Dresden
Samstag, 6. März 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Im sächsischen Orient
Birgit Grimm
Die Wiedereröffnung der Türckischen Cammer im Dresdner Schloss ist eine Sensation. Selbst Experten aus Istanbul können es kaum glauben
Dieser Schimmel trägt als Reitzeug die orientalisierende Johann-Michael-Garnitur, die 1610/1612 in Prag angefertigt wurde. Foto: SKD/David Brandt
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Ein Paradiesgarten wächst im Dresdner Schloss. Er gedeiht prächtig, und das in tiefblauer Nacht. Die ersten Besucher standen darin mit himmelndem Blick. Denn dieser Paradiesgarten ist nichts anderes als das große osmanische Staatszelt der Türckischen Cammer. Unter den roten Blüten und goldenen Ranken, die im Zeltdach hoch über den Köpfen wachsen, ist zu spüren, wie es gewesen sein könnte, als August der Starke mit Friedrich Wilhelm I. im Zeithainer Lager getafelt hat.
Nun gut, die Teppiche und Kissen auf dem Boden fehlen. Dafür liegen dem Besucher in angeschrägten Bodenvitrinen textile Kostbarkeiten zu Füßen. Schließlich befinden wir uns in einem Museum und nicht auf einem Barockfest, wie es das barocke Lust-Lager im Mai und Juni des Jahres 1730 war. Zu jener gigantischen Truppenschau hatte August der Starke 48 europäische Fürsten geladen. Bäckermeister Zacharias hatte mit seinen sechzig Knechten einen Riesenstollen gebacken, der jedem Striezelmarkt Ehre machen würde: Sieben Meter lang, 1,8 Tonnen schwer.
Doch die Zeiten sind vorbei, als im Türkenzelt noch gekrümelt und gekleckert wurde. Heute wird nur noch geklotzt. Und das ist absolut angemessen für die Türckische Cammer, wie das jüngste Kind der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und eine der ältesten Sammlungen der sächsischen Kurfürsten heißt.
So einfach und so kompliziert
„Schon im 16. Jahrhundert, unter den Kurfürsten Moritz und August, kamen erste orientalische Stücke nach Sachsen. Der Grundstock der Türckischen Cammer waren diplomatische Geschenke“, erklärt Holger Schuckelt, Orient-Experte und Oberkonservator der Dresdner Rüstkammer. Ab 1591 lässt sich die Türckische Cammer als eigenständige Abteilung in der Rüstkammer belegen. Es waren bereits so viele Gegenstände zusammengekommen, dass ein eigener Sammlungsbereich geschaffen wurde. 1606 hatte das Inventar schon über hundert Seiten, 1614 tauchte erstmals der Begriff „Türckische Cammer“ auf. Und deren erstes kurfürstliches Inventar listete 1674 bereits 385 Gegenstände auf. Schuckelt sagt: „Aus der Zeit bis zum Ende des großen Türkenkrieges 1699 haben wir eindrucksvolle Stücke in der Sammlung. Andere Sammlungen in Europa beginnen erst mit der Türkenmode im 18. Jahrhundert.
In Dresden existierten damals schon zwei Drittel des jetzigen Gesamtbestandes.“ Die Vielfalt, die hohe künstlerische Qualität und der gute Erhaltungszustand der Objekte machen die Türckische Cammer zu einer der bedeutendsten osmanischen Kunstsammlungen weltweit. Der Freistaat Sachsen hat sich die neue Einrichtung denn auch insgesamt 5,7 Millionen Euro kosten lassen – davon allein 2,5 Millionen Euro für die Vitrinen und die Klimatisierung.
Und die wird ab diesem Wochenende in Dresden zauberhaft präsentiert. Der Architekt Peter Kulka und seine Kollegen haben Entscheidendes dazu beigetragen, indem sie die Räume in ein tiefdunkles Blau tauchten und ihre Architektur in der Nacht verschwinden lassen. Kulka, der auch das Dach über dem Kleinen Schlosshof entwarf und am Ostflügel des Schlosses und dem Riesensaal arbeitet, erzeugt in der Türckischen Cammer eine Stimmung, wie man sie nur selten in einem Museum findet. Dabei setzt er im Grunde nur konsequent die lichttechnischen und klimatischen Anforderungen zum Schutz der ausgestellten Objekte um. So einfach ist das und so kompliziert.
