Kultur
Montag, 22. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Das starke Geschlecht macht schlapp
Von Christina Wittich
Die diesjährigen Berliner Filmfestspiele waren wenig politisch, dafür standen vor allem verzweifelte Männer im Mittelpunkt.
Ohne viele Worte: Imker Yakup (Erdal Besikcioglu) und sein Sohn Yusuf (Bora Altas) im mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film „Honig“. Foto: dpa
Viel wurde über die Psyche des Vorsitzenden der Berlinale-Jury Werner Herzog spekuliert. Einer, der Filme wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Fitzcarraldo“ gedreht habe, dem der Verrückte Klaus Kinski Freund und Feind zugleich war, der entscheidet doch fernab jeglicher Erwartungen, raunt es in den Pausen. Es stand zu befürchten, Herzog könnte seine Jury, der auch die Hollywood-Actrice Renee Zellweger angehörte, überzeugen vom unsäglichen japanischen Wettbewerbsbeitrag „Caterpillar“.
Doch bei der diesährigen, der 60.Berlinale, siegte die Schönheit über den Freak, die Stille über den Krieg. Statt eines ständig vögelnden, ständig hungrigen, als Kriegsgott verehrten Soldatenrumpfes mit Kopf – die Raupe in „Caterpillar“ – gewinnt ein schüchterner Junge. Sehr schnell sei die Entscheidung für Semih Kaplanoglus Film „Bal – Honig“ gefallen, sagte der Jurychef am Sonnabend bei der Verleihung der Trophäen. Ein Goldener Bär für „Honig“ – das ist auch sehr, sehr niedlich.
In den Bergen Anatoliens inszeniert der Türke Kaplanoglu in dieser mit deutschen Mitteln umgesetzten Produktion ein sehr kleines Drama in einer überwältigenden Landschaft. Es ist die Tragödie eines Jungen, der seinen Vater verliert. Kaplanoglu kommt ohne Musik aus, ohne viele Worte. Es ist ein athmosphärisch dichter Klangteppich aus Vogelgezwitscher, aus Bienengesumm, dem Kratzen eines Füllers auf Papier, dem Knistern von Feuer und dem Flüstern eines Jungen. Das genügt vollkommen, um die Geschichte zu transportieren.
Langsam lernt man den sechsjährigen Yusuf (Bora Altas) und seine Familie kennen. Yusuf, der zu schüchtern ist, in der Schule laut vorzulesen, unterhält sich fast tonlos nur mit seinem Vater Yakup (Erdal Besikcioglu), einem Imker. Der setzt seine Bienenkörbe in die schwankenden Wipfel der Bäume, und als seine Bienen sterben, macht sich der Vater auf in die tieferen Regionen des Waldes. Er wird nicht wiederkehren, und sein Sohn macht sich auf die Suche nach ihm.
„Honig“ ist der Abschluss der autobiografisch gefärbten Trilogie über das Leben des Dichters Yusuf als älterer Mann, Student und Kind. Obwohl das Drama hier so leise daherkommt, steht es durchaus stellvertretend für das Gros der in diesem Jahr gezeigten Wettbewerbsbeiträge. Dreh- und Angelpunkt ist die Zerbrechlichkeit des Alltags, ist die Angst um den Kern des sozialen Seins. Dieses Berlinale-Jahr ist, grob gefasst, in seiner Zusammenstellung das Gegenteil des 59. Jahrganges. Ging es 2009 um Frauen und Politik, sind diesmal Männer und Familie das Thema. „Es findet ein Rückzug ins Private statt. Die Menschen sind, was ihre Zukunft angeht, besessen von Angst“, sagte vor Beginn der Berlinale Festivalleiter Dieter Kosslick in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung.
Sei es das zutiefst deprimierende dänische Bruderdrama „Submarino“, in dem zwei Brüder sich am Tod des dritten die Schuld geben und trotz bester Vorsätze nicht herausfinden aus dem Teufelskreis von Alkohol, Drogen und Gewalt. Sei es die unterkühlte österreichische Ballade „Der Räuber“, in der ein einsamer Dieb Banken überfällt wegen des Thrills, nicht wegen des Geldes, oder die norwegische Gangsterkomödie „A somewhat gentle man“. Der aus der Haft entlassene Ulrik weiß vielleicht nicht, wohin mit sich, dafür wissen aber die Frauen, was sie mit ihm anfangen könnten.
Das mit dem Silbernen Bären für die beiden Hauptdarsteller ausgezeichnete russische Drama „How I Ended This Summer“ dreht sich um zwei Männer, die der atemberaubend schönen und zugleich beängstigend weiten Natur der Arktis ausgesetzt sind.
