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Kultur
Mittwoch, 16. Juni 2010
(Sächsische Zeitung)

Die Ziege ist schon tot

Von Ralf Günther

Massum Faryar ist Dresdens neuer Stadtschreiber. Der Tadschike arbeitet hier an seinem Lebenswerk, in dem er von der Tragödie Afghanistans erzählt.

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Das Türkische Bad von Schloss Albrechtsberg in Dresden gibt den passenden exotischen Rahmen für Massum Faryar. Foto: Robert Michael

Falls Sie in den nächsten Wochen in einem Park von Dresden oder an der Elbe auf einen Mann mit Tweedmütze treffen, ein Notebook auf den Knien, bleiben Sie bitte stehen. Die Chancen stehen gut, dass Sie Massum Faryar vor sich haben – den amtierenden Dresdner Stadtschreiber. Stören Sie den Mann nicht, bis er eine Pause einlegt, seinen Blick schweifen lässt und tief durchatmet. Dann erst, bitte, sprechen Sie ihn an. Er hat viel zu erzählen. In ruhigem Ton, mit sanftem, bezauberndem Farsi-Akzent.

Die Kunst des Erzählens ist eine eigene, viel älter als die des Schreibens, vermutlich die älteste Kunstform überhaupt. Denn bald nachdem der Mensch seine Sprache gefunden hatte, muss er die Faszination des Erzählens – und Zuhörens – entdeckt haben. Vielleicht die wichtigste Naturtechnik des Menschen, überlebenswichtig. Ohne Erzählen kein Lernen. – Aus diesen tiefen, alten Quellen schöpft Massum Faryar. Ein Hauptthema ist es, das ihn umtreibt: Afghanistan.

Kampf der starken Reiter

Massum Faryar wurde Ende der Fünfzigerjahre im nordafghanischen Herat geboren und lebt seit 1982 in Deutschland. In München studierte er Germanistik, in Berlin promovierte er in Literaturwissenschaft. Neben Essays und Gedichten übersetzte der Schriftsteller auch Märchen der Brüder Grimm in die persische Sprache. Auf Einladung der Stadt und der Dresdner Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse lebt er mit einem Stipendium für einen Sommer bei uns. Eine Jury wählte Faryar aus 78Bewerbern als 15.Stadtschreiber aus. Vorgaben, wie dieses Amt ausgefüllt werden soll, gibt es kaum: Ein Stadtschreiber sollte der Region Impulse verleihen, das kulturelle Leben bereichern, sich inspirieren lassen. Die Autorin Dorothea Dieckmann, die im vorigen Jahr hier war, schrieb der Stadt ein großes Poem.

Massum Faryar wird die Zeit nutzen, um sein Opus magnum „Buzkashi“ zu vollenden. Ein Schlüsselroman für das Verständnis Afghanistans. Anhand des Schicksals einer Familie, im Mittelpunkt der talentierte Junge Schaer („Dichter“) und dessen Vater Scharif, erzählt er die Tragödie dieses Landes. Ein Land aus Stämmen und Volksgruppen: Tadschiken, Usbeken, Hasaras, Turkmenen, Paschtunen. Und neuerdings die religiös motivierten Taliban, die sich vor allem aus Paschtunen rekrutieren. Faryar selbst ist Tadschike.

Buzkashi ist der Nationalsport der Afghanen, ein Wettstreit, in dem die Tapfersten aller Stämme auf Pferden um eine tote Ziege kämpfen. Es geht darum, sich als stärkster, listigster Reiter durchzusetzen, der den Kadaver am Ende in den Ring schmeißt. Um das tote Tier geht es dabei nur vordergründig. Tatsächlich geht es um die Reiter und ihre Rivalität. Einleuchtender kann eine Metapher für das Schicksal Afghanistans nicht sein. Auch Kolonial- und Großmächte haben sich seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ins große Buzkashi gestürzt, zumeist mit unguten Folgen. Sie tun es dennoch bis heute.

Faryar arbeitet im vierten Jahr an diesem Buch. Er hat eine Technik entwickelt, die er „luzides Träumen“ nennt: Meditativ, in einer Art Wachschlaf kristallisiert sich der Stoff. Faryar hat den Anspruch, jede Szene so lange zu formen, bis sie in Vollendung vor ihm steht. Dann erst schreibt er sie nieder. So reiht er Szene an Szene, ein orientalisch buntes Gespinst entsteht. Ein Teppich, so dicht und fantasievoll gewoben, dass man sich auf ihn setzen und fliegen kann.

Faryar weiß um die Macht seiner Magie. Er hat keine Eile. Schon jetzt findet er Zuhörer bis nach Amerika. Er möchte den Roman in den wichtigsten Weltsprachen zugleich veröffentlichen. Denn auf wunderbare Weise ist dieses urtümliche, unwägbare Afghanistan ein Schicksalsknoten der Welt. „Dort, wo die alte Gefahr des Westens niedergegangen ist – die Sowjetunion“, sagt Faryar mit ernstem Blick, „wurde die neue Gefahr geboren: der Terrorismus.“ Da Faryar ein Erzähler ist, muss er nichts beweisen. Eine Erzählung hat eigene Mittel der Überzeugung.

Deutsch ist eine Löwin

Seine Muttersprache ist Farsi. Deutsch ist für ihn „die Löwin im Wald, mit der ich lange gekämpft habe“. Seinen Texten ist der Kampf nicht anzumerken. Leicht und schlicht wie alle großen Erzählungen kommen die Texte Faryars daher, frei von Sprachklischees. „Die kenne ich nicht“, sagt Faryar. Der gebürtige Afghane ist ein Weltenwanderer, nirgends zu Hause. Am ehesten noch in Berlin, wo er seit acht Jahren lebt. „Es dauert lange, bis man in einer Stadt angekommen ist“, sagt Faryar.

In Dresden wird er sicher nicht heimisch werden. Aber er hier wird gern zu Gast sein und uns vom Wertvollsten schenken, das er zu geben hat: Erzählungen. Falls Sie ihm begegnen, hören Sie ihm unbedingt zu, dem Stadterzähler Massum Faryar.

Massum Faryar stellt sich am 23. Juni, 19.30Uhr in den Technischen Sammlungen Dresden vor.



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