Wie in der Schatzkammer Augusts des Starken
Nicht nur die Kunst ist in der Türckischen Cammer vom Feinsten, auch die entspiegelten Vitrinen, das Licht und die rote Seide mit schwarzem Schuss, auf der die Waffen ausgestellt werden. Diese Art der Präsentation sucht in der Museumswelt ihresgleichen. Für das Dresdner Schloss wiederum ist sie fast schon Alltag, auf jeden Fall typisch: Wie in der Schatzkammer Augusts des Starken verbinden sich hier Hightech, Atmosphäre und Kunst zu einem überwältigenden Erlebnis. Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer, sagt: „Die Türckische Cammer ist genauso ein Schatz wie das Grüne Gewölbe. Ohne Herrn Schuckelt wäre die Ausstellung nicht das geworden, was sie jetzt ist. So ein Vorhaben braucht Kontinuität. Das kann keiner schaffen, der nur mal für ein Jahr als Projektmitarbeiter ans Haus geholt wird.“
Schuckelt kennt jedes Stück der Sammlung. Er kann die arabischen Inschriften lesen. Er hat in den vergangenen Jahren so manchen Irrtum aufgeklärt und so manche Zuordnung korrigiert. Er ist bei seinen Forschungen spannenden Geschichten auf die Spur gekommen, die unbedingt aufgeschrieben werden wollen.
Zum Beispiel die des Kammerdieners Johann Georg Spiegel, der 1715 auf mysteriöse und bisher ungeklärte Weise ums Leben kam. Im Jahr vor seinem Tod hatte er ganz offiziell im Auftrag Augusts des Starken in Istanbul einen wichtigen Ankauf getätigt. Inoffiziell und hinter den Kulissen leitete er jedoch die Verhandlungen der polnischen Gesandtschaft mit dem Sultan.
Es muss eine enge Verbindung zwischen dem Kurfürsten und seinem Kammerdiener bestanden haben. Denn August, der als Feldherr nicht so erfolgreich war wie als Sammler von schöner Kunst und schönen Frauen, hatte Spiegel seine Mätresse Fatima abgetreten. Die Türkin, von der man nicht weiß, wie sie an den Dresdner Hof gekommen war, hatte August dem Starken 1702 einen Sohn geschenkt und 1706 eine Tochter. In jenem Jahr verzichtete August der Starke nicht nur auf die polnische Krone. Er verheiratete die geheimnisumwitterte Schöne mit seinem Kammerdiener Johann Georg Spiegel.
Spiegels Istanbuler Einkäufe und die von Sultan und Tataren-Khan überreichten Geschenke kamen auf zwanzig Pferden und einer Kamelherde 1714 nach Dresden geritten. Die meisten Kunstwerke davon blieben erhalten. „In ihrer Geschlossenheit und Pracht gehört dieser Ankauf zu den bedeutendsten Zeugnissen osmanischer Kunst weltweit“, sagt Dirk Syndram. „Wir haben unsere Sammlung in Istanbul vorgestellt.
Für die Kollegen dort war das eine Offenbarung. Selbst am Forschungsinstitut für die Geschichte Istanbuls wollten manche nicht glauben, dass so etwas noch existiert.“ Das kleine Zeltdach gehört zu diesen von den türkischen Wissenschaftlern bewunderten Objekten – und alles, was der Besucher im Eingangsraum der Türckischen Cammer bewundern kann. Auch die fünf Pferde, die dem Besucher im ersten Raum stolz entgegenreiten.
Nach dem Leben geschnitzt
Auch Pferde? Acht an der Zahl hat die Türckische Cammer insgesamt zu bieten. Und die wirken ausgesprochen lebendig. Die kostbaren Sättel, die Schabracken und das luxuriöse Reitzeug sitzen perfekt, wie für jedes Pferd gemacht. In Wahrheit ist es umgekehrt: Die hölzernen Rösser sind Maßanfertigungen für das Reitzeug. Der Bildhauer und Pferdenarr Walter Hilpert hat die lebensgroßen Araberhengste in seinem Schönfelder Atelier erschaffen. Holger Schuckelt ist hochzufrieden mit der Arbeit des Künstlers. Diese Rösser machen wirklich etwas her – und sie sind historisch korrekt, haben jede Menge mit der Sammlungsgeschichte der Türckischen Cammer zu tun.
