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Kultur
Samstag, 4. Juni 2011
(Sächsische Zeitung)

Erleuchtung den Aufgeklärten

Von Wilfried Mommert und Sandra Tauner

Was haben der Renaissance- Maler Tintoretto und der Regisseur Christoph Schlingensief gemeinsam? Die 54.Biennale in Venedig sucht eine Antwort.

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Der nachgebildete Altar mit einem ausgestopften Hasen im Innenraum des Deutschen Pavillons. Foto: dpa/Felix Hörhager

Komischer Tag, schrieb Schlingensief im Frühsommer 2003 aus Venedig, wo ihm die feuchte Schwüle an den Kanälen zu schaffen machte, über jenen 5. Juni. „Möllemann stirbt, ich bin in Venedig und werde heute nach Bayreuth gerufen. Hier in Venedig wurde gerade meine Kirche mit einem Dach versehen. Es gibt Ereignisse, die passen alle zusammen ... Erlösung dem Erlöser!“ In der Tat dürfte Schlingensiefs damalige Berufung nach Venedig, um sieben junge Menschen aus sieben Ländern sieben Tage lang auf meterhohen Pfählen „ihren eigenen Ängsten auszusetzen“, Wolfgang Wagners Entscheidung für Bayreuth beeinflusst haben. Er hatte wenige Tage zuvor Schlingensief das Angebot für den „Heiligen Gral“ der Wagnerianer in Bayreuth gemacht.

Sieben Jahre später, als Schlingensief bereits von seiner Krebserkrankung gezeichnet war, wurde er in den Deutschen Pavillon nach Venedig eingeladen. Es war für ihn eine Überraschung, eine Freude und auch eine schwere Last. „Das ist kein Elfenbeinturm“, betonte der Künstler, der schon immer keine engen Grenzen in seiner Arbeit akzeptierte. „Ich werde jetzt länger darüber nachdenken und nicht gleich irgendetwas hinklotzen“, sagte er. Dazu blieb ihm nicht mehr genügend Zeit, Schlingensief starb am 21. August 2010 im Alter von 49Jahren in Berlin.

Kuratorin Susanne Gaensheimer hatte nun die schwierige Aufgabe, seine Projekte zu präsentieren. „Einen Plan B für den Fall seines Todes hatte ich nicht“, erklärte Gaensheimer bei der Eröffnung des Deutschen Pavillons. Im Hauptraum arrangierte sie die Bühne der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ – eine Rauminstallation, die sich mit dem Thema „Leben wollen, aber sterben müssen“ auseinandersetzt. Ein Kino wurde im rechten Seitenraum eingerichtet. Sechs Filme aus verschiedenen Schaffensperioden des Theater-, Opern- und Filmregisseurs laufen dort. Der linke Seitenflügel dokumentiert Schlingensiefs Pläne für ein Operndorf in Afrika, das mit Schule, Kantine, Krankenstation und Festspielgebäude in Burkina Faso entsteht.

Der Multimedia-Künstler Christoph Schlingensief und der Renaissance-Maler Jacopo Tintoretto haben viel miteinander gemein, findet Susanne Gaensheimer. Ihre Kollegin Bice Curiger, die künstlerische Leiterin der Biennale, stellt mit Tintoretto (1518–1594) erstmals einen alten Meister in den thematischen Mittelpunkt der zeitgenössischen Schau. „Tintoretto ist ein für seine Zeit revolutionärer Künstler. Einer, der Regeln bricht“, sagt Curiger. Andererseits sind diesmal mehr als sonst junge Künstler mit von der Partie. „ILLUMInazione – ILLUMInations“ heißt Curigers Motto. Gemeint ist damit nicht nur das Licht in der Kunst – wie etwa in den Werken Tintorettos –, sondern auch Aufklärung, Erleuchtung, Intuition.

Die Biennale werde „einer Windmaschine gleich“ Kunst aus aller Welt in der Lagunenstadt zusammentreffen lassen und durcheinanderwirbeln, sagte Biennale-Direktor Paolo Baratta. Besonders wertvoll in Zeiten der Globalisierung seien die Länder-Pavillons, sagte er, „jeder mit einer eigenen Geschichte und Kultur“. Unter den 89 nationalen Beiträgen befinden sich mit Andorra, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bangladesch und Haiti vier Neulinge. China ist gleich zweimal vertreten: Einmal mit einem offiziellen Pavillon und dann mit dem Sonderbeitrag „Cracked Culture“, der sich auf den im April verschleppten regimekritischen Künstler Ai Weiwei beruft.

Bereits für Polemik sorgte der italienische Pavillon durch seinen Kurator Vittorio Sgarbi. Der Duz-Freund des umstrittenen Regierungschefs Silvio Berlusconi, der rund 200 Künstler in den Pavillon des Belpaese geladen hat, griff die Kuratorin an: Tintoretto-Werke für die Biennale aus den Museen zu holen, sei „ein auf Eitelkeit beruhender Fluch der Curiger“, lautete der Vorwurf Sgarbis. „Kreativität und Polemik – willkommen zurück, Biennale“, freuten sich dagegen italienische Medien. (dpa)

Die 54. Biennale in Venedig öffnet an diesem Samstag fürs Publikum und ist bis 27. November zu sehen. Öffnungszeiten Giardini & Arsenale Di – So 10 – 18 Uhr, Eintritt 20/10 Euro



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