrille und dunklem Sakko, dazu ein locker gebundener Schal.

Herr Oldman, wollten Sie diese Rolle unbedingt – oder wollte die Rolle Sie?

Es war eine dieser seltenen Gelegenheiten. Ich war nicht einer der üblichen Verdächtigen, einer von fünf in der engeren Auswahl, die man sich anschaut. Manchmal ist das einfach lächerlich: Da ziehen sie mich zusammen mit Leo di Caprio und Harrison Ford in die Wahl – und alle für dieselbe Rolle.

Regisseur Tomas Alfredson war also eine wohltuende Ausnahme?

Er wollte als erstes Smiley besetzen, bevor er sich um die anderen Rollen kümmerte. Er ist mit dem Castingdirektor monatelang Listen mit Namen durchgegangen. Nach fünf Monaten wollten sie schon aufgeben, aber dann sagte der Castingdirektor: „Wie wär’s mit Gary?“ Und so kam’s dann.

Mussten Sie überlegen, bevor Sie die Rolle annehmen?

Ich bin alt genug, dass ich mich an die TV-Serie erinnere. Alec Guinness hat sich in dieser Rolle so profiliert und wurde zum Gesicht Smileys. Er war aber fast 70, als er diese Rolle spielte. Deshalb dachte ich erst, ich sei zu jung. Aber Tomas wollte einen jüngeren Smiley. Schließlich habe ich mein Hirn ausgetrickst. Ich bin an die Rolle wie an einen Klassiker herangegangen, der halt öfter interpretiert wird – wie Romeo oder Hamlet.

Ist es schwieriger, eine leise Rolle zu spielen – hier spielen Sie ja fast nur mit Ihrem Blick.

Ich habe 30 Jahre lang darauf gewartet, dass mir jemand so eine Rolle anbietet. Einen Mann, der verschwinden will, der farblos und Teil des Zimmers wird. Er ist jemand, den man vergessen kann, von dem man keine Notiz nimmt. Das ist eine Herausforderung.

Gibt es Parallelen zwischen Schauspielern und Spionen?

Beide können sich geradezu obsessiv auf den Beruf konzentrieren und dabei alles andere ausblenden. Die Schauspielerei besteht auch zu 99 Prozent aus totaler Konzentration auf das, was direkt vor dir liegt. Alles andere wird ausgeblendet, während eines Drehtages „vergisst“ man sogar, dass man in Scheidung lebt. Erst abends stürmen Probleme, Kinder und Telefonanrufe wieder auf dich ein. Es ist fast so, als würde das echte Leben während eines Drehs einfach in der Warteschleife bleiben.

Und wie tickt Smiley?

Genauso: Während der Arbeit blendet er sein Privatleben völlig aus. Sein Leben zu Hause, mit seiner Frau, ist sehr gestört. Sein Herz ist regelrecht zerschreddert worden, dennoch hat er für seine Ehe Opfer gebracht. Smiley ist eigentlich ein großer Romantiker. Die beiden Frauen seines Lebens, Anne und Carla, bekommt man nie zu sehen. Sie bleiben gesichtslos, wie Geister. Smiley ist wunderbar komplex, ein Agent, für den der gefährlichste Ort sein Zuhause ist.

Wie war es für Sie, diese Rolle zu spielen, die in der Zeit des Kalten Krieges angesiedelt ist? Wie erinnern Sie sich an die Siebziger?

Ich erinnere mich noch ein wenig an den Kalten Krieg. Ich war damals ein Teenager, dementsprechend habe ich mich mehr mit mir selbst beschäftigt. Oder mit Mädels und David Bowie. Dass der Weltfrieden gefährdet war, ging mir nicht durch den Kopf. Es ist auch schwer, eine Ära zu analysieren, wenn man gerade in ihr lebt. Aus der Distanz ist es viel einfacher zu beurteilen, ob die Paranoia der damaligen Zeit angebracht war.

Und, war sie es?

Heute würde man das wohl verneinen. Aber ich beneide die Politiker und Präsidenten dieser Ära nicht um ihre Jobs. Ihre Entscheidungen mussten sie unter dem damaligen Druck fällen. Es war schwer zu unterscheiden, was der Paranoia entsprang und was eine reale Bedrohung darstellte. Ähnlich schwierig ist es heute: Sollen wir uns vor Iran fürchten? Wenn ein Mann sagt, er will Amerika vernichten, soll man ihm das glauben oder es für einen Bluff halten?

Sie sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Als Teenie haben Sie sich das Klavierspiel selbst beigebracht. Waren Sie eher introvertiert?

Ja, ich habe schon als Kind immer sehr in meiner eigenen Gedankenwelt gelebt.

War das eine Art mentale Vorbereitung auf Ihre Berufung?

Wenn man so viel Zeit in seiner Fantasie zubringt, ist der Sprung zur Schauspielerei nicht mehr groß – egal, welchen sozialen Hintergrund man hat. Ich versuche, meine Kinder mehr zum Lesen zu motivieren, aber heute gibt’s für Kids so viel Zerstreuung. Ich habe damals nur „Batman“ im Fernsehen gesehen. Vielleicht hätte ich heute statt Klavier auch mit der Playstation gedaddelt.

Sind Sie als Vater ungeduldig?

Manchmal schon. Da ziehe ich schon mal die Playstation aus dem Strom. „Wir benutzen jetzt einfach mal unsere Fantasie“, sage ich den Kids dann. Es ist schwierig, sie mal nach draußen zu lotsen, in die Natur, um dort zu spielen.

Sie haben drei Söhne...

Egal, wo man heute auf Eltern trifft, immer kommt dieses Thema zur Sprache. Es ist universell geworden. Dann erzählt einem die Mutter voller Stolz, dass ihr Sohn mit drei Jahren schon Bücher liest, und man denkt im Stillen: „Warte nur, bis er in die Schule kommt und die X-Box entdeckt.“

Haben Sie eine erfolgreiche Methode, um Ihre Kinder in das Reich der Fantasie zu versetzen?

Manchmal reicht es schon, sie mit dem Hund rauszuschicken. Hauptsache, sie setzen sich in Bewegung. Immerhin haben sie einen Garten. Als ich mitten in London aufwuchs, habe ich bis elf Uhr abends unter der Straßenlaterne Fußball gespielt, bis meine Mutter mich reinrief. Meine Kinder lasse ich nur ungern allein auf die Straße. Ich bin wohl ängstlicher geworden oder möchte sie beschützen. Es kommt mir auch vor, als würden heute mehr Irre herumlaufen als früher.

Was ist die größte Herausforderung als Vater?

Loslassen zu können.

Wie ist es, in den USA zu leben, aber in Europa zu drehen?

Als sei ich nie fort gewesen. Die letzten zehn Jahre waren mit „Harry Potter“ und „Dark Knight“ sehr fantasy-orientiert, aber durch sie habe ich oft in Europa gearbeitet. Meine Frau und ich konnten so ab und an unsere Familien besuchen.

„The Dark Knight Rises“ ist einer der Filme, die in diesem Jahr sehnlichst erwartet werden. Verraten Sie etwas?

Das darf ich nicht. Ich bin vertraglich zur Geheimhaltung verpflichtet. Es ist eine gute Geschichte mit einem epischen Ende, so viel kann ich sagen. Wenn ich Ihnen mehr erzähle, müsste ich Sie anschließend um die Ecke bringen. (lacht)

Die Fragen stellte Mariam Schaghaghi.



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