Zu Recht wurde der deutsche Beitrag „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ mit Buhrufen bedacht. Viel lieber hätte man stattdessen Matti Geschonnecks „Boxhagener Platz“ im Wettbewerb und nicht nur im Berlinale Special gesehen. Ein stimmiger Berlin-Film, der sich vom heiteren Rentner-Krimi zum Sittenbild einer schon Ende der 1960er-Jahre verrotteten DDR wandelt. Auch hier fällt, wie in den meisten Beiträgen im Wettbewerb, der schwache Mann auf. Und er hätte zumindest einen Hauch Politik eingebracht. Denn es fällt auf, dass dieses erklärtermaßen politische Festival Politisches in höchstens homöopathischen Dosen serviert.
Sogar der iranische Film „Zeit des Zorns“ macht nur eine sehr leise gesellschaftliche Aussage: Ein Mann verliert Frau und Tochter bei einer Schießerei zwischen Polizei und Aufständischen. Aus Rache tötet er zwei Polizisten, wird im Wald gestellt und stirbt. Selbst die belgischen Anarchisten Benoit Delepine und Gustavede Kervern lassen die Ämter Ämter sein. Ihr von einem sichtlich verfetteten Gérard Depardieu verkörperter Rentner stellt seinen Lebensabend vollkommen in den Dienst der Liebe. Welch ein Gewinn. Politik lieferte vielleicht Roman Polanski in seinem wohlwollend aufgenommenen „The Ghostwriter“. Die Jury zeichnete den abwesenden Regisseur am Sonnabend mit einem Silbernen Bären aus, den die Produzenten Rob Benmussa und Alain Sarde entgegennahmen. „Selbst wenn ich gekonnt hätte, wäre ich nicht gekommen. Denn als ich das letzte Mal zu einem Festival gekommen bin, um einen Preis entgegenzunehmen, bin ich im Gefängnis gelandet“, ließ Polanski ausrichten.
Seit Dezember 2004 befindet sich der Filmemacher in seinem Schweizer Chalet unter Hausarrest. Wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen in den USA besteht seit 1978 ein internationaler Haftbefehl für Polanski, an den sich die Schweizer Behörden erinnerten, als der Regisseur nach Zürich reiste, um beim Zurich Film Festival den Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. „The Ghostwriter“ stellte Polanski festgesetzt in seinen eigenen vier Wänden fertig. Ebenso klaustrophisch ist nun seine Verfilmung des Bestsellers von Robert Harris.
Kaum Lichtblicke und wenig Freude – damit blieb sich die Berlinale auch in diesem Jahr treu. Außerdem machte auch noch das starke Geschlecht reihenweise schlapp. Bei so viel Irrsin dürfte sich Werner Herzog doch sehr an seine alten Regiezeiten erinnert gefühlt haben.
Doch bei der diesährigen, der 60.Berlinale, siegte die Schönheit über den Freak, die Stille über den Krieg. Statt eines ständig vögelnden, ständig hungrigen, als Kriegsgott verehrten Soldatenrumpfes mit Kopf – die Raupe in „Caterpillar“ – gewinnt ein schüchterner Junge. Sehr schnell sei die Entscheidung für Semih Kaplanoglus Film „Bal – Honig“ gefallen, sagte der Jurychef am Sonnabend bei der Verleihung der Trophäen. Ein Goldener Bär für „Honig“ – das ist auch sehr, sehr niedlich.
In den Bergen Anatoliens inszeniert der Türke Kaplanoglu in dieser mit deutschen Mitteln umgesetzten Produktion ein sehr kleines Drama in einer überwältigenden Landschaft. Es ist die Tragödie eines Jungen, der seinen Vater verliert. Kaplanoglu kommt ohne Musik aus, ohne viele Worte. Es ist ein athmosphärisch dichter Klangteppich aus Vogelgezwitscher, aus Bienengesumm, dem Kratzen eines Füllers auf Papier, dem Knistern von Feuer und dem Flüstern eines Jungen. Das genügt vollkommen, um die Geschichte zu transportieren.
Langsam lernt man den sechsjährigen Yusuf (Bora Altas) und seine Familie kennen. Yusuf, der zu schüchtern ist, in der Schule laut vorzulesen, unterhält sich fast tonlos nur mit seinem Vater Yakup (Erdal Besikcioglu), einem Imker. Der setzt seine Bienenkörbe in die schwankenden Wipfel der Bäume, und als seine Bienen sterben, macht sich der Vater auf in die tieferen Regionen des Waldes. Er wird nicht wiederkehren, und sein Sohn macht sich auf die Suche nach ihm.
