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Kultur
Montag, 21. April 2008
(Sächsische Zeitung)

Die Augen der Tutli-Putli

Von Oliver Reinhard

Der Jubiläumsjahrgang des 20. Dresdner Kurzfilmfestes war einer der besten seit Langem.

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Was hat sie nur, was andere Puppentrickheldinnen nicht haben? Richtig: menschliche Augen. Die wurden der Filmfest-Gewinnerin „Madame Tutli-Putli“ per Computertrick ins Gesicht gezaubert – mit umwerfendem Ergebnis. Foto: Filmfest

Irgendwas an ihr ist anders. Nicht die geschmeidigen Bewegungen, nicht ihre schmalen Hände, weder die Stupsnase noch der dauernd geschlossene Mund. Und doch besitzt Madame Tutli-Putli etwas, was andere Puppentrickfilmheldinnen nicht haben. Was ihrem Gesicht, ihrer Mimik etwas Faszinierendes, etwas Magnetisches verleiht. Erst spät klopft die Erkenntnis an: Es sind ihre Augen! Die zarte Kanadierin trägt echte Augen im Kunstgesicht. Sie wurde zunächst ohne animiert und zum Leben erweckt und erhielt sie erst danach von einem Menschen auf dem Umweg über die Festplatte des Computers. Sie schließt sie ängstlich, reißt sie erschrocken auf, und staunt, neugierig, furchtsam.

Das muss sie oft in „Madame Tutli-Putli“, dem ganz und gar umwerfend ausgestatteten und gestalteten Gruselfilm von Chris Lavis über eine mysteriöse Zugfahrt, der ein neues Kapitel in der Puppentirckgeschichte einläutet. Nicht nur mit diesen Augen, die einen noch tagelang verfolgen. Der 17-Minüter, mit Auszeichnungen schon reich bedacht und oscarnominiert, wurde auch beim 20. Internationalen Kurzfilmfestival von Dresden zum Abräumer: Goldener Reiter International und Klangmusikpreis – macht zusammen 10500 Euro und damit ein Sechstel der stolzen Gesamtpreissumme des Festivals.

Fantastische Animationen

Es ist auch dessen zumindest in dieser Hisicht bestens ausgestattete Kasse, die für eine stetig wachsende Anziehungskraft sorgt: Über 2000 Regisseure aus aller Welt hatten sich beworben, so viele wie nie. Ob deren Qualität gegenüber den letzten Jahren einen ahnlichen Aufschwung verbucht, lässt sich schwer beurteilen. Die von der Auswahljury für den Wettbewerb nominierten Produktionen zumindest machten den Jahrgang zu einem der besten seit vielen Jahren.

Das gilt vor allem für den Animationsfilm, der sich in Dresden in seiner ganzen Kraft, Fantasie und Vielfalt zeigte. Ob es die starken Kanadier wie „Madame Tutli-Putli“, das hübsch abgedrehte 2D-Märchen „Isabelle au bois dormant“ und die hinreißende Blechspielzeug-Tragödie „Paradise“ waren, ob Vuk Jevremovics grafisch-malerisches Kunstwerk „Lux“ oder Florian Groligs formal faszinierend reduzierter „Weiss“ – die tricktechnischen Wunderwerke hatten einen im Wortsinn fantastischen Auftritt. Da war es nur folgerichtig, dass der 20000 Euro schwere Förderpreis der Kunstministerin an Spela Cadiz’ reizenden „Liebeskrank“ ging, damit erstmals an eine Animation.

Die Kurzen werden länger

Auch in das Genre des Kurzspielfilms scheint Bewegung gekommen. Gleichwohl in eine Richtung, die ebenso Anlass zur Freude wie zur Sorge gibt. Das hat weniger mit den Inhalten zu tun: Nach wie vor wagen sich die Regisseure kaum an den Humor heran und ergehen sich in existenzialistischen Themen wie seelische Verwerfungen, Gewalt, Tod, vorgeführt anhand schicksalhafter Erlebnisse entweder sehr junger oder sehr alter Menschen. Die Veränderung liegt vielmehr darin, dass die Kurzen sich strecken und immer länger werden. Das lässt sich besonders deutlich an Zahlen ablesen: 2007 konkurrierten 105 Filme um die Goldenen Reiter, nun 69 – trotzdem war der Wettbewerb nur unwesentlich kürzer.

Sie nehmen zu, die Zwanzig- und Fünfundzwanzigminüter. Mit dem Vorteil, dass die Regisseure mehr Zeit haben für die Entwicklung der Charaktere und der Story, damit im günstigen Fall komplexere Werke schaffen und zu erzählerischer Hochform auflaufen. Was dem Festival solche wunderbaren Beiträge bescherte wie Adrain Sitarus „Valuri“, eine fürwahr schreckliche Geschichte, tückisch verpackt in die heitere Szenerie eines sonnenüberfluteten Badestrandes. Oder den SZ-Publikumspreisgewinner „Run“ vom Neuseeländer Mark Albiston, der zeigt, mit welch zärtlicher Hartnäckigkeit zwei Geschwister sich gegen die Tyrannei ihres Vaters wehren, den die Trauer um den Tod der Mutter verhärten ließ.

Zu schnell gewachsen

Doch die Tendenz zur Länge belegt einmal mehr, dass der Kurzfilm für die meisten Regisseure lediglich eine Fingerübung ist, eine Vorstufe zum Langfilm, eine Visitenkarte. Und nur selten als eigenständiges Genre behandelt wird, das gerade durch seine Kürze zu formal und narrativ autonomen Formen zwingt, zum Experiment, zum Unorthodoxen. Das macht ihn leider um einiges konventioneller und etwas langweiliger, andererseits aber leichter zugänglich für viele Zuschauer, was die diesjährige Rekordzahl von 21000 Besuchern auch erklären könnte. Anfang des Milleniums waren es 8000.

Tatsächlich ist das Filmfest in den letzten Jahren enorm gewachsen. Doch stellt sich allmählich die Frage, ob es für sein Budget von 380000 Euro nicht zu schnell anschwoll. Äußerlich schlug sich das beim Jubiläum nieder durch einen bescheidener designten Auftritt im Metropolis-Kino, das die Fritteusendüfte des obszön überteuerten Hilton-Catering durchzogen. Doch das lässt sich eher verkraften als der Jammer darüber, dass sich abgesehen vom TV-Sender Arte nicht mal zum 20. Jubiläum des höchstdotierten Kurzfilmfestivals in Europa überregionale Medien einfanden, um deutschlandweit zu berichten.

Freilich ließe sich auch dort Abhilfe schaffen, ebenso bei der notgedrungen bescheidenen Werbekampagne in der Stadt, die immer noch zu wenig Zuschauer anlockt. Nur – dafür braucht es Geld, und daran mangelt es mittlerweile. Einen Teil dürfte das Festival durch Straffungen selbst freimachen können. Aber nach dem peinlichen Austritt der Stadtwerke aus der Sponsorenriege sollte sich die Stadt allmählich selbst fragen, ob sie das 50:50-Kofinanzierungskonzept mit dem Freistaat nicht endlich auch summarisch umsetzen, ihre Förderung angleichen und von gut 60000 Euro auf 100000 erhöhen müsste. Das Festival ist eine Zier, mit der sich Dresden gerne schmückt. Doch auch die Schmuckpreise sind nun mal gestiegen.


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