Dresden
Freitag, 18. Juni 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Ist die Bunte Republik am Ende?
Von Doreen Hübler
Heute startet zum 20. Mal das Fest in der Neustadt. Doch zum Jubiläum gibt es auch eine Diskussion über Kunst, Kommerz und den Sinn des Spektakels.
Es war einmal: Eine Momentaufnahme auf der Louisenstraße bei der ersten BRN im Juni1990. Foto: Karl-Heinz Schmidt
Mitmach-Aktion: Haben Sie Fotos von der diesjährigen BRN? Dann schicken Sie Ihre schönsten Aufnahmen per Telefon/SMS/MMS an 0351/4481448 oder
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Man könnte jetzt ein dickes Buch schreiben. Einen wehmütigen Wälzer, gefüttert mit Bildern aus dem Jahr1990, als es in der Neustadt noch mehr besetzte Häuser als Kneipen gab, die Fassaden dreckig waren und die Bewohner erschrocken zwischen zwei Welten standen. Die DDR abgelöst vom Kapitalismus – ein Grund zum Feiern, noch mehr für ein Straßenfest mit politischen Requisiten.
Zur Gründung der Bunten Republik Neustadt wurden Ministerien für Wehrkraftzerfetzung und Unkultur gebildet, ein Monarch ohne Geschäftsbereich ins Amt gehoben, die eigene Währung „Neustadtmark“ eingeführt“ und eine Flagge mit Micky-Maus-Kopf gehisst. Es kamen ein paar Hundert Leute, die heute noch sagen können: „Ich war dabei…“ Ein Teil dieses ganz eigenen Moments, der sich aus besonderen Zeiten, Umständen, Menschen zusammensetzte und erst Selbstläufer, dann Legende und irgendwann Mythos wurde, überholt von neuen Zeiten und Menschen.
Von Tausenden Menschen, die ab heute wieder die Gassen des Viertels besuchen, durch volle Straßen drängeln, in Hinterhöfen Luft schnappen, das tosende Wirrwarr aus Musik, Bier, Spielwiese, Garagenrock und mehr tanken. Und dabei vielleicht nicht einmal bemerken werden, dass die BRN erwachsen geworden ist, just an diesem Wochenende 20.Geburtstag feiert.
Die gewöhnliche Republik
Natürlich gibt es Geschenke. Zum Beispiel vom Kulturzentrum Scheune, das im Herzen des Viertels thront, in dem man gerade emsig das Fest aller Feste vorbereitet und trotzdem nachdenkt, wie viel Seele und Sinn das Spektakel überhaupt noch hat. Ein Präsent zum Jubiläum sind Podiumsdiskussionen, Workshops und Befragungen, kurz: eine Debatte über die Inhalte der Party, die Jahr für Jahr mehr Vorwürfe ertragen muss, auch den Satz: Die Republik ist gewöhnlich geworden. Es regieren nicht mehr Freigeister und Inidividualisten, sondern Kommerz und Krempel.
Meinungen zum Grad der Misere gibt es mittlerweile so viele wie Bierwagen auf dem Festgelände. Der Charme und Zauber ist abhanden gekommen, klagen die einen. Die Kreativität aus dem spontanen Miteinander hat sich verloren. Hausgemeinschaften, die früher Erdbeerkuchen und Holundersirup aus dem Küchenfenster heraus verkauften, sind Exoten, haben sich dem Einerlei aus Gastronomie und Bühnenprogramm untergeordnet. Ein gefühlter Eindruck? Vielleicht. Aber unterfüttert von realistischen Zahlen des städtischen Ordnungsamts. Im Jahr 2007 wurden dort 128 Anträge für Stände und Bühnen eingereicht, sind es bereits 212. Keinesfalls nur von den Anwohnern der Neustadt, denn das Kiezfest hat sich längst von der geschlossenen Gesellschaft zum Fest für alle gewandelt. Auch ein wunder Punkt, denn die Einreise von Besuchern aus dem Umland verläuft mittlerweile parallel zur panischen Ausreise vieler Bewohner, die sich lieber für ein Wochenende fremde Betten suchen, statt Lärm, Gedrängel, uringetränkte Hauswände und den obligatorischen Krawall in der Nacht auszuhalten.
Wer ist der Neustäder heute?
Der Mythos BRN wiegt schwer bei der Suche nach einer Zukunft für das Fest. Viele machen sich Gedanken und zucken doch nur ratlos mit den Schultern. Ein zentraler Veranstalter wird gelegentlich erwogen, aber meist kopfschüttelnd verworfen. Das habe doch nichts mehr mit dem Ursprung der BRN zu tun, mit dem Lebensgefühl der Menschen im Viertel. Doch wer ist „der“ Neustädter heute überhaupt? Student, Familienmensch, Durchreisender, Alteingesessener? Selten waren die Lebensentwürfe so komplex wie in der Gegenwart. Unmöglich, für alle einen Sinn zu finden.
Zur Gründung der Bunten Republik Neustadt wurden Ministerien für Wehrkraftzerfetzung und Unkultur gebildet, ein Monarch ohne Geschäftsbereich ins Amt gehoben, die eigene Währung „Neustadtmark“ eingeführt“ und eine Flagge mit Micky-Maus-Kopf gehisst. Es kamen ein paar Hundert Leute, die heute noch sagen können: „Ich war dabei…“ Ein Teil dieses ganz eigenen Moments, der sich aus besonderen Zeiten, Umständen, Menschen zusammensetzte und erst Selbstläufer, dann Legende und irgendwann Mythos wurde, überholt von neuen Zeiten und Menschen.
Von Tausenden Menschen, die ab heute wieder die Gassen des Viertels besuchen, durch volle Straßen drängeln, in Hinterhöfen Luft schnappen, das tosende Wirrwarr aus Musik, Bier, Spielwiese, Garagenrock und mehr tanken. Und dabei vielleicht nicht einmal bemerken werden, dass die BRN erwachsen geworden ist, just an diesem Wochenende 20.Geburtstag feiert.
Die gewöhnliche Republik
Natürlich gibt es Geschenke. Zum Beispiel vom Kulturzentrum Scheune, das im Herzen des Viertels thront, in dem man gerade emsig das Fest aller Feste vorbereitet und trotzdem nachdenkt, wie viel Seele und Sinn das Spektakel überhaupt noch hat. Ein Präsent zum Jubiläum sind Podiumsdiskussionen, Workshops und Befragungen, kurz: eine Debatte über die Inhalte der Party, die Jahr für Jahr mehr Vorwürfe ertragen muss, auch den Satz: Die Republik ist gewöhnlich geworden. Es regieren nicht mehr Freigeister und Inidividualisten, sondern Kommerz und Krempel.
Meinungen zum Grad der Misere gibt es mittlerweile so viele wie Bierwagen auf dem Festgelände. Der Charme und Zauber ist abhanden gekommen, klagen die einen. Die Kreativität aus dem spontanen Miteinander hat sich verloren. Hausgemeinschaften, die früher Erdbeerkuchen und Holundersirup aus dem Küchenfenster heraus verkauften, sind Exoten, haben sich dem Einerlei aus Gastronomie und Bühnenprogramm untergeordnet. Ein gefühlter Eindruck? Vielleicht. Aber unterfüttert von realistischen Zahlen des städtischen Ordnungsamts. Im Jahr 2007 wurden dort 128 Anträge für Stände und Bühnen eingereicht, sind es bereits 212. Keinesfalls nur von den Anwohnern der Neustadt, denn das Kiezfest hat sich längst von der geschlossenen Gesellschaft zum Fest für alle gewandelt. Auch ein wunder Punkt, denn die Einreise von Besuchern aus dem Umland verläuft mittlerweile parallel zur panischen Ausreise vieler Bewohner, die sich lieber für ein Wochenende fremde Betten suchen, statt Lärm, Gedrängel, uringetränkte Hauswände und den obligatorischen Krawall in der Nacht auszuhalten.
Wer ist der Neustäder heute?
Der Mythos BRN wiegt schwer bei der Suche nach einer Zukunft für das Fest. Viele machen sich Gedanken und zucken doch nur ratlos mit den Schultern. Ein zentraler Veranstalter wird gelegentlich erwogen, aber meist kopfschüttelnd verworfen. Das habe doch nichts mehr mit dem Ursprung der BRN zu tun, mit dem Lebensgefühl der Menschen im Viertel. Doch wer ist „der“ Neustädter heute überhaupt? Student, Familienmensch, Durchreisender, Alteingesessener? Selten waren die Lebensentwürfe so komplex wie in der Gegenwart. Unmöglich, für alle einen Sinn zu finden.








