Panorama
Samstag, 4. Februar 2012
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Der unbarmherzige Dieter und das große Bibbern
Von Sibirien bis Italien regiert rekordverdächtige Kälte. Vor allem in Osteuropa leiden die Menschen. Viele verlieren den Kampf gegen den unerbittlichen Winter.
Constanta, Rumänien, – 8 Grad. Ein Kind läuft hinter einem mit Eis bedeckten Wellenbrecher. Das Schwarze Meer friert nahe der Küste zu. Foto: dapd
Es heißt Dieter, ganz unspektakulär. Aber es ist ungeheuer groß, erstreckt sich von Sibirien bis Frankreich, von Hamburg bis Rom. Und es schlägt zu. Unerbittlich. Mit eisiger Kälte. Das Hoch „Dieter“ dringt durch alle Ritzen, verwandelt Wohnungen in Gefriertruhen. Schienen bersten, Diesel wird klumpig, Eisbrecher hängen fest, Flüsse frieren zu, der Verkehr bricht zusammen. „Dieter“, ein Hoch der Unbarmherzigkeit, es zieht eine eisig-schaurig-schöne Spur durch Europa. Mehr als 220 Menschen hat „Dieter“ schon sterben lassen.
Schon „Dieters“ Geburt in Sibiren vor fünf Tagen war eine eisige Angelegenheit. Arktische Kaltluft drang nach Süden vor, hoch oben in der Atmosphäre löste sich die Kaltluft ab. Ein gigantischer Tropfen – Meterologen sprechen von einer „Insel“ – zieht nun schon seit Tagen unbeirrt nach Westen. Selbst in seiner Heimat Sibirien hat „Dieter“ die Temperaturen auf ungewohnte Werte stürzen lassen. Erstmals seit Jahren ist die Fährverbindung zur Insel Putjatina nahe der Großstadt Wladiwostok am Pazifik wegen dicker Eismassen unterbrochen. Russische Behörden melden 64 Tote. Wegen der vielen Erfrierungen werden in Moskaus Krankenhäusern Betten knapp. Katastrophenschutzminister Sergei Schoigu hat angeordnet, Obdachlose mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Spur des Todes
Eine Spur des Todes zieht „Dieter“ vor allem durch die Ukraine. Dort sind bereits 101 Menschen gestorben, die meisten Leichen wurden in Straßen gefunden. Mehr als 1.200 Menschen erlitten schwere Erfrierungen. Im ganzen Land schwanken die Temperaturen zwischen minus 20 und minus 32 Grad. Inzwischen haben die Behören 3000 Wärmestuben errichtet, in denen Obdachlose mit heißen Getränken und Essen verpflegt werden. Fast alle Schulen sind geschlossen, Hunderttausende Schüler haben kältefrei.
Auch im Nachbarland Polen spitzt sich die Lage zu. Die Nacht zu Freitag war die bislang kälteste dieses Winters. Im südostpolnischen Dorf Stuposiany fiel das Thermometer auf minus 34 Grad. Dort erschüttert das Schicksal eines greisen Ehepaares die Bewohner. Als ein Nachbar am Donnerstagabend dort nach dem Rechten sehen wollte, fand er die 80-jährige Frau tot im Bett. In ihrer Wohnung war es minus 20Grad kalt, der Holzofen erloschen. Die Leiche ihres 84-jährigen Ehemannes fand der Nachbar im Schuppen des Hofgrundstücks. Er wollte wohl Feuerholz holen und erlitt dabei wahrscheinlich einen Herzanfall. Das Ehepaar gibt den bislang 29 Toten in Polen Gesichter. Innenminister Jacek Cichocki rief die regionalen Behörden dazu auf, sich verstärkt um Alte und Kranke zu kümmern. Überall im Land klagen Arbeiter und Angestellte über zu niedrige Temperaturen in Fabriken und Büros. In den unterirdischen Ladenpassagen der größeren Städte stehen kleine Elektroöfen, die hier und da Wärme spenden sollen, aber auch sie haben gegen „Dieter“ keine Chance. Die Gesichter der schlecht bezahlten Verteiler von Werbezetteln sind rot gefroren, ihre Hände steif, die Augen tränen – aber wer auf jeden Zloty angewiesen ist, gibt diese Arbeit nicht auf. Junge Warschauerinnen, normalerweise sehr auf ihr Aussehen bedacht und auch im Winter in kurzen Röcken und hochhackigen Absätzen unterwegs, haben kapituliert. Mit unförmigen, aber warmen Mänteln, Stiefeln mit dicker Sohle und tief ins Gesicht gezogenen Wollmützen laufen sie umher. Polizisten sind verstärkt in Kleingartenanlagen unterwegs, auf verlassenen Grundstücken, überall dort, wo Obdachlose oder einsame Trinker dem Kältetod entgegenschlafen könnten. Oder sie helfen aus in den Siedlungen, wo wegen geborstener Leitungen die Wärmeversorgung zusammengebrochen ist. Besonders bedrohlich ist die Lage für etwa 3.500 Einwohner der masurischen Kleinstadt Dobre Miasto, die weder Heizstrom noch warmes Wasser haben. In Olsztyn sind die Obdachlosenunterkünfte überfüllt. Auch in Krakau reichen die Notunterkünfte nicht mehr.
Feuer kommt in Lettland ins Spiel. Dort halten zahlreiche Brände die Wehren auf Trab. Grund sind häufig defekte Heizungen oder verunreinigte Schornsteine. Mit minus 36,7 Grad übertraf der Ort Zoseni den bisherigen lettischen Kälterekord vom Februar 1976. Bislang starben im Baltikum drei Menschen. In der litautischen Hauptstadt Vilnius frieren sogar die Politiker. Ein Hauptwasserrohr platzte, rund 150 Gebäude blieben deshalb ohne Wärmeversorgung, darunter das Parlament, die staatliche Steueraufsicht und ein Gefängnis. In der Stadt werden Heizlüfter, frierende Menschen auf Hotels verteilt. Und die Fahrkartenkontrolleure versorgen wartende Fahrgäste an Bushaltestellen mit heißem Tee. „In diesen extrem kalten Tagen werden die Kontrolleure jedem Fahrgast ein klein wenig Wäme spenden“, begründet Bürgermeister Arturas Zuokas die Aktion.
Nichts geht mehr in Tschechien
Eingefrorene Weichen, gebrochene Schienen – in Tschechien liegt der komplette Bahnverkehr lahm. In Brünn arbeiten Totengräber nur noch mit Presslufthämmern, im mährisch-schlesischen Industrierevier ist Smogalarm ausgelöst worden. Die Behörden haben elf Tote registriert, darunter Obdachlose in Prag und Pilsen. Den Kälterekord stellte die Böhmerwald-Gemeinde Kvilda auf: Dort fiel die Quecksilbersäule auf minus 38,1 Grad.
Die Donau ist zwischen den bulgarischen Städten Russe und Silistra zu fast zwei Dritteln zugefroren. Gleich 16 Städte meldeten die tiefsten Temperaturen seit 100 Jahren. Rekordhalter ist Sewliewo im Balkangebirge mit minus 25 Grad. Im nahe gelegenen Gabrowo ist das Kraftwerk ausgefallen, die gesamte Stadt ist ohne Fernwärme. Mehr als 1.000 Schulen sind geschlossen, elf Menschen starben. Dass es noch schlimmer geht, wissen die Behörden: Sie warnten die Bürger vor Reisen nach Rumänien.
