Kultur
Samstag, 19. März 2011
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Goldene Zeiten und bittere Sternstunden
Von Irmela Hennig
Eine neue Ausstellung im Museum Zittau blickt auf die wechselvolle Geschichte der Stadt. Erzählt von Boom und Blüte, aber auch von Krieg und Niedergang.
Handwerklich: Rund 20 Kilo wiegt die eiserne Tuchmacherschere, die Zittaus Museumschef Marius Winzeler im Museum zeigt. Sie erinnert in der neuen Schau an die Textiltradition der Stadt. Fotos: Wolfgang Wittchen
In sz-online
Zu vermieten“ verrät das große Schild im Schaufenster von Klosterplatz Nummer 4. Dahinter sind die Räume kahl. Auch in der einstigen Zittauer Damenschuhboutique gleich nebenan herrscht Leerstand. Für manche Einheimische sind die aufgegebenen Läden in der Altstadt ein Symbol für die schwierigen Zeiten, die Krise, in der Zittau seit der Wende steckt.
Marius Winzeler, Leiter der Städtischen Museen, ist vom Tiefpunkt der Stadt, die einst mit dem Beinamen die „Reiche“ von sich reden machte, nicht überzeugt. Ein Blick in die neue Dauerausstellung seines Hauses lehrt anderes. Und zeigt die wirklich schwärzesten Stunden aus über 750 Jahren Stadtgeschichte. Der Schweizer Winzeler hat sie in dunklen Farben und mit ernst-grauen Jahreszahlen gestalten lassen. Auf mannshohen Stelen – ein Streifzug durch die Vergangenheit.
1421 ist eine graue Zahl. Der Kirchenkritiker Jan Hus brennt auf dem Scheiterhaufen. Seine Anhänger, die Hussiten, bedrohen die Stadt, die zum Fluchtort für hochrangige Prager Katholiken geworden ist. Knapp sind die Informationen, die Sätze und Bilder, auf der mit echtem Oberlausitzer Leinen überzogenen Stele. Marius Winzeler hat dem Rückblick an dieser Stelle eine Trommel zugesellt. Mit Haut bespannt, mit gotischen Ornamenten verziert – 15. Jahrhundert. Zu ihrem Rhythmus sind die Hussiten in die Schlacht gezogen.
Die Stadt brennt
Auch 1757 sind die Zeiten düster. Österreichische Truppen beschießen Zittau, lösen den letzten Stadtbrand aus. Als sich die Rauchschwaden verziehen, bleibt den Menschen vor allem verkohltes Holz. Ein Symbol für die Stunde Null. Und die Schau zeigt einen Holzrest der verbrannten Johanniskirche.
„Sternstunden“, der Name der neuen Dauerausstellung, wirkt mutig, angesichts von so viel Leid. „Aber die Sterne können ja auch ungünstig stehen“, erklärt Marius Winzeler. Und stellt dem Grau ein optimistisches Rostbraun gegenüber. Die guten Jahre, die Höhepunkte. 1642 – der Poet Christian Weise wird geboren oder 1845, da hält der Fortschritt mit mechanischem Webstuhl und industrieller Tuchfabrikation Einzug in die Oberlausitz.
Ottokar zum Auftakt
Und natürlich der Anfang: 1255 – König Ottokar II. ist auf die Stoffbahnen aufgedruckt. Hoch zu Ross umreitet er Zittau, legt die Grenzen für die Stadtmauer fest und verleiht das Stadtrecht. In Zittau geprägte Münzen aus jener Zeit konnte das Museum erst kürzlich erwerben. Sie lagen in Böhmen vergraben, wurden später verkauft und sollten in Hamburg unter den Hammer kommen. Gerade noch rechtzeitig erfuhr das Museum davon. Kaufte – und zeigt die Münzen aus dünnem Silberblech nun erstmals. So wie viele Stücke der neuen Schau. „Sternstunden“ für Marius Winzeler und das Intro zum Museum, das bis Ende 2012 weitgehend saniert und umgestaltet sein soll. „Das alles hängt aber auch vom Depot ab“, sagt der Museumsleiter. Der sichere Aufbewahrungsort für die meisten Stücke hinter den 35000 Inventarnummern fehlt dem Haus bislang. Ein Gebäude ist als Magazin zwar reserviert. Noch aber hat Zittau nicht die nötigen Mittel, es umzubauen. Geld ist Mangelware in der Stadt mit den 1500 Baudenkmalen, dem ersten kommunalen Theater Deutschlands und den seit der Wende um mehr als ein Viertel geschrumpften Einwohnerzahlen.
Ganz so weit in die Gegenwart reicht die Ausstellung, die auch auf Englisch, Tschechisch und Polnisch informiert, nicht. Sie setzt zum Schluss zwei dramatische Doppelpunkte aus jüngster Vergangenheit. 1978 beschließt die DDR-Führung, große Teile Zittaus dem Braunkohletagebau zu opfern; die Stadt soll weitgehend verschwinden. Ein bezeichnend fortschrittsgläubiges Gemälde, damals entstanden fürs Standesamt, zeigt ein Pärchen im Kornfeld mit sehnsuchtsvollem Blick auf die mit Schornsteinen gespickte und mit Rauchschwaden geschwängerte Stadt. Die Wende verhindert das Ende von Zittau. Doch das Aus des Tagebaus brachte auch die Schließung des Kraftwerkes Hirschfelde und den Verlust hunderter Jobs.
So ambivalent wollte Marius Winzeler seine neue Schau denn doch nicht enden lassen. Er setzt 2004 gegen die Kohle. Die Öffnung der Ostgrenzen, der Höhepunkt des letzten Jahrzehnts im Dreiländereck. Ein Film zeigt Jubel – und Hoffnung.
Die neue Ausstellung „Zittauer Sternstunden“ ist dauerhaft im Zittauer Museum am Klosterplatz zu sehen.
Marius Winzeler, Leiter der Städtischen Museen, ist vom Tiefpunkt der Stadt, die einst mit dem Beinamen die „Reiche“ von sich reden machte, nicht überzeugt. Ein Blick in die neue Dauerausstellung seines Hauses lehrt anderes. Und zeigt die wirklich schwärzesten Stunden aus über 750 Jahren Stadtgeschichte. Der Schweizer Winzeler hat sie in dunklen Farben und mit ernst-grauen Jahreszahlen gestalten lassen. Auf mannshohen Stelen – ein Streifzug durch die Vergangenheit.
1421 ist eine graue Zahl. Der Kirchenkritiker Jan Hus brennt auf dem Scheiterhaufen. Seine Anhänger, die Hussiten, bedrohen die Stadt, die zum Fluchtort für hochrangige Prager Katholiken geworden ist. Knapp sind die Informationen, die Sätze und Bilder, auf der mit echtem Oberlausitzer Leinen überzogenen Stele. Marius Winzeler hat dem Rückblick an dieser Stelle eine Trommel zugesellt. Mit Haut bespannt, mit gotischen Ornamenten verziert – 15. Jahrhundert. Zu ihrem Rhythmus sind die Hussiten in die Schlacht gezogen.
Die Stadt brennt
Auch 1757 sind die Zeiten düster. Österreichische Truppen beschießen Zittau, lösen den letzten Stadtbrand aus. Als sich die Rauchschwaden verziehen, bleibt den Menschen vor allem verkohltes Holz. Ein Symbol für die Stunde Null. Und die Schau zeigt einen Holzrest der verbrannten Johanniskirche.
„Sternstunden“, der Name der neuen Dauerausstellung, wirkt mutig, angesichts von so viel Leid. „Aber die Sterne können ja auch ungünstig stehen“, erklärt Marius Winzeler. Und stellt dem Grau ein optimistisches Rostbraun gegenüber. Die guten Jahre, die Höhepunkte. 1642 – der Poet Christian Weise wird geboren oder 1845, da hält der Fortschritt mit mechanischem Webstuhl und industrieller Tuchfabrikation Einzug in die Oberlausitz.
Ottokar zum Auftakt
Und natürlich der Anfang: 1255 – König Ottokar II. ist auf die Stoffbahnen aufgedruckt. Hoch zu Ross umreitet er Zittau, legt die Grenzen für die Stadtmauer fest und verleiht das Stadtrecht. In Zittau geprägte Münzen aus jener Zeit konnte das Museum erst kürzlich erwerben. Sie lagen in Böhmen vergraben, wurden später verkauft und sollten in Hamburg unter den Hammer kommen. Gerade noch rechtzeitig erfuhr das Museum davon. Kaufte – und zeigt die Münzen aus dünnem Silberblech nun erstmals. So wie viele Stücke der neuen Schau. „Sternstunden“ für Marius Winzeler und das Intro zum Museum, das bis Ende 2012 weitgehend saniert und umgestaltet sein soll. „Das alles hängt aber auch vom Depot ab“, sagt der Museumsleiter. Der sichere Aufbewahrungsort für die meisten Stücke hinter den 35000 Inventarnummern fehlt dem Haus bislang. Ein Gebäude ist als Magazin zwar reserviert. Noch aber hat Zittau nicht die nötigen Mittel, es umzubauen. Geld ist Mangelware in der Stadt mit den 1500 Baudenkmalen, dem ersten kommunalen Theater Deutschlands und den seit der Wende um mehr als ein Viertel geschrumpften Einwohnerzahlen.
Ganz so weit in die Gegenwart reicht die Ausstellung, die auch auf Englisch, Tschechisch und Polnisch informiert, nicht. Sie setzt zum Schluss zwei dramatische Doppelpunkte aus jüngster Vergangenheit. 1978 beschließt die DDR-Führung, große Teile Zittaus dem Braunkohletagebau zu opfern; die Stadt soll weitgehend verschwinden. Ein bezeichnend fortschrittsgläubiges Gemälde, damals entstanden fürs Standesamt, zeigt ein Pärchen im Kornfeld mit sehnsuchtsvollem Blick auf die mit Schornsteinen gespickte und mit Rauchschwaden geschwängerte Stadt. Die Wende verhindert das Ende von Zittau. Doch das Aus des Tagebaus brachte auch die Schließung des Kraftwerkes Hirschfelde und den Verlust hunderter Jobs.
So ambivalent wollte Marius Winzeler seine neue Schau denn doch nicht enden lassen. Er setzt 2004 gegen die Kohle. Die Öffnung der Ostgrenzen, der Höhepunkt des letzten Jahrzehnts im Dreiländereck. Ein Film zeigt Jubel – und Hoffnung.
Die neue Ausstellung „Zittauer Sternstunden“ ist dauerhaft im Zittauer Museum am Klosterplatz zu sehen.







