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Dresden
Montag, 11. Oktober 2010
(Sächsische Zeitung)

Amerikanische Reisejournalisten entdecken die Neustadt

Von Tobias Winzer

450 Journalisten und Vermarkter waren am Wochenende in Dresden zu Gast. Sie sollen den Tourismus ankurbeln – auch im Szeneviertel.

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450 Journalisten und Vermarkter waren am Wochenende in Dresden zu Gast. Stadtführer Danilo Hommel erklärt der Chicagoerin Kit Bernardi die Gestaltung der Kunsthofpassage. Fotos: Karl-Ludwig Oberthür

Es ist nun wahrlich keine Seltenheit, dass amerikanische Touristen beim Anblick einer verzierten Gründerzeitfassade aus dem Häuschen geraten. Doch das, was Kit Bernardi empfindet, ist mehr als ein gekünsteltes „Wow“. Die Reisejournalistin steht auf der Görlitzer Straße in der Neustadt, zeigt auf die Elefantenreliefs am Eisladen Tiki. Auf der anderen Straßenseite entdeckt sie einen in Blech geschnittenen Einradfahrer, der auf einer Laterne balanciert. Ihre Augen funkeln vor Entzücken. „Extrem cool“, nennt Bernardi das, was sie sieht.

„Viertel ist Zukunft der Stadt“

Die Reporterin ist eine von rund 450 amerikanischen und kanadischen Reisejournalisten und PR-Experten, die am vergangenen Wochenende in Dresden weilten. Der Grund: Der Berufsverband nordamerikanischer Reisejournalisten SATW hatte seine jährliche Tagung erstmals nach Deutschland verlegt. Von Freitag bis Sonntag waren die Pressevertreter und PR-Experten in Dresden zu Gast.

Am Sonnabendnachmittag konnten die Journalisten aus zwölf verschiedenen Touren in Dresden auswählen: Darunter „Jüdisches Leben in Dresden“, „Musikstadt Dresden“, „Frauenkirche-Führung“, „Kulinarische Tour durch Dresden“ oder eben eine Runde durch die Neustadt – mit der etwas gewollten Überschrift „Dresdens hip and cool quarter“. Organisiert hat die Führungen die Dresden Marketing GmbH. „Ich wollte die Neustadt sehen, weil das Viertel die Zukunft der Stadt ist“, nennt die Reisejournalistin Bernardi den Grund für ihre Wahl. Bernardi ist in Chicago als freie Journalistin tätig und arbeitet unter anderem für das „Midwest Living Magazine“ – einer Zeitschrift mit rund einer Million Lesern, wie sie sagt.

Die Neustadt-Tour führt sie und 30 andere Journalisten und Vermarkter an diesem sonnigen Sonnabendnachmittag vom Albertplatz die Alaunstraße hoch, durch die Kunsthofpassage, die Görlitzer Straße hinunter, durch die Böhmische Straße, Martin-Luther-Straße, Kamenzer Straße und Prießnitzstraße.

Eifrig macht Bernardi Notizen und Fotos, als Tankred Lenz, der Geschäftsführer der Ginkgo Projektentwicklung durch seine Kunsthofpassage führt oder als Stadtführer Danilo Hommel die neustädtischen Verkehrsregeln erläutert: „Zuerst kommt der Mensch, dann der Fahrradfahrer und dann die Autos.“ Hommel taucht mit seiner Führung in die Neustädter Szene ein. Unterwegs erzählt er Geschichten, die das Flair des Viertels ausmachen – dass zum Beispiel in der Lebowski-Bar nächtens der Film „The Big Lebowski“ in Endlosschleife läuft – oder er stellt kleine Manufakturen vor, wie ein Modegeschäft oder einen Schuhmacher. Beim Anblick der Bars, Kneipen und kleinen Läden in der Neustadt gerät die Reisejournalistin Bernardi ins Schwärmen. „Ich würde gern noch einmal für eine Shoppingtour zurückkommen“, sagt die Reporterin. „Leider haben wir dafür keine Zeit.“ Ihre Geschichte hat sie aber schon im Block.

Zurück in der Heimat will sie ein Stück schreiben über Dresden – wo es war und wo es hingeht. Die US-Amerikanerin empfindet dabei den Kontrast zwischen barocker Altstadt und urbaner Neustadt als besonders spannend. „Die Altstadt bringt die Neustadt erst in die richtige Perspektive“, sagt Bernardi begeistert.

Dresden erhofft sich von solchen Artikeln, wie Bernardi sie schreiben wird, vor allem eins: Mehr Touristen. „Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse in circa einem halben Jahr spürbar sein sollten“, sagt die Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH, Bettina Bunge. Durch den Besuch der amerikanischen und kanadischen Journalisten erwarte man einen kurzfristigen PR-Effekt sowie einen langfristigen, dauerhaften Anstieg ausländischer Besucherzahlen – „vor allem in dem für uns wichtigsten ausländischen Markt USA“, fügt Bunge hinzu. Exakt 15018 Ankünfte US-amerikanischer Touristen verzeichnete die Dresden Marketing im ersten Halbjahr 2010. Das sind 8,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gesunken um 3,9 Prozent auf 38721 ist die Zahl der Übernachtungen US-amerikanischer Besucher.

Im Vergleich mit anderen Herkunftsländern nimmt die USA aber immer noch die Spitzenposition in Dresden ein – gefolgt von der Schweiz und Österreich.

„Organisch gewachsen“

Wie die meisten der nordamerikanischen Journalisten, die am Sonnabend durch die Neustadt schlendern, ist auch Kate Pocock zum ersten Mal in Dresden. Die Kanadierin aus Toronto arbeitet als freie Journalistin für das Magazin „The Globe and Mail“. Pocock war als kleines Kind mit ihren Eltern einmal in Westdeutschland. Köln, den Schwarzwald und Bremen hat sie damals gesehen. Die Dresdner Neustadt findet sie unvergleichlich. „Das ist nicht das, was wir zu Hause haben“, sagt sie. Ihr fällt auf, dass vieles in der Neustadt „organisch“ gewachsen sei. Es gebe viele Initiativen von Anwohnern. In Kanada sei der Staat dominanter.

In ihrem Artikel will sie deswegen den Bogen spannen von der friedlichen Revolution, die eine Revolution des Volkes gewesen sei, zur Neustadt, die von den Anwohnern lebendig gemacht werde. Zum Ende der Tour rückt das Berufliche aber doch kurz in den Hintergrund: „Wo kann man hier am besten feiern?“, fragt sie.



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