Dort friert an der Küste sogar das Schwarze Meer zu. Bizarre Eislandschaften entstehen, die Brandung erstarrt. 24 Tote wurden bislang gezählt. Die Autobahn von Bukarest zum Schwarzen Meer ist geschlossen, Dutzende Züge fallen aus. In 373 Schulen kommen die Heizungen gegen den Extremfrost nicht an. Radauti im Nordosten meldete minus 31 Grad. Zudem muss sich das Land auf neue, schwere Schneestürme einstellen. Der Wetterdienst hat eine Unwetterwarnung herausgegeben.
„Dieter“ wütet auch auf dem Balkan. In Serbien sind 11.000 Menschen nach Schneefällen und Stürmen von der Außenwelt abgeschnitten. Meist sind Dörfer in abgelegenen Bergregionen betroffen, Lawinen haben die Zugangsstraße verschüttet. Auf die Inseln der kroatischen Küste rieselt leise, aber stetig der Schnee. In Podgorica in Montenegro, die im Sommer die heißeste Hauptstadt Europas ist, liegen 27 Zentimeter Schnee. Auch die Türkei versinkt in der weißen Pracht. In Istanbul fielen fast 200 Flüge aus. Tausend Dörfer sind im Landesinneren nicht mehr erreichbar. Das Stromnetz ist teilweise zusammengebrochen.
Darüber sind auch die Norditaliener sauer. Es gibt schon Proteste gegen den Stromriesen Enel. Tausende bibbern in Norditalien in ihren Häusern, weil der Strom ausgefallen ist. Auch die Staatsbahn bekommt ihr Fett weg. So blieben zwei Schnellzüge von Mailand an die südliche Adria im Schnee stecken, die Reisenden mussten stundenlang ausharren. Dicke Flocken fallen auch auf Rom. Kolosseum und Forum Romanum wurden gesperrt. Die Touristen könnten ausrutschen, sagt Kolosseum-Direktorin Rossella Rea. Ein Sturm legte die Arbeiten am Wrack des Kreuzfahrtschiffs „Costa Concardia“ lahm. Die Abendspiele in der ersten Fußballliga wurden alle abgesagt. Ferrari blies die Präsentation seines neuen Formel-1-Boliden in Maranello ab – zu viel Schnee, zu wenig Schneeketten.
Deutschland im eisigen Griff
Und in Deutschland? Unbarmherzig schlägt „Dieter“ auch hier zu. Bei Bernburg stürzte ein 53-Jähriger – offensichtlich betrunken – mit seinem Fahrrad in der Einfahrt seines Grundstück, blieb liegen und starb. In Magdeburg entdeckten Passanten einen 55-Jährigen. der auf einer Bank vor einem Geschäft lag. Er gilt als der erste erfrorene Obdachlose Deutschlands in diesem Jahr. Im niedersächsischen Harderode fanden Spaziergänger die Leiche eines Rentners, neben ihm stand sein Rollator. Der Mann wohnte in einem elf Kilometer entfernten Seniorenheim. Bereits am Mittwoch war eine 73-Jährige beim Eisbaden in einem See bei Stendal gestorben. In Berlin erfror ein 55-Jähriger in einem Wassergraben. Apropos Wasser: Deutschlands größter See, der Müritzsee, ist inzwischen mit Eis bedeckt. Auch die Oder friert zu. Bis in den Landkreis Märkisch-Oderland ist der Fluss nicht mehr schiffbar. Im Seehafen Hamburg haben Eisbrecher ihre Arbeit aufgenommen. Die friesischen Inseln Juist und Wangerooge sind vom Festland abgeschnitten, die Fähren hängen in vereisten Häfen fest. Der ADAC ist im Dauereinsatz, allein am Freitag wurde er 25512-mal gerufen. Meist streikte die Autobatterie. In Berlin waren alle 480 Fahrzeuge der Stadtreinigung unterwegs, um den Neuschnee der Nacht zu räumen. In der Lausitz sprengten Bergleute im Tagebau Welzow-Süd Frostschollen, die Kohleförderung läuft ansonsten problemlos. Nur die Technik an den Großgeräten sei etwas schwerfälliger, hieß es. „Dieter“ weckt aber auch die Gutherzigkeit: Polizisten haben bei Offenbach eine Blaumeise mit kalten Füßen gerettet. Der Vogel war auf einer vielbefahrenen Straße mit den Füßen festgefroren.
