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Kultur
Montag, 30. August 2010
(Sächsische Zeitung)

„Der Papst sollte auf die Knie gehen“


Xavier Naidoo rechnet mit der katholischen Kirche ab. Sie nehme den Gläubigen die Sexualität. Sie sollten sich schuldig fühlen. Er selbst wurde missbraucht.

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Für viele die Lichtgestalt – Sänger Xavier NaidooFoto: dpa

Der deutsche Soul-Sänger Xavier Kurt Naidoo verkauft millionenfach seine Lieder, deren Texte sich mit bekennendem Christentum und der Apokalypse, mit Nächstenliebe und der Bekämpfung von Fremdenhass beschäftigen. Am Freitag gastiert er mit den Songs seines vierten Albums „Alles kann besser werden“ und Hits bei den Filmnächten am Dresdner Elbufer.

Vor 15 Jahren hatten wir unser erstes Interview...

...echt. Ist dir klar, dass wir die Zeit nicht zurückholen können?

Was hat sich für dich geändert in der Zeit?

Für mich ist ein Traum wahr geworden. Wenn das mit der Musik nicht geklappt hätte, wäre ich zum Sozialfall geworden.

Jetzt bist du reich. Bist du auch glücklich?

Ich konnte meiner Mutter ein Haus kaufen. Ja, das ist ein verdammt glücklicher Moment. Ich war daran beteiligt, dass die Pop-Akademie nach Mannheim kommt. Ein glücklicher Umstand. Ich kann unternehmerisch Einfluss nehmen. Ich habe verstanden, dass man, dass ich etwas erreichen kann.

Der Erfolg hat dich verändert. Was macht dir zu schaffen?

Ich glaube nicht, dass ich mich grundsätzlich geändert habe. Es gehört vielmehr für mich zum Erfolgsprinzip, an sich zu glauben. Durchsetzen konnte ich mich nur, weil ich mir treu geblieben bin. Das Problem ist, dass außer den Eltern und wirklichen Freunden die wenigsten einem den Erfolg gönnen. Es hat aber zehn Jahre gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe.

Du polarisierst die Nation. Die einen liegen dir zu Füßen, andere nervst du nur noch. Machst du trotzdem so weiter?

Mit meiner Soulmusik und vor allem den deutschen Texten bin ich angreifbar. Wenn ich zurückblicke, dann waren die ersten Songs, die ich veröffentlicht habe, schon geprägt von katholischen Gedanken. Ich musste das einfach loswerden. Und wer sich öffnet, der kriegt was auf’s Dach. Ich habe versucht, die Dogmen, die die Kirche vorgibt, in gewisser Weise noch einmal zu verdeutlichen, um mir selber zu sagen: Das ist ein Wahnsinn!

Vor Wochen gab es eine große Debatte um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Ist das für dich aufgearbeitet?

Wir sind noch lange nicht bei der Wahrheit. Diese Männer sind mal wieder von der Schippe gesprungen. Es geht nicht, dass wir als Christen nicht die Verantwortung übernehmen. Wir können nicht die Augen verschließen vor dem, was seit Jahrhunderten passiert. Was wir jetzt erleben, ist doch nur die Spitze des Eisbergs!

Wie meinst du das?

Es geht nicht um das Fußvolk, die Priester, ein paar Bischöfe. Es geht um die Grundsätze, um Rituale. Diese Rituale sind teilweise schon Tausende Jahre alt. Sie rauben uns unsere Sexualität. Wir sollen uns schuldig fühlen. Darüber will natürlich niemand sprechen. In Belgien ist das an die Oberfläche getreten durch den Dutroux-Fall, das Ganze ist aber nie richtig verhandelt worden. Das hat jetzt achteinhalb Jahre gedauert, Zeugen sind getötet worden. Da muss ich sagen: So etwas gibt es auch in Deutschland, aber sehr organisiert.

Warum trittst du dann nicht aus der Kirche aus?