Edle, komplett ausgestattete Reitpferde waren seit dem 16. Jahrhundert begehrte diplomatische Geschenke. Im Dresdner Johanneum, wo in längst vergangener Zeit die osmanischen Kunstschätze aufbewahrt und später auch gezeigt worden waren, standen auch Pferde. Im Erdgeschoss parkten die höfischen Reiter ihre lebenden Tiere.
Und im ersten Obergeschoss warteten die Rösser aus Holz. „Nach dem Leben geschnitzt“ waren sie und trugen kostbare Sättel, Schabracken und Zaumzeuge – jene Reitausrüstungen, die gerade nicht im Turnier oder anderswo gebraucht wurden. Keine dieser Holzfiguren hat überlebt. Später hat man es mit Billigvarianten versucht. Doch so etwas kam für die Türckische Cammer nicht in Betracht.
Walter Hilpert hat sich für seine wunderbaren Geschöpfe die Porträtpferde aus dem 16. und 17. Jahrhundert als Vorbild genommen. Eine gute Entscheidung. „Wir könnenuns nichts Besseres wünschen“, sagt Holger Schuckelt. „Sie sind zwar in der Anschaffung fast genauso teuer wie echte Reitpferde. Aber sie leben länger und müssen dabei nicht mal gefüttert werden.“
Viele Stücke mussten aufwendig restauriert werden
Türkische Feste wie das Zeithainer Lager galten im 18. Jahrhundert als schick. Nach dem Frieden von Karlowitz von 1699, zu dem Sachsen ja immerhin beigetragen hatte, indem August der Starke mit seinem polnischen Heer die Osmanen in Podolien besiegt hatte, war es einfach nicht mehr opportun, sich vor den Osmanen zu fürchten. Man bewunderte sie und eiferte den exotischen Genussmenschen nach, die, so meinte man in Europa, sich zwanglos allen irdischen Sinnenfreuden hingaben.
Als Zierrat, Kostümierung, Staffage, Opern-Ausstattung, auch für den Alltag wollte man all die „türckischen Sachen“, die nicht immer nur osmanischen Ursprungs und von denen nur wenige tatsächlich auf Feldzügen erbeutet worden waren. Was die Kurfürsten nicht von den Sultanen geschenkt bekamen, ließen sie kaufen oder aber auch gern von den besten europäischen Gold- und Waffenschmieden, von Kunsthandwerkern und Schneidern anfertigen.
Das war lange vor August dem Starken so, und so gehört auch das Zusammentragen dieser sehr speziellen Sammlung osmanischer Kunst in Dresden zu den Familientraditionen der Wettiner.
Holger Schuckelt, Oberkonservator der Dresdner Rüstkammer und Orientexperte, hat diese Sammlung in den vergangenen mehr als zwanzig Jahren quasi Stück für Stück untersucht, erforscht, bearbeitet. Er ist Orient-Archäologe, hat dieses seltene Fach in den 80er-Jahren an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg studiert und wurde bald nach seinem Studium als Spezialist an der Dresdner Rüstkammer gebraucht.
„Die orientalischen Bestände waren damals überhaupt noch nicht bearbeitet. Es gab von Anfang an viel zu erforschen, das hat mich gereizt“, erzählt der 48-Jährige. In den 1990er-Jahren kuratierte er die Ausstellung „Im Lichte des Halbmonds“, die in Dresden und Bonn zu sehen war. Ein großer Erfolg. Danach nahm die Idee, die Bestände als eigenes Museum an den Staatlichen Kunstsammlungen zu präsentieren, immer konkretere Gestalt an. Viele Stücke mussten aufwendig restauriert werden. Die größte Herausforderung war es, die Zeltteile so stabil herzurichten, dass man sie ausstellen kann. Das Ergebnis ist berauschend.