Den Kälterekord in Deutschland hält übrigens Sachsen, konkreter: Deutschneudorf im Erzgebirge. Dort wurden in der Nacht zum Freitag minus 26,4 Grad gemessen. Aber auch im Vogtland sanken die Temperaturen verbreitet unter minus 20 Grad. In Dresden ließ „Dieter“ zwei Straßenbahnen entgleisen, vermutlich funktionierten die Weichen nicht richtig. Die mit rund zehn Zentimeter Eis bedeckten Häfen in Dresden, Riesa und Torgau hält ein Eisbrecher frei. Die Nachtquartiere für Obdachlose in Chemnitz und Dresden sind ausgebucht. In Bautzen kamen zwei Männer (60 und 61) mit starken Unterkühlungen ins Krankenhaus. Man hatte sie betrunken und bewegungslos in einem Park gefunden, obdachlos waren sie allerdings nicht. Die sächsischen Wintersportorte erwarten unterdessen fürs Wochenende einen Ansturm. „Wir haben Schnee und Sonne, also perfekte Bedingungen“, sagt der Chef der Schwebebahn in Oberwiesenthal, René Lötzsch.
Es bleibt kalt
„Dieter“ lässt übrigens nicht locker. „Es bleibt vorerst noch kalt“, sagt Meterologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst. Zudem bringe ein Tief über der Ostsee weiteren Schnee nach Norddeutschland. „Das ist entstanden durch die Kaltluft, die sich über die Ostsee schiebt.“ Für Sachsen erwartet sie, dass am Sonnabend die bislang kälteste Luft hinwegzieht. Die Tagestemperaturen gehen weiter in den Keller und werden minus zehn Grad nicht übersteigen. Bis Mitte nächster Woche halte die Frostperiode in jedem Fall.
P.S.: Hinter dem Namensgeber des Sibirien-Hochs steckt das Institut für Meterologie der Freien Universität Berlin. Das ruft offiziell zu Wetter-Patenschaften auf. Wer Pate von „Dieter“ ist? Die Karnevalsgesellschaft Narhalla im badischen Philippsburg. Die feiert am kommenden Donnerstagabend in der Festhalle die 44. Trommelpreisverleihung. Hoffentlich haben alle Trommler dicke Handschuhe. (SZ/uwo/dpa/dapd)
Schon „Dieters“ Geburt in Sibiren vor fünf Tagen war eine eisige Angelegenheit. Arktische Kaltluft drang nach Süden vor, hoch oben in der Atmosphäre löste sich die Kaltluft ab. Ein gigantischer Tropfen – Meterologen sprechen von einer „Insel“ – zieht nun schon seit Tagen unbeirrt nach Westen. Selbst in seiner Heimat Sibirien hat „Dieter“ die Temperaturen auf ungewohnte Werte stürzen lassen. Erstmals seit Jahren ist die Fährverbindung zur Insel Putjatina nahe der Großstadt Wladiwostok am Pazifik wegen dicker Eismassen unterbrochen. Russische Behörden melden 64 Tote. Wegen der vielen Erfrierungen werden in Moskaus Krankenhäusern Betten knapp. Katastrophenschutzminister Sergei Schoigu hat angeordnet, Obdachlose mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Spur des Todes
Eine Spur des Todes zieht „Dieter“ vor allem durch die Ukraine. Dort sind bereits 101 Menschen gestorben, die meisten Leichen wurden in Straßen gefunden. Mehr als 1.200 Menschen erlitten schwere Erfrierungen. Im ganzen Land schwanken die Temperaturen zwischen minus 20 und minus 32 Grad. Inzwischen haben die Behören 3000 Wärmestuben errichtet, in denen Obdachlose mit heißen Getränken und Essen verpflegt werden. Fast alle Schulen sind geschlossen, Hunderttausende Schüler haben kältefrei.
