Kino
Donnerstag, 12. Januar 2012
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Wider die Gefälligkeit
Andreas Körner
Die äußerst lebendige Doku „William S. Burroughs: A Man Within“ sucht und findet den Menschen hinterm Künstler.
Welch letzte Worte! „Liebe. Was ist das? Das natürlichste Schmerzmittel überhaupt!“, schrieb der 83-jährige Dichter William S. Burroughs im Sommer 1997, kurz vor seinem Tod, ins Tagebuch. Viele, die ihn kannten oder zu kennen glaubten, hätten ihm solch ein Resümee nicht oder nicht mehr zugetraut. Und doch ließ es sie weich werden, bewegt vom Glück, ihm irgendwann einmal oder länger begegnet zu sein.
Das Verdienst von Regisseur Yony Leyser ist es, genau solche Menschen gesucht und gefunden zu haben. Denn ihm geht es mit „William S. Burroughs: A Man Within“ beileibe nicht um einen nächsten Versuch der Werkanalyse des legendären wie einflussreichen US-amerikanischen Beat-Poeten. Es geht nicht einmal vordergründig um Burroughs Einfluss auf die Künste an sich, sondern darum, wie komplex dieser Mann tickte und sich in Beziehung zu anderen Menschen setzte, gleich ob sie Geliebte, Freunde, Kollegen oder Nachbarn waren. Nicht d i e Antwort galt es zu finden, sondern Antworten. Leyser liefert mit seiner 87-minütigen Doku zugleich wieder einen formalen Grund, weshalb das Genre längst im Kino angekommen ist, im vergangenen Jahr nur einen kleinen Hänger hatte – nicht in der Fülle, aber in der besonderen Qualität des Angebots. Denn: Dokumentationen können Thriller sein, Dramen, visuelle und akustische Vergnügen.
Zunächst ist es die bewährte Mixtur, wenn man von außen auf ein spannendes (Künstler-)Leben schaut, wenn man einigen nicht minder populären oder völlig unbekannten Personen begegnen darf, und sie auch noch reden wollen. Wenn man Archive nach Foto- und Filmmaterial sichtet, die bei acht Jahrzehnten Erdendasein zumeist üppig bestückt sind und einen porträtierenden Film natürlich entscheidend würzen. Selbst die eingefügten Animationssequenzen überraschen nicht mehr gar zu sehr. Und doch geht das alles wieder einmal besonders homogen zusammen.
Burroughs war keinesfalls nur anarchistischer Dichter, der zusammen mit Allen Ginsberg und Jack Kerouac in den 1950er-Jahren die US-amerikanische Literaturszene revolutionierte, gegen Gefälligkeiten bürstete, sie geistig befreite und markante Bücher wie „Naked Lunch“ oder „Queer“ hinterließ. Burroughs wurde zur Symbolfigur, zumeist ungewollt, aber zwangsläufig.
Man nennt ihn den Paten des Punk. (Burroughs: „Ich bin kein Punk und ich weiß nicht, warum ausgerechnet ich dessen Pate sein soll.“) Er soll ja nicht mal Rock’n’Roll gemocht haben. Und dