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Samstag, 13. Februar 2010
(Chemnitzer Morgenpost)

25.000 Chemnitzer haben einen Tick

Von Mandy Schneider
Eine kleine Macke hat jeder. Nein? Wirklich? Denken Sie mal kurz nach! Liegen bei Ihnen Handtücher nach Farben sortiert im Schrank? Gibt es Ihnen innere Ruhe, wenn die Schuhe vorm Bett akkurat ausgerichtet sind? Pulen Sie das Innere aus dem Brötchen und essen es separat? Muss die Radio-Frequenz unbedingt eine gerade Zahl sein oder schauen Sie fünfmal nach, bis Sie glauben, dass die Kaffeemaschine ausgeschaltet ist?

Nicht jeder hat so viele Ticks wie Kult-Detektiv Adrian Monk aus der gleichnamigen RTL-Krimiserie. Aber ein kleiner gehört in fast jeden Alltag - und ist ganz normal. Das bestätigt auch Thomas Barth (46), Chefarzt der Psychatrie in der Dresdner Straße: „Solche scheinbar sinnlosen Handlungen wirken psychisch stabilisierend, geben ein strukturierendes Gerüst für den Alltag.“ Wenn das Gehirn im Leerlauf tuckert, tut es was es kann - aber eigentlich nicht müsste. Harmlos, aber: „Hinter jeder zwanghaften Handlung steckt eine Angst. Auch die gehört zu einem normalen Leben. Keine Angst zu haben, ist gefährlich,“ so der Verhaltensmediziner.

Doch rund 25000 Chemnitzer sind so beherrscht von zwanghaften Handlungen und Ängsten, dass sie ihr Leben danach ausrichten. Die Grenzen zwischen - ein bisschen schräg und psychisch krank sind fließend. „Wenn fünf Menschen den selben Tick haben, können drei gut damit leben, aber zwei leiden darunter, oder ihre Familie. Die sollten sich Hilfe suchen“, rät Barth.

Je eher Patienten den Weg zum Experten finden, desto wahrscheinlicher sei der Behandlungserfolg. Etwa ein Drittel der Betroffenen wird geheilt, ein weiteres Drittel erfährt Linderung. Barth: „Die meisten, die zu uns kommen, leben schon zehn Jahre oder länger mit Ängsten und Zwängen.“ Die Psychotherapiestation für diese Erkrankungen hat 16 stationäre Plätze und zehn in der Tagesklinik.

Die Behandlung umfasst Gespräche, Informationen zur Krankheit, Medikamente und Verhaltenstherapie. „Menschen mit Reinigungszwang schicken wir in eine Gärtnerei zum Pflanzen. Wer Angst vorm Busfahren hat, übt das in Begleitung“, sagt der Chefarzt, der sich übrigens auch zu seiner eigenen kleinen Macke bekennt: „Wenn ich abends einen Vortrag vorbereiten muss, räume ich stattdessen erstmal meinen Schreibtisch auf - obwohl mir dann noch weniger Zeit bleibt.“


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