„Honig“ ist der Abschluss der autobiografisch gefärbten Trilogie über das Leben des Dichters Yusuf als älterer Mann, Student und Kind. Obwohl das Drama hier so leise daherkommt, steht es durchaus stellvertretend für das Gros der in diesem Jahr gezeigten Wettbewerbsbeiträge. Dreh- und Angelpunkt ist die Zerbrechlichkeit des Alltags, ist die Angst um den Kern des sozialen Seins. Dieses Berlinale-Jahr ist, grob gefasst, in seiner Zusammenstellung das Gegenteil des 59. Jahrganges. Ging es 2009 um Frauen und Politik, sind diesmal Männer und Familie das Thema. „Es findet ein Rückzug ins Private statt. Die Menschen sind, was ihre Zukunft angeht, besessen von Angst“, sagte vor Beginn der Berlinale Festivalleiter Dieter Kosslick in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung.
Sei es das zutiefst deprimierende dänische Bruderdrama „Submarino“, in dem zwei Brüder sich am Tod des dritten die Schuld geben und trotz bester Vorsätze nicht herausfinden aus dem Teufelskreis von Alkohol, Drogen und Gewalt. Sei es die unterkühlte österreichische Ballade „Der Räuber“, in der ein einsamer Dieb Banken überfällt wegen des Thrills, nicht wegen des Geldes, oder die norwegische Gangsterkomödie „A somewhat gentle man“. Der aus der Haft entlassene Ulrik weiß vielleicht nicht, wohin mit sich, dafür wissen aber die Frauen, was sie mit ihm anfangen könnten.
Das mit dem Silbernen Bären für die beiden Hauptdarsteller ausgezeichnete russische Drama „How I Ended This Summer“ dreht sich um zwei Männer, die der atemberaubend schönen und zugleich beängstigend weiten Natur der Arktis ausgesetzt sind.
Zu Recht wurde der deutsche Beitrag „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ mit Buhrufen bedacht. Viel lieber hätte man stattdessen Matti Geschonnecks „Boxhagener Platz“ im Wettbewerb und nicht nur im Berlinale Special gesehen. Ein stimmiger Berlin-Film, der sich vom heiteren Rentner-Krimi zum Sittenbild einer schon Ende der 1960er-Jahre verrotteten DDR wandelt. Auch hier fällt, wie in den meisten Beiträgen im Wettbewerb, der schwache Mann auf. Und er hätte zumindest einen Hauch Politik eingebracht. Denn es fällt auf, dass dieses erklärtermaßen politische Festival Politisches in höchstens homöopathischen Dosen serviert.
Sogar der iranische Film „Zeit des Zorns“ macht nur eine sehr leise gesellschaftliche Aussage: Ein Mann verliert Frau und Tochter bei einer Schießerei zwischen Polizei und Aufständischen. Aus Rache tötet er zwei Polizisten, wird im Wald gestellt und stirbt. Selbst die belgischen Anarchisten Benoit Delepine und Gustavede Kervern lassen die Ämter Ämter sein. Ihr von einem sichtlich verfetteten Gérard Depardieu verkörperter Rentner stellt seinen Lebensabend vollkommen in den Dienst der Liebe. Welch ein Gewinn. Politik lieferte vielleicht Roman Polanski in seinem wohlwollend aufgenommenen „The Ghostwriter“. Die Jury zeichnete den abwesenden Regisseur am Sonnabend mit einem Silbernen Bären aus, den die Produzenten Rob Benmussa und Alain Sarde entgegennahmen. „Selbst wenn ich gekonnt hätte, wäre ich nicht gekommen. Denn als ich das letzte Mal zu einem Festival gekommen bin, um einen Preis entgegenzunehmen, bin ich im Gefängnis gelandet“, ließ Polanski ausrichten.
Seit Dezember 2004 befindet sich der Filmemacher in seinem Schweizer Chalet unter Hausarrest. Wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen in den USA besteht seit 1978 ein internationaler Haftbefehl für Polanski, an den sich die Schweizer Behörden erinnerten, als der Regisseur nach Zürich reiste, um beim Zurich Film Festival den Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. „The Ghostwriter“ stellte Polanski festgesetzt in seinen eigenen vier Wänden fertig. Ebenso klaustrophisch ist nun seine Verfilmung des Bestsellers von Robert Harris.
Kaum Lichtblicke und wenig Freude – damit blieb sich die Berlinale auch in diesem Jahr treu. Außerdem machte auch noch das starke Geschlecht reihenweise schlapp. Bei so viel Irrsin dürfte sich Werner Herzog doch sehr an seine alten Regiezeiten erinnert gefühlt haben.







