Kino
Donnerstag, 14. Januar 2010
Zwischen allen Tönen
Andreas Körner
Thomas McCarthys „Ein Sommer in New York – The Visitor“ kommt endlich ins Kino
Im Internet
Er solle die Finger doch so krümmen, dass sie einen Tunnel ergeben. Dass eine Spielzeugeisenbahn darunter durchfahren könnte. Die Klavierlehrerin versucht ihr Bestes, macht das, was sie mit allen Kindern macht, doch bei diesem Schüler will es nicht gelingen. Walter ist einfach nicht begabt. Vor allem aber ist er kein Kind mehr. Und er entlässt auch diese Lehrkraft. Es ist die fünfte.
Nach und nach wird klar, weshalb sich Wirtschaftsprofessor Walter Vale (Richard Jenkins) so hartnäckig am Klavierspielen versucht: Seine Frau war darin eine Meisterin, es war ihre Profession. Seit fünf Jahren ist sie tot, und die Einsamkeit nagt nicht nur an Walter, sie lähmt ihn. Immer mal ein gutes Glas Rotwein, und schleppend hin zum nächsten Tag. Für Ausbrüche ist er nicht der rechte Typ.
Das Heim in Connecticut ist Walters Fes-tung, nur widerwillig sagt er zu, in New York einen Vortrag zu halten. Als er dort nach langer Zeit sein Zweit-Appartement betritt, fällt ihm auf, dass es bewohnt scheint. Blumen im Flur, Licht in den Zimmern – in der Badewanne eine natürlich kreischende schwarze Frau, in der nächsten Sekunde ein wütender arabischer Mann an Walters Gurgel. Alles klärt sich: Die Wohnung wurde illegal untervermietet, noch dazu an zwei, die illegal im Land sind: Tarek (Haaz Sleiman) aus Syrien, Zainab (Danai Gurira) aus Senegal. Das Pärchen ist nicht aggressiv, Walter ist es sowieso nicht. So folgen einige Tage der friedlichen Koexistenz, der Annäherung, in denen Walter zur Krönung von Tarek in die Welt des Trommelns eingeführt, ja, von ihr verführt wird.
Die Konferenz, auf der er zu sprechen hat, wird wie zur Nebensache. Denn eine Tat- wird zur Hauptsache. Ein lapidarer Anlass in einer U-Bahn-Station führt zur Festnahme Tareks, zur Ankunft seiner Mutter Mouna (Hiam Abbass), zum Aufblättern realer Zustände in hochgradig verunsicherten, fast schon kollektiv-neurotischen Vereinigten Staaten. Wo führt es diesen Film hin? Keineswegs zur Tirade auf die Tücken der Wahrnehmung nach 9/11, zur Anklage ach so ungerechter Zustände, zum Aus-eins-mach-gefälligst-Zwei. Schauspieler Thomas McCarthy gelingt mit seiner zweiten Regiearbeit (nach dem wundervollen „Station Agent“) ein stilles, nicht lärmendes, berührendes, nicht rührseliges, individuelles und dann doch universelles Stück zeitgenössisches Kino.
Weil er um Klischees weiß und haarscharf an ihnen vorbeischrammt. Weil er Parolen vermeidet, nie den Blick auf genau diese vier Menschen verliert, von denen natürlich Walter Vale und damit der grandiose Richard Jenkins im Mittelpunkt steht. McCarthy schrieb ihm diese seltene Hauptrolle direkt auf den Leib, und er füllt sie mit so kraftvoll-nachhaltigen Facetten aus, die von aufrichtiger Sorge, Zivilcourage, Verbitterung, Wut, Zärtlichkeit und Liebe künden sollen. Und künden.
Ein Film mit besonderer Aura, der vom (Zwischen-)Tonfall lebt, von ausgewogener Komposition und einem nie nur behaupteten eigenen Rhythmus. Nach drei Jahren schafft er es endlich auch in deutsche Kinos.
Ein Sommer in New York – The Visitor: Kino in der Fabrik, DD
Nach und nach wird klar, weshalb sich Wirtschaftsprofessor Walter Vale (Richard Jenkins) so hartnäckig am Klavierspielen versucht: Seine Frau war darin eine Meisterin, es war ihre Profession. Seit fünf Jahren ist sie tot, und die Einsamkeit nagt nicht nur an Walter, sie lähmt ihn. Immer mal ein gutes Glas Rotwein, und schleppend hin zum nächsten Tag. Für Ausbrüche ist er nicht der rechte Typ.
Das Heim in Connecticut ist Walters Fes-tung, nur widerwillig sagt er zu, in New York einen Vortrag zu halten. Als er dort nach langer Zeit sein Zweit-Appartement betritt, fällt ihm auf, dass es bewohnt scheint. Blumen im Flur, Licht in den Zimmern – in der Badewanne eine natürlich kreischende schwarze Frau, in der nächsten Sekunde ein wütender arabischer Mann an Walters Gurgel. Alles klärt sich: Die Wohnung wurde illegal untervermietet, noch dazu an zwei, die illegal im Land sind: Tarek (Haaz Sleiman) aus Syrien, Zainab (Danai Gurira) aus Senegal. Das Pärchen ist nicht aggressiv, Walter ist es sowieso nicht. So folgen einige Tage der friedlichen Koexistenz, der Annäherung, in denen Walter zur Krönung von Tarek in die Welt des Trommelns eingeführt, ja, von ihr verführt wird.
Die Konferenz, auf der er zu sprechen hat, wird wie zur Nebensache. Denn eine Tat- wird zur Hauptsache. Ein lapidarer Anlass in einer U-Bahn-Station führt zur Festnahme Tareks, zur Ankunft seiner Mutter Mouna (Hiam Abbass), zum Aufblättern realer Zustände in hochgradig verunsicherten, fast schon kollektiv-neurotischen Vereinigten Staaten. Wo führt es diesen Film hin? Keineswegs zur Tirade auf die Tücken der Wahrnehmung nach 9/11, zur Anklage ach so ungerechter Zustände, zum Aus-eins-mach-gefälligst-Zwei. Schauspieler Thomas McCarthy gelingt mit seiner zweiten Regiearbeit (nach dem wundervollen „Station Agent“) ein stilles, nicht lärmendes, berührendes, nicht rührseliges, individuelles und dann doch universelles Stück zeitgenössisches Kino.
Weil er um Klischees weiß und haarscharf an ihnen vorbeischrammt. Weil er Parolen vermeidet, nie den Blick auf genau diese vier Menschen verliert, von denen natürlich Walter Vale und damit der grandiose Richard Jenkins im Mittelpunkt steht. McCarthy schrieb ihm diese seltene Hauptrolle direkt auf den Leib, und er füllt sie mit so kraftvoll-nachhaltigen Facetten aus, die von aufrichtiger Sorge, Zivilcourage, Verbitterung, Wut, Zärtlichkeit und Liebe künden sollen. Und künden.
Ein Film mit besonderer Aura, der vom (Zwischen-)Tonfall lebt, von ausgewogener Komposition und einem nie nur behaupteten eigenen Rhythmus. Nach drei Jahren schafft er es endlich auch in deutsche Kinos.
Ein Sommer in New York – The Visitor: Kino in der Fabrik, DD