Auch im Nachbarland Polen spitzt sich die Lage zu. Die Nacht zu Freitag war die bislang kälteste dieses Winters. Im südostpolnischen Dorf Stuposiany fiel das Thermometer auf minus 34 Grad. Dort erschüttert das Schicksal eines greisen Ehepaares die Bewohner. Als ein Nachbar am Donnerstagabend dort nach dem Rechten sehen wollte, fand er die 80-jährige Frau tot im Bett. In ihrer Wohnung war es minus 20Grad kalt, der Holzofen erloschen. Die Leiche ihres 84-jährigen Ehemannes fand der Nachbar im Schuppen des Hofgrundstücks. Er wollte wohl Feuerholz holen und erlitt dabei wahrscheinlich einen Herzanfall. Das Ehepaar gibt den bislang 29 Toten in Polen Gesichter. Innenminister Jacek Cichocki rief die regionalen Behörden dazu auf, sich verstärkt um Alte und Kranke zu kümmern. Überall im Land klagen Arbeiter und Angestellte über zu niedrige Temperaturen in Fabriken und Büros. In den unterirdischen Ladenpassagen der größeren Städte stehen kleine Elektroöfen, die hier und da Wärme spenden sollen, aber auch sie haben gegen „Dieter“ keine Chance. Die Gesichter der schlecht bezahlten Verteiler von Werbezetteln sind rot gefroren, ihre Hände steif, die Augen tränen – aber wer auf jeden Zloty angewiesen ist, gibt diese Arbeit nicht auf. Junge Warschauerinnen, normalerweise sehr auf ihr Aussehen bedacht und auch im Winter in kurzen Röcken und hochhackigen Absätzen unterwegs, haben kapituliert. Mit unförmigen, aber warmen Mänteln, Stiefeln mit dicker Sohle und tief ins Gesicht gezogenen Wollmützen laufen sie umher. Polizisten sind verstärkt in Kleingartenanlagen unterwegs, auf verlassenen Grundstücken, überall dort, wo Obdachlose oder einsame Trinker dem Kältetod entgegenschlafen könnten. Oder sie helfen aus in den Siedlungen, wo wegen geborstener Leitungen die Wärmeversorgung zusammengebrochen ist. Besonders bedrohlich ist die Lage für etwa 3.500 Einwohner der masurischen Kleinstadt Dobre Miasto, die weder Heizstrom noch warmes Wasser haben. In Olsztyn sind die Obdachlosenunterkünfte überfüllt. Auch in Krakau reichen die Notunterkünfte nicht mehr.
Feuer kommt in Lettland ins Spiel. Dort halten zahlreiche Brände die Wehren auf Trab. Grund sind häufig defekte Heizungen oder verunreinigte Schornsteine. Mit minus 36,7 Grad übertraf der Ort Zoseni den bisherigen lettischen Kälterekord vom Februar 1976. Bislang starben im Baltikum drei Menschen. In der litautischen Hauptstadt Vilnius frieren sogar die Politiker. Ein Hauptwasserrohr platzte, rund 150 Gebäude blieben deshalb ohne Wärmeversorgung, darunter das Parlament, die staatliche Steueraufsicht und ein Gefängnis. In der Stadt werden Heizlüfter, frierende Menschen auf Hotels verteilt. Und die Fahrkartenkontrolleure versorgen wartende Fahrgäste an Bushaltestellen mit heißem Tee. „In diesen extrem kalten Tagen werden die Kontrolleure jedem Fahrgast ein klein wenig Wäme spenden“, begründet Bürgermeister Arturas Zuokas die Aktion.
