Musik
Donnerstag, 12. Januar 2012
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Blechbläser fürs Golfturnier
Von Karsten Blüthgen
Zum dritten Mal spielt die Dresdner Philharmonie live zu Charlie-Chaplin-Filmen. Mit Helmut Imig reist dafür ein ausgewiesener Fuchs dieses besonderen Dirigier-Genres an.
Charlie Chaplin übt als Laien-Golfer den richtigen Abschlag, sorgt in diesem Stummfilm wie üblich für reichlich Lacher. Und jetzt wird er bei seinem Treiben live von der Dresdner Philharmonie begleitet. Foto: PR
Im Internet
Es gehört zum Dirigentenalltag, stundenlang über der Orchesterpartitur zu sitzen, um das Notier-
te mit eigenen Klangvorstellungen zu harmonisieren. Was aber hat dies mit Charlie Chaplin und seinem frühen Meisterwerk „Easy Street“ zu tun? Der Kurzfilm beginnt so: Charlie als Tramp kauert frierend an einer Hausecke, horcht plötzlich auf und platzt in den Gottesdienst einer Sozialmission. Drinnen verzaubert ihn die reizende Missionsschwester am Harmonium. Der gefüllte Spendenkasten war schon unbemerkt in seiner weiten Hose verschwunden. Reumütig zieht er ihn wieder hervor, spontan entschlossen, sein Leben auf der anderen Seite neu zu beginnen: als Polizist.
Helmut Imig sitzt und analysiert diese feingliedrige Szene akribisch. Die laufenden Bilder sind Teil seiner Partitur. „Ich studiere x-Mal die Brüche, die Momente, wo eine Atmosphäre in die andere wechselt. Diese scharfen Übergänge, diese Tritte in den Hintern sind es, wo ich mich genau einzufädeln habe. Das schreibe ich mir natürlich in meine Noten.“ Am Sonntag werden sie im Dresdner Kulturpalast auf dem Pult liegen.
Nach Jahrzehnten als Kapellmeister im Musiktheater entdeckte Helmut Imig eine Nische, die Kollegen bis heute eher meiden. Und das, obwohl ihr eine bessere Zukunft beschieden scheint als dem klassischen Opern- und Konzertbetrieb: Imig lässt Orchester direkt zum Film musizieren, er erreicht damit neues, jüngeres Publikum und schafft eine ganz eigene Intensität des Klangs. Live-Musik schlägt auch hier den Lautsprecher, und jeder Konzertsaal eignet sich visuell-akustisch besser als Oper oder Kino. „Dadurch, dass das Orchester stets präsent ist und nicht im Graben verschwindet, erhält Musik ein ganz anderes Gewicht. Man ist natürlich immer den Augen verpflichtet, aber die Musik ist einfach stark dabei.“
Dieses Rampenlicht fordert natürlich besonders heraus. In der Regel erlauben sich Dirigenten große Freiheiten, gerade in der Wahl des Tempos. Sie verlangsamen oder beschleunigen nach eigenem Gusto. Läuft ein Film nebenher, ist diese Freiheit stark beschnitten. Er wirkt wie ein stilles Metronom, das höchst unregelmäßig schlägt. Aber es gibt Spielraum, und Imig nutzt ihn. „Bisweilen ist es völlig egal, wo ich bin, weil es so eine flächendeckende Musik ist, die minutenlang daher geht, ohne Höhepunkt, ohne Zäsur, wo sie nur eine Grundatmosphäre schafft. Aber anderswo muss man genau drauf sein. Das wiederum bedeutet, auch scheinbar belanglose Passagen ernst zu nehmen.“
Imig lobt die Qualität der Dresdner Philharmonie: „Ein Orchester muss ausgesprochen flexibel reagieren. Man muss ad hoc musizieren – mal, weil die Filmkopie ein bisschen anders ist, mal, weil man zuvor vielleicht etwas zu schnell war. Das hat bei diesem Orchester immer außerordentlich gut funktioniert“. Schon das dritte Jahr in Folge gastiert Imig bei Dresdens Philharmonikern und das Projekt soll auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Die Chemie muss stimmen.
Wer die Aufführung von Chaplins „Goldrausch“ im vergangenen Jahr erlebt hat und sich an jene dramatische Szene erinnert, wo die vom Schneesturm getriebene Hütte haarscharf am Abgrund kippelt, der wird verblüfft gewesen sein. Wie punktgenau muss die Musik doch manchmal auf den Bildern landen! Imig: „Ich beneide immer die Filmpianisten. Die sehen, das Haus kippt und ‚Wumm‘, hauen sie drauf. So schnell kann ich gar keinen Einsatz geben. Ich muss alles vorher wissen. Ich kann ja auch nicht mal schnell einen Takt weglassen, sondern muss alles spielen, was das Orchester vor sich hat.“
Nicht nur in diesen Stummfilmmusiken lebt Imig auf. Er kompiliert und experimentiert, geht sogar so weit, den von ihm verfluchten Taktgeber zu Hilfe zu nehmen, weil die Musik permanent auf den Punkt kommen muss. So beim Film „Fluch der Karibik“, der mit dem Babelsberger Filmorchester im November im Kulturpalast zu erleben war. „Man staunt, wie viel Musik überhaupt darunter liegt!“, sagt Imig. „Vieles ist direkt auf die Musik zugeschnitten – das ist auch wieder eine tolle Herausforderung.“ Man darf gespannt sein, was bei der Dresdner Philharmonie künftig auf die Leinwand kommt.