Das ist zu einfach: Es muss in meiner Kirche, dort, wo ich herkomme, geforscht werden, was da los ist. Ich hab jetzt bestimmt schon fünf Lieder geschrieben, in denen ich sage: Ich mag wieder einmal kein Blatt vor den Mund nehmen, ich ziele mehr auf den Klerus als jemals zuvor. Durch einen Austritt würde ich den Schlüssel zur Macht wegwerfen. Ich stehe mit dieser Institution auf Kriegsfuß, deshalb will ich, dass sie sich ändert. Gehe ich, überlasse ich sie sich selbst.

Warum soll der Mensch angesichts des Missbrauchs von Kindern weiter an Gott glauben?

Das können nur Leute schaffen, die die Kirche kennen und die, wie ich, katholisch sind. Die aber sagen: Sorry, das, was die hier machen, hat mit Gott nichts zu tun! Sie haben uns unsere Sexualität genommen, das ist ein schwerwiegender Eingriff in unser Leben gewesen. Das müssen sie wieder gerade rücken. Der Papst sollte auf die Knie gehen. Und das ist noch nicht passiert. Ich kann das nicht verstehen: In Japan bringen sich Politiker um, wenn sie Scheiße gebaut haben. Und bei uns? Die weinen noch nicht mal.

Du hast erzählt, dass du als Kind in Südafrika von einem 60-Jährigen missbraucht wurdest. Kommen jetzt all die Erinnerungen wieder hoch?

Nein, weil ich damals schon hellwach war in diesen Momenten. Ich habe gleich kapiert, da ist jetzt was schief gelaufen. Im ersten Moment denkt man natürlich, man hat selbst einen Fehler gemacht. Ich habe dem Mann gesagt, er erinnert mich an meinen Vater, und dann denkt man als Acht- oder Neunjähriger, man sei selber schuld. Aber ich habe auch gleich verstanden, dass ich besser nichts mache, was den Typen aufregt, weil er mir sonst den Hals umdreht. In ein paar Minuten wird man erwachsen und durchschaut diese Sache. Für mich war dieses Erlebnis ein Augenöffner, dass die Welt eine ganz andere sein kann als die, die man so gekannt hat. Im Nachhinein war das für mich wie ein Ausflug in die Hölle, aber ich konnte halt wieder raus. Ich weiß jetzt, wie sich ein Kind fühlt, das gekidnappt wird.

Jetzt spielst du sogar im Kloster. War Benediktbeuern, wo du aufgetreten bist, ein besonderer Ort für dich?

Er war insofern besonders, als hinter den Klostermauern Menschen leben, die ihr Leben komplett Gott widmen. Und das fand ich interessant. Es war das erste Mal, dass ich in einem Kloster aufgetreten bin. Wir haben miteinander gesprochen. Es gibt genügend Orden und Ordensgemeinschaften, die ich kritischer begutachte, zum Beispiel die Piusbrüder oder die Jesuiten.

Betest du vor Konzerten?

Nein, mein Gebet ist meine Musik. Ich versuche das immer mit großer Intensität und Leidenschaft zu machen. Viele meiner Songs sind an Gott gerichtet. Wir hatten zwar schon viele Konzerte mit den Söhnen Mannheims, wobei wir uns im Kreis aufgestellt und gebetet haben. Aber das tun wir nicht immer.

Mit den Söhnen warst du vor Jahren in Dresden in der Garde. Da die Hälfte deiner Musiker zu spät kam, hast du dich auf die Bühnenkante gesetzt und schon mal losgespielt. Verbindet solch ein persönliches Konzert mit einem Ort?

Dresden ist so ein Ort, wo ich das Gefühl habe, ich wäre hier gern schon mal vor hundert Jahren gewesen. Ich bin mit dem Rad durch die Stadt gefahren, hielt ständig an, weil diese Landschaft so einprägsam ist. Ich erfahre gern Städte. Wenn dann noch solch ein Konzert hinzukommt, wird es besonders intensiv. Und an der Elbe zu spielen, erinnert mich immer an die Flut. Wenn Natur mit im Spiel ist, nimmt man die Musik und das Publikum immer anders wahr.

Interview: Peter Ufer



Das Konzert: Xavier Naidoo und Band, 3. September, 19.30Uhr, Gelände der Filmnächte am Elbufer, Dresden; Kartentel. 0351/48642002



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