Nichts geht mehr in Tschechien
Eingefrorene Weichen, gebrochene Schienen – in Tschechien liegt der komplette Bahnverkehr lahm. In Brünn arbeiten Totengräber nur noch mit Presslufthämmern, im mährisch-schlesischen Industrierevier ist Smogalarm ausgelöst worden. Die Behörden haben elf Tote registriert, darunter Obdachlose in Prag und Pilsen. Den Kälterekord stellte die Böhmerwald-Gemeinde Kvilda auf: Dort fiel die Quecksilbersäule auf minus 38,1 Grad.
Die Donau ist zwischen den bulgarischen Städten Russe und Silistra zu fast zwei Dritteln zugefroren. Gleich 16 Städte meldeten die tiefsten Temperaturen seit 100 Jahren. Rekordhalter ist Sewliewo im Balkangebirge mit minus 25 Grad. Im nahe gelegenen Gabrowo ist das Kraftwerk ausgefallen, die gesamte Stadt ist ohne Fernwärme. Mehr als 1.000 Schulen sind geschlossen, elf Menschen starben. Dass es noch schlimmer geht, wissen die Behörden: Sie warnten die Bürger vor Reisen nach Rumänien.
Dort friert an der Küste sogar das Schwarze Meer zu. Bizarre Eislandschaften entstehen, die Brandung erstarrt. 24 Tote wurden bislang gezählt. Die Autobahn von Bukarest zum Schwarzen Meer ist geschlossen, Dutzende Züge fallen aus. In 373 Schulen kommen die Heizungen gegen den Extremfrost nicht an. Radauti im Nordosten meldete minus 31 Grad. Zudem muss sich das Land auf neue, schwere Schneestürme einstellen. Der Wetterdienst hat eine Unwetterwarnung herausgegeben.
„Dieter“ wütet auch auf dem Balkan. In Serbien sind 11.000 Menschen nach Schneefällen und Stürmen von der Außenwelt abgeschnitten. Meist sind Dörfer in abgelegenen Bergregionen betroffen, Lawinen haben die Zugangsstraße verschüttet. Auf die Inseln der kroatischen Küste rieselt leise, aber stetig der Schnee. In Podgorica in Montenegro, die im Sommer die heißeste Hauptstadt Europas ist, liegen 27 Zentimeter Schnee. Auch die Türkei versinkt in der weißen Pracht. In Istanbul fielen fast 200 Flüge aus. Tausend Dörfer sind im Landesinneren nicht mehr erreichbar. Das Stromnetz ist teilweise zusammengebrochen.
Darüber sind auch die Norditaliener sauer. Es gibt schon Proteste gegen den Stromriesen Enel. Tausende bibbern in Norditalien in ihren Häusern, weil der Strom ausgefallen ist. Auch die Staatsbahn bekommt ihr Fett weg. So blieben zwei Schnellzüge von Mailand an die südliche Adria im Schnee stecken, die Reisenden mussten stundenlang ausharren. Dicke Flocken fallen auch auf Rom. Kolosseum und Forum Romanum wurden gesperrt. Die Touristen könnten ausrutschen, sagt Kolosseum-Direktorin Rossella Rea. Ein Sturm legte die Arbeiten am Wrack des Kreuzfahrtschiffs „Costa Concardia“ lahm. Die Abendspiele in der ersten Fußballliga wurden alle abgesagt. Ferrari blies die Präsentation seines neuen Formel-1-Boliden in Maranello ab – zu viel Schnee, zu wenig Schneeketten.