Mit Glanz und Gloria
Fast so berauschend wie es das Hochzeitsfest im Jahre 1719 gewesen sein mag, auf dem August der Starke seinen Sohn mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha vermählte. Mit Glanz und Gloria übertrumpfte Sachsen wieder einmal den Rest Europas. Die eigentliche Vermählung hatte in Wien stattgefunden und hätte gut und gerne mit einem politischen Eklat enden können. Der Frieden zwischen den Habsburgern und den Osmanen war noch jung – und der türkische Gesandte der prominenteste Ehrengast der Hochzeit.
Als solcher musste er sich ein Türkenkopfstechen ansehen! Die Hauptattraktion des Festes war zu jener Zeit ein bei den Adligen in ganz Europa außerordentlich beliebtes Spiel, bei dem Pappmaché-Köpfe mit Schnurrbärten und Turbanen als Zielscheibe dienten. So demonstrierte man seine Überlegenheit über die Osmanen, die man wohl immer noch auch ein wenig fürchtete.
Zwei Exemplare dieser Pappköpfe hat die Rüstkammer bis heute in ihrem Bestand. Eines ist sogar einmal „verwundet“ worden und wird im Schloss gezeigt. Doch zurück zum Hochzeitsfest: Der türkische Gesandte in Wien soll angesichts des makabren Turniers Haltung bewahrt haben. Die Demütigung gab er galant zurück: Er fände das sehr interessant, soll er gesagt haben. Aber sein Herrscher hätte sich für so ein Turnier nicht mit Köpfen aus Pappmaché zufriedengegeben, sondern echte Christenköpfe aufgesteckt.
August der Starke als Sultan
In Dresden war die Situation kurz darauf ganz anders. Maria Josepha wurde von echten Türken in ihre neue Heimat geleitet. Die Braut reiste mit dem Schiff an und wurde mit orientalischem Pomp empfangen. Es erklang türkische Musik, und auf der Festwiese an der Elbe standen neun „vortreffliche türckische Gezelte“. August der Starke war als Sultan verkleidet. Für die Hochzeit hatte er „Türckische Sachen“ herbeischaffen lassen, und die Janitscharen-Festgarde stand wie ein Mann. 315 Infanteristen, alle jung, alle fesch – und alle hatten sie sich einen „moustache á la Turque“, einen Schnurrbart wachsen lassen.
Diese Hochzeit ging als pompöses orientalisches Fest in die Geschichtsbücher ein und wurde von Künstlern dutzendfach dargestellt. Ob die Braut sich auf ihrer Hochzeit gefühlt hat wie eine Kurfürstin oder doch eher wie eine Haremsdame, das ist leider nicht überliefert.
Nun gut, die Teppiche und Kissen auf dem Boden fehlen. Dafür liegen dem Besucher in angeschrägten Bodenvitrinen textile Kostbarkeiten zu Füßen. Schließlich befinden wir uns in einem Museum und nicht auf einem Barockfest, wie es das barocke Lust-Lager im Mai und Juni des Jahres 1730 war. Zu jener gigantischen Truppenschau hatte August der Starke 48 europäische Fürsten geladen. Bäckermeister Zacharias hatte mit seinen sechzig Knechten einen Riesenstollen gebacken, der jedem Striezelmarkt Ehre machen würde: Sieben Meter lang, 1,8 Tonnen schwer.
Doch die Zeiten sind vorbei, als im Türkenzelt noch gekrümelt und gekleckert wurde. Heute wird nur noch geklotzt. Und das ist absolut angemessen für die Türckische Cammer, wie das jüngste Kind der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und eine der ältesten Sammlungen der sächsischen Kurfürsten heißt.
So einfach und so kompliziert
„Schon im 16. Jahrhundert, unter den Kurfürsten Moritz und August, kamen erste orientalische Stücke nach Sachsen. Der Grundstock der Türckischen Cammer waren diplomatische Geschenke“, erklärt Holger Schuckelt, Orient-Experte und Oberkonservator der Dresdner Rüstkammer. Ab 1591 lässt sich die Türckische Cammer als eigenständige Abteilung in der Rüstkammer belegen. Es waren bereits so viele Gegenstände zusammengekommen, dass ein eigener Sammlungsbereich geschaffen wurde. 1606 hatte das Inventar schon über hundert Seiten, 1614 tauchte erstmals der Begriff „Türckische Cammer“ auf. Und deren erstes kurfürstliches Inventar listete 1674 bereits 385 Gegenstände auf. Schuckelt sagt: „Aus der Zeit bis zum Ende des großen Türkenkrieges 1699 haben wir eindrucksvolle Stücke in der Sammlung. Andere Sammlungen in Europa beginnen erst mit der Türkenmode im 18. Jahrhundert.