Film & Musik „Das ist das Leben“; Dresdner Philharmonie unter Helmut Imig: 15. Januar, 11 und 19.30 Uhr, Festsaal, Kulturpalast, Dresden, Tickets ab 32,15 Euro, Hotline: 0351 4866866.
te mit eigenen Klangvorstellungen zu harmonisieren. Was aber hat dies mit Charlie Chaplin und seinem frühen Meisterwerk „Easy Street“ zu tun? Der Kurzfilm beginnt so: Charlie als Tramp kauert frierend an einer Hausecke, horcht plötzlich auf und platzt in den Gottesdienst einer Sozialmission. Drinnen verzaubert ihn die reizende Missionsschwester am Harmonium. Der gefüllte Spendenkasten war schon unbemerkt in seiner weiten Hose verschwunden. Reumütig zieht er ihn wieder hervor, spontan entschlossen, sein Leben auf der anderen Seite neu zu beginnen: als Polizist.
Helmut Imig sitzt und analysiert diese feingliedrige Szene akribisch. Die laufenden Bilder sind Teil seiner Partitur. „Ich studiere x-Mal die Brüche, die Momente, wo eine Atmosphäre in die andere wechselt. Diese scharfen Übergänge, diese Tritte in den Hintern sind es, wo ich mich genau einzufädeln habe. Das schreibe ich mir natürlich in meine Noten.“ Am Sonntag werden sie im Dresdner Kulturpalast auf dem Pult liegen.
Nach Jahrzehnten als Kapellmeister im Musiktheater entdeckte Helmut Imig eine Nische, die Kollegen bis heute eher meiden. Und das, obwohl ihr eine bessere Zukunft beschieden scheint als dem klassischen Opern- und Konzertbetrieb: Imig lässt Orchester direkt zum Film musizieren, er erreicht damit neues, jüngeres Publikum und schafft eine ganz eigene Intensität des Klangs. Live-Musik schlägt auch hier den Lautsprecher, und jeder Konzertsaal eignet sich visuell-akustisch besser als Oper oder Kino. „Dadurch, dass das Orchester stets präsent ist und nicht im Graben verschwindet, erhält Musik ein ganz anderes Gewicht. Man ist natürlich immer den Augen verpflichtet, aber die Musik ist einfach stark dabei.“
Dieses Rampenlicht fordert natürlich besonders heraus. In der Regel erlauben sich Dirigenten große Freiheiten, gerade in der Wahl des Tempos. Sie verlangsamen oder beschleunigen nach eigenem Gusto. Läuft ein Film nebenher, ist diese Freiheit stark beschnitten. Er wirkt wie ein stilles Metronom, das höchst unregelmäßig schlägt. Aber es gibt Spielraum, und Imig nutzt ihn. „Bisweilen ist es völlig egal, wo ich bin, weil es so eine flächendeckende Musik ist, die minutenlang daher geht, ohne Höhepunkt, ohne Zäsur, wo sie nur eine Grundatmosphäre schafft. Aber anderswo muss man genau drauf sein. Das wiederum bedeutet, auch scheinbar belanglose Passagen ernst zu nehmen.“
Imig lobt die Qualität der Dresdner Philharmonie: „Ein Orchester muss ausgesprochen flexibel reagieren. Man muss ad hoc musizieren – mal, weil die Filmkopie ein bisschen anders ist, mal, weil man zuvor vielleicht etwas zu schnell war. Das hat bei diesem Orchester immer außerordentlich gut funktioniert“. Schon das dritte Jahr in Folge gastiert Imig bei Dresdens Philharmonikern und das Projekt soll auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Die Chemie muss stimmen.
Wer die Aufführung von Chaplins „Goldrausch“ im vergangenen Jahr erlebt hat und sich an jene dramatische Szene erinnert, wo die vom Schneesturm getriebene Hütte haarscharf am Abgrund kippelt, der wird verblüfft gewesen sein. Wie punktgenau muss die Musik doch manchmal auf den Bildern landen! Imig: „Ich beneide immer die Filmpianisten. Die sehen, das Haus kippt und ‚Wumm‘, hauen sie drauf. So schnell kann ich gar keinen Einsatz geben. Ich muss alles vorher wissen. Ich kann ja auch nicht mal schnell einen Takt weglassen, sondern muss alles spielen, was das Orchester vor sich hat.“
Nicht nur in diesen Stummfilmmusiken lebt Imig auf. Er kompiliert und experimentiert, geht sogar so weit, den von ihm verfluchten Taktgeber zu Hilfe zu nehmen, weil die Musik permanent auf den Punkt kommen muss. So beim Film „Fluch der Karibik“, der mit dem Babelsberger Filmorchester im November im Kulturpalast zu erleben war. „Man staunt, wie viel Musik überhaupt darunter liegt!“, sagt Imig. „Vieles ist direkt auf die Musik zugeschnitten – das ist auch wieder eine tolle Herausforderung.“ Man darf gespannt sein, was bei der Dresdner Philharmonie künftig auf die Leinwand kommt.
Film & Musik „Das ist das Leben“; Dresdner Philharmonie unter Helmut Imig: 15. Januar, 11 und 19.30 Uhr, Festsaal, Kulturpalast, Dresden, Tickets ab 32,15 Euro, Hotline: 0351 4866866.