Deutschland im eisigen Griff
Und in Deutschland? Unbarmherzig schlägt „Dieter“ auch hier zu. Bei Bernburg stürzte ein 53-Jähriger – offensichtlich betrunken – mit seinem Fahrrad in der Einfahrt seines Grundstück, blieb liegen und starb. In Magdeburg entdeckten Passanten einen 55-Jährigen. der auf einer Bank vor einem Geschäft lag. Er gilt als der erste erfrorene Obdachlose Deutschlands in diesem Jahr. Im niedersächsischen Harderode fanden Spaziergänger die Leiche eines Rentners, neben ihm stand sein Rollator. Der Mann wohnte in einem elf Kilometer entfernten Seniorenheim. Bereits am Mittwoch war eine 73-Jährige beim Eisbaden in einem See bei Stendal gestorben. In Berlin erfror ein 55-Jähriger in einem Wassergraben. Apropos Wasser: Deutschlands größter See, der Müritzsee, ist inzwischen mit Eis bedeckt. Auch die Oder friert zu. Bis in den Landkreis Märkisch-Oderland ist der Fluss nicht mehr schiffbar. Im Seehafen Hamburg haben Eisbrecher ihre Arbeit aufgenommen. Die friesischen Inseln Juist und Wangerooge sind vom Festland abgeschnitten, die Fähren hängen in vereisten Häfen fest. Der ADAC ist im Dauereinsatz, allein am Freitag wurde er 25512-mal gerufen. Meist streikte die Autobatterie. In Berlin waren alle 480 Fahrzeuge der Stadtreinigung unterwegs, um den Neuschnee der Nacht zu räumen. In der Lausitz sprengten Bergleute im Tagebau Welzow-Süd Frostschollen, die Kohleförderung läuft ansonsten problemlos. Nur die Technik an den Großgeräten sei etwas schwerfälliger, hieß es. „Dieter“ weckt aber auch die Gutherzigkeit: Polizisten haben bei Offenbach eine Blaumeise mit kalten Füßen gerettet. Der Vogel war auf einer vielbefahrenen Straße mit den Füßen festgefroren.
Den Kälterekord in Deutschland hält übrigens Sachsen, konkreter: Deutschneudorf im Erzgebirge. Dort wurden in der Nacht zum Freitag minus 26,4 Grad gemessen. Aber auch im Vogtland sanken die Temperaturen verbreitet unter minus 20 Grad. In Dresden ließ „Dieter“ zwei Straßenbahnen entgleisen, vermutlich funktionierten die Weichen nicht richtig. Die mit rund zehn Zentimeter Eis bedeckten Häfen in Dresden, Riesa und Torgau hält ein Eisbrecher frei. Die Nachtquartiere für Obdachlose in Chemnitz und Dresden sind ausgebucht. In Bautzen kamen zwei Männer (60 und 61) mit starken Unterkühlungen ins Krankenhaus. Man hatte sie betrunken und bewegungslos in einem Park gefunden, obdachlos waren sie allerdings nicht. Die sächsischen Wintersportorte erwarten unterdessen fürs Wochenende einen Ansturm. „Wir haben Schnee und Sonne, also perfekte Bedingungen“, sagt der Chef der Schwebebahn in Oberwiesenthal, René Lötzsch.
Es bleibt kalt
„Dieter“ lässt übrigens nicht locker. „Es bleibt vorerst noch kalt“, sagt Meterologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst. Zudem bringe ein Tief über der Ostsee weiteren Schnee nach Norddeutschland. „Das ist entstanden durch die Kaltluft, die sich über die Ostsee schiebt.“ Für Sachsen erwartet sie, dass am Sonnabend die bislang kälteste Luft hinwegzieht. Die Tagestemperaturen gehen weiter in den Keller und werden minus zehn Grad nicht übersteigen. Bis Mitte nächster Woche halte die Frostperiode in jedem Fall.
P.S.: Hinter dem Namensgeber des Sibirien-Hochs steckt das Institut für Meterologie der Freien Universität Berlin. Das ruft offiziell zu Wetter-Patenschaften auf. Wer Pate von „Dieter“ ist? Die Karnevalsgesellschaft Narhalla im badischen Philippsburg. Die feiert am kommenden Donnerstagabend in der Festhalle die 44. Trommelpreisverleihung. Hoffentlich haben alle Trommler dicke Handschuhe. (SZ/uwo/dpa/dapd)








