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Dienstag, 17. Januar 2012
(Chemnitzer Morgenpost)

"May ist unerschöpflich"


Interview mit Verleger Bernhard Schmid über Karl May im Jubiläumsjahr 2012.

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Umgeben von Karl May: Verleger Bernhard Schmid leitet den Verlag in dritter Generation. Foto: SUPERillu/F. Boxler

Chemnitz. Abenteuerschriftsteller Karl May gibt gleich zweifach Anlass zum Feiern dieses Jahr. Am 25. Februar vor 170 Jahren wurde er in Hohenstein-Ernstthal geboren, am 30. März vor 100 Jahren starb er in Radebeul. Es ist sicher richtig, wenn man May mit der Gesamtauflage seiner Bücher von mehr als 100 Millionen Exemplaren als den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller überhaupt bezeichnet. Allerdings weisen die Verkaufs- und Leseerfolge wohl in die Vergangenheit.

In der Gegenwart scheinen Winnetou und Old Shatterhand gegen Harry Potter & Co. nichts ausrichten zu können. Ein Blick in die Stadtbibliothek Chemnitz lässt immerhin hoffen: „Karl May geht immer“, erklärt Mitarbeiterin Sabine Schumann. „Sechs bis 14 Entleihungen pro Band im Jahr sind die Regel.“ Besonders gut werde die Karl-May-Gesamtausgabe genutzt, sodass häufig Exemplare nachgekauft werden müssten. Die Zwickauer Stadtbibliothek dagegen verzeichnet seit 1996 stark sinkendes Interesse, lediglich fünf bis sechs Entleihungen in zehn Jahren pro Karl-May-Titel. Ist Karl May ein Auslaufmodell des deutschen Literaturbetriebs? Wir sprachen darüber mit Bernhard Schmid, Chef des Bamberger Karl-May-Verlags.

Herr Schmid, Karl May hat 2012 ein Doppeljubiläum: 170. Geburtstag und 100. Todestag. Was bedeutet das für das Verlagsgeschäft?

Bernhard Schmid: Eine große Chance, ihn wieder mehr ins Bewusstsein zu bringen, besonders bei jungen Lesern. Es gibt in Deutschland über 100 Veranstaltungen zu den Jubiläen. An vielen sind wir als Verlag beteiligt. Ein besonderes Augenmerk legen wir auf unseren Schreibwettbewerb für Kinder, „Eine Feder für Winnetou“. Den haben wir Ende 2010 begonnen und im März 2011 abgeschlossen. 550 Kinder haben sich beteiligt. Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint ein Buch mit den besten 21 Geschichten.

Das Geschäft mit Jugendliteratur wird beherrscht von Zauberern und Vampiren, kurz: von Fantasy. Winnetou und Old Shatterhand können da nicht mithalten, müssen Sie das nicht eingestehen?

Ich glaube nicht. Karl May wurde schon so oft totgesagt. - Übrigens schon in seinem wirklichen Todesjahr: Um 1912 war der Verkauf seiner Bücher denkbar schlecht. - Wir kennen das aus jahrzehntelanger Erfahrung. Gestimmt hat es nie. Die Existenz des Karl-May-Verlages ist der schlagende Beweis. Wie Sie sehen, gibt es uns nach wie vor. Und es geht uns recht gut.

Die Entwicklung der zurückliegenden Jahre spricht eine deutliche Sprache. Das Interesse an Wildwest-Geschichten ist gesunken, der klassische Western ist aus den Kinos verschwunden. Welcher Junge geht heutzutage noch als Cowboy oder Indianer zum Fasching?

Auch hier Widerspruch! Ich sehe offenbar öfter Kinder in Cowboy- oder Indianerverkleidung als Sie. Auch ist der Western als Filmgattung nicht erledigt. Er ist nicht mehr so präsent wie früher, das ist richtig, aber er existiert. Von Kollegen wie von Buchhändlern höre ich außerdem, dass die Fantasy-Welle am Abebben ist. Es wird wieder mehr nach Abenteuergeschichten gefragt. Das ist die Chance für Karl May, denn einen besseren Abenteuerschriftsteller als ihn gibt es nicht.

Wie ist es um die Verkaufsauflagen des Verlags bestellt?

Wir setzen im deutschsprachigen Raum mehr als 100 000 Bücher im Jahr ab. Die Verkäufe sind schwankend, das ist immer schon so gewesen. In den 60er- und 70er-Jahren, zum Beispiel, war es der Verfilmungen wegen eine goldene Zeit. In manch anderen Jahrzehnten verlief es ruhiger.

100 000 verkaufte Bücher bei 92 Titeln, die Sie im Programm haben - das sind pro Buch durchschnittlich etwas mehr als 1000 Exemplare. Können Sie damit zufrieden sein?