In Dresden existierten damals schon zwei Drittel des jetzigen Gesamtbestandes.“ Die Vielfalt, die hohe künstlerische Qualität und der gute Erhaltungszustand der Objekte machen die Türckische Cammer zu einer der bedeutendsten osmanischen Kunstsammlungen weltweit. Der Freistaat Sachsen hat sich die neue Einrichtung denn auch insgesamt 5,7 Millionen Euro kosten lassen – davon allein 2,5 Millionen Euro für die Vitrinen und die Klimatisierung.
Und die wird ab diesem Wochenende in Dresden zauberhaft präsentiert. Der Architekt Peter Kulka und seine Kollegen haben Entscheidendes dazu beigetragen, indem sie die Räume in ein tiefdunkles Blau tauchten und ihre Architektur in der Nacht verschwinden lassen. Kulka, der auch das Dach über dem Kleinen Schlosshof entwarf und am Ostflügel des Schlosses und dem Riesensaal arbeitet, erzeugt in der Türckischen Cammer eine Stimmung, wie man sie nur selten in einem Museum findet. Dabei setzt er im Grunde nur konsequent die lichttechnischen und klimatischen Anforderungen zum Schutz der ausgestellten Objekte um. So einfach ist das und so kompliziert.
Wie in der Schatzkammer Augusts des Starken
Nicht nur die Kunst ist in der Türckischen Cammer vom Feinsten, auch die entspiegelten Vitrinen, das Licht und die rote Seide mit schwarzem Schuss, auf der die Waffen ausgestellt werden. Diese Art der Präsentation sucht in der Museumswelt ihresgleichen. Für das Dresdner Schloss wiederum ist sie fast schon Alltag, auf jeden Fall typisch: Wie in der Schatzkammer Augusts des Starken verbinden sich hier Hightech, Atmosphäre und Kunst zu einem überwältigenden Erlebnis. Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer, sagt: „Die Türckische Cammer ist genauso ein Schatz wie das Grüne Gewölbe. Ohne Herrn Schuckelt wäre die Ausstellung nicht das geworden, was sie jetzt ist. So ein Vorhaben braucht Kontinuität. Das kann keiner schaffen, der nur mal für ein Jahr als Projektmitarbeiter ans Haus geholt wird.“
Schuckelt kennt jedes Stück der Sammlung. Er kann die arabischen Inschriften lesen. Er hat in den vergangenen Jahren so manchen Irrtum aufgeklärt und so manche Zuordnung korrigiert. Er ist bei seinen Forschungen spannenden Geschichten auf die Spur gekommen, die unbedingt aufgeschrieben werden wollen.
Zum Beispiel die des Kammerdieners Johann Georg Spiegel, der 1715 auf mysteriöse und bisher ungeklärte Weise ums Leben kam. Im Jahr vor seinem Tod hatte er ganz offiziell im Auftrag Augusts des Starken in Istanbul einen wichtigen Ankauf getätigt. Inoffiziell und hinter den Kulissen leitete er jedoch die Verhandlungen der polnischen Gesandtschaft mit dem Sultan.
Es muss eine enge Verbindung zwischen dem Kurfürsten und seinem Kammerdiener bestanden haben. Denn August, der als Feldherr nicht so erfolgreich war wie als Sammler von schöner Kunst und schönen Frauen, hatte Spiegel seine Mätresse Fatima abgetreten. Die Türkin, von der man nicht weiß, wie sie an den Dresdner Hof gekommen war, hatte August dem Starken 1702 einen Sohn geschenkt und 1706 eine Tochter. In jenem Jahr verzichtete August der Starke nicht nur auf die polnische Krone. Er verheiratete die geheimnisumwitterte Schöne mit seinem Kammerdiener Johann Georg Spiegel.
Spiegels Istanbuler Einkäufe und die von Sultan und Tataren-Khan überreichten Geschenke kamen auf zwanzig Pferden und einer Kamelherde 1714 nach Dresden geritten. Die meisten Kunstwerke davon blieben erhalten. „In ihrer Geschlossenheit und Pracht gehört dieser Ankauf zu den bedeutendsten Zeugnissen osmanischer Kunst weltweit“, sagt Dirk Syndram. „Wir haben unsere Sammlung in Istanbul vorgestellt.
Für die Kollegen dort war das eine Offenbarung. Selbst am Forschungsinstitut für die Geschichte Istanbuls wollten manche nicht glauben, dass so etwas noch existiert.“ Das kleine Zeltdach gehört zu diesen von den türkischen Wissenschaftlern bewunderten Objekten – und alles, was der Besucher im Eingangsraum der Türckischen Cammer bewundern kann. Auch die fünf Pferde, die dem Besucher im ersten Raum stolz entgegenreiten.
Nach dem Leben geschnitzt
Auch Pferde? Acht an der Zahl hat die Türckische Cammer insgesamt zu bieten. Und die wirken ausgesprochen lebendig. Die kostbaren Sättel, die Schabracken und das luxuriöse Reitzeug sitzen perfekt, wie für jedes Pferd gemacht. In Wahrheit ist es umgekehrt: Die hölzernen Rösser sind Maßanfertigungen für das Reitzeug. Der Bildhauer und Pferdenarr Walter Hilpert hat die lebensgroßen Araberhengste in seinem Schönfelder Atelier erschaffen. Holger Schuckelt ist hochzufrieden mit der Arbeit des Künstlers. Diese Rösser machen wirklich etwas her – und sie sind historisch korrekt, haben jede Menge mit der Sammlungsgeschichte der Türckischen Cammer zu tun.
Edle, komplett ausgestattete Reitpferde waren seit dem 16. Jahrhundert begehrte diplomatische Geschenke. Im Dresdner Johanneum, wo in längst vergangener Zeit die osmanischen Kunstschätze aufbewahrt und später auch gezeigt worden waren, standen auch Pferde. Im Erdgeschoss parkten die höfischen Reiter ihre lebenden Tiere.
Und im ersten Obergeschoss warteten die Rösser aus Holz. „Nach dem Leben geschnitzt“ waren sie und trugen kostbare Sättel, Schabracken und Zaumzeuge – jene Reitausrüstungen, die gerade nicht im Turnier oder anderswo gebraucht wurden. Keine dieser Holzfiguren hat überlebt. Später hat man es mit Billigvarianten versucht. Doch so etwas kam für die Türckische Cammer nicht in Betracht.
Walter Hilpert hat sich für seine wunderbaren Geschöpfe die Porträtpferde aus dem 16. und 17. Jahrhundert als Vorbild genommen. Eine gute Entscheidung. „Wir könnenuns nichts Besseres wünschen“, sagt Holger Schuckelt. „Sie sind zwar in der Anschaffung fast genauso teuer wie echte Reitpferde. Aber sie leben länger und müssen dabei nicht mal gefüttert werden.“
Viele Stücke mussten aufwendig restauriert werden
Türkische Feste wie das Zeithainer Lager galten im 18. Jahrhundert als schick. Nach dem Frieden von Karlowitz von 1699, zu dem Sachsen ja immerhin beigetragen hatte, indem August der Starke mit seinem polnischen Heer die Osmanen in Podolien besiegt hatte, war es einfach nicht mehr opportun, sich vor den Osmanen zu fürchten. Man bewunderte sie und eiferte den exotischen Genussmenschen nach, die, so meinte man in Europa, sich zwanglos allen irdischen Sinnenfreuden hingaben.
Als Zierrat, Kostümierung, Staffage, Opern-Ausstattung, auch für den Alltag wollte man all die „türckischen Sachen“, die nicht immer nur osmanischen Ursprungs und von denen nur wenige tatsächlich auf Feldzügen erbeutet worden waren. Was die Kurfürsten nicht von den Sultanen geschenkt bekamen, ließen sie kaufen oder aber auch gern von den besten europäischen Gold- und Waffenschmieden, von Kunsthandwerkern und Schneidern anfertigen.
Das war lange vor August dem Starken so, und so gehört auch das Zusammentragen dieser sehr speziellen Sammlung osmanischer Kunst in Dresden zu den Familientraditionen der Wettiner.
Holger Schuckelt, Oberkonservator der Dresdner Rüstkammer und Orientexperte, hat diese Sammlung in den vergangenen mehr als zwanzig Jahren quasi Stück für Stück untersucht, erforscht, bearbeitet. Er ist Orient-Archäologe, hat dieses seltene Fach in den 80er-Jahren an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg studiert und wurde bald nach seinem Studium als Spezialist an der Dresdner Rüstkammer gebraucht.
„Die orientalischen Bestände waren damals überhaupt noch nicht bearbeitet. Es gab von Anfang an viel zu erforschen, das hat mich gereizt“, erzählt der 48-Jährige. In den 1990er-Jahren kuratierte er die Ausstellung „Im Lichte des Halbmonds“, die in Dresden und Bonn zu sehen war. Ein großer Erfolg. Danach nahm die Idee, die Bestände als eigenes Museum an den Staatlichen Kunstsammlungen zu präsentieren, immer konkretere Gestalt an. Viele Stücke mussten aufwendig restauriert werden. Die größte Herausforderung war es, die Zeltteile so stabil herzurichten, dass man sie ausstellen kann. Das Ergebnis ist berauschend.
Mit Glanz und Gloria
Fast so berauschend wie es das Hochzeitsfest im Jahre 1719 gewesen sein mag, auf dem August der Starke seinen Sohn mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha vermählte. Mit Glanz und Gloria übertrumpfte Sachsen wieder einmal den Rest Europas. Die eigentliche Vermählung hatte in Wien stattgefunden und hätte gut und gerne mit einem politischen Eklat enden können. Der Frieden zwischen den Habsburgern und den Osmanen war noch jung – und der türkische Gesandte der prominenteste Ehrengast der Hochzeit.
Als solcher musste er sich ein Türkenkopfstechen ansehen! Die Hauptattraktion des Festes war zu jener Zeit ein bei den Adligen in ganz Europa außerordentlich beliebtes Spiel, bei dem Pappmaché-Köpfe mit Schnurrbärten und Turbanen als Zielscheibe dienten. So demonstrierte man seine Überlegenheit über die Osmanen, die man wohl immer noch auch ein wenig fürchtete.
Zwei Exemplare dieser Pappköpfe hat die Rüstkammer bis heute in ihrem Bestand. Eines ist sogar einmal „verwundet“ worden und wird im Schloss gezeigt. Doch zurück zum Hochzeitsfest: Der türkische Gesandte in Wien soll angesichts des makabren Turniers Haltung bewahrt haben. Die Demütigung gab er galant zurück: Er fände das sehr interessant, soll er gesagt haben. Aber sein Herrscher hätte sich für so ein Turnier nicht mit Köpfen aus Pappmaché zufriedengegeben, sondern echte Christenköpfe aufgesteckt.
August der Starke als Sultan
In Dresden war die Situation kurz darauf ganz anders. Maria Josepha wurde von echten Türken in ihre neue Heimat geleitet. Die Braut reiste mit dem Schiff an und wurde mit orientalischem Pomp empfangen. Es erklang türkische Musik, und auf der Festwiese an der Elbe standen neun „vortreffliche türckische Gezelte“. August der Starke war als Sultan verkleidet. Für die Hochzeit hatte er „Türckische Sachen“ herbeischaffen lassen, und die Janitscharen-Festgarde stand wie ein Mann. 315 Infanteristen, alle jung, alle fesch – und alle hatten sie sich einen „moustache á la Turque“, einen Schnurrbart wachsen lassen.
Diese Hochzeit ging als pompöses orientalisches Fest in die Geschichtsbücher ein und wurde von Künstlern dutzendfach dargestellt. Ob die Braut sich auf ihrer Hochzeit gefühlt hat wie eine Kurfürstin oder doch eher wie eine Haremsdame, das ist leider nicht überliefert.