Ja und nein. Natürlich würden wir uns über sprunghaft steigende Verkaufszahlen freuen. Grund zur Unzufriedenheit haben wir aber nicht wirklich. Sprechen Sie mit einem Verleger, irgendeinem, der von einem 50 Jahre alten Buch 1000 Exemplare verkauft, und er wird Ihnen das - völlig zu Recht - als einen Erfolg darstellen. Karl Mays Bücher sind zum Teil 120 Jahre alt. Da sind 1000 verkaufte Bände eine sehr gute Quote. - Umso mehr, wenn Sie bedenken, dass die Gesamtauflage die Zahl von 100 Millionen übertrifft und die meisten Privathaushalte schon über mehrere Bände verfügen. - Natürlich ist das ein Durchschnittswert, tatsächlich laufen bestimmte Bücher besser als andere. „Winnetou I“ ist seit Langem das erfolgreichste von Mays Büchern, da setzen wir jährlich etwa 4 000 Exemplare ab. Anderes, wie die Briefbände, könnte mehr Beachtung finden.

Fast alle Verlage haben mit sinkenden Auflagen zu kämpfen. Ist ein Verlag, dessen Existenz sich allein auf das Werk eines Autors stützt, nicht doch auf verlorenem Posten, wenn das Interesse der Leser irgendwann nachhaltig erlahmt?

Bis jetzt ist das zum Glück nicht erkennbar. Wir sind auf vielen Medienfeldern tätig. Mays Geschichten gibt es auch als E-Books oder als Hörbücher. Es ist unverändert viel zu tun. Das Thema Karl May ist unerschöpflich.

Ein Verlag ohne Probleme? Das ist kaum zu glauben.

Auch wir haben Schwierigkeiten. Der Buchhandel hat uns in der zurückliegenden Zeit ein wenig im Stich gelassen. Das ist nicht gut für den Verkauf. Viele Buchhandlungen haben Karl Mays Bücher nicht mehr in der Auslage, manche nicht mal mehr im Sortiment. Will der Kunde ein May-Buch haben, muss er es in der Buchhandlung bestellen oder er erwirbt es über eines der Online-Kaufhäuser. Dass es den Vertriebsweg über das Internet gibt, ist eine gute Sache. Dass der klassische Buchhandel so reserviert auftritt, ist aber sehr bedauerlich, weil der niedergelassene Buchhändler für uns eigentlich der beste Partner ist. Untersuchungen sagen, dass im Jugendbuchbereich bis zu 80 Prozent der Kunden nicht wissen, was sie kaufen wollen, wenn sie ein Geschäft betreten. Die Auslage und die Beratung vom Fachpersonal sind von hoher Bedeutung.

Was können Sie dagegen tun?

Wir hoffen und gehen auch davon aus, dass wir diese Entwicklung im Jubiläumsjahr 2012 korrigieren können.

Mays Bücher sind immer wieder dem veränderten Zeitgeschmack angepasst worden. Wie viel hat der heutige May noch mit dem originalen zu tun?

Die aktuelle Ausgabe ist eine sehr behutsame Bearbeitung. Eingegriffen worden ist meist dort, wo die Sprache des 19. Jahrhunderts Begriffe hat, die man heute nicht mehr versteht, oder wo der Autor sprachliche Fehler nicht bemerkt hat. Dazu muss man wissen, dass zu seinen Lebzeiten kaum eines von Mays Büchern lektoriert worden ist. An anderen Stellen, wo man zu weit gegangen war, haben wir Bearbeitungen aus früherer Zeit wieder zurückgenommen. Man muss unterscheiden zwischen notwendigen sprachlichen Korrekturen und solchen Bearbeitungen, die aus Konzession an die Lesefreundlichkeit vorgenommen wurden. Letztere fallen sehr sparsam aus. Original und Bearbeitung sind bei May ohnehin nicht so eindeutig zu unterscheiden wie bei anderen Autoren. Schon zu seinen Lebzeiten sind immer wieder Passagen in den Werken verändert worden, zum Beispiel vom Pustet-Verlag. Selbst in der gedruckten Urfassung ist also nicht alles vom Autor. May hat sich darüber geärgert. Wenn man es genau nimmt, sind nur die Handschriften wirklich original. Davon gibt es aber nur zehn. Wer auf den ursprünglichen May Wert legt, findet in unserem Programm die zu Mays Lebzeiten erschienene Fehsenfeld-Ausgabe als Reprint und eine historisch-kritische Ausgabe, die in Zusammenarbeit mit Karl-May-Gesellschaft und Karl-May-Stiftung entstanden ist. (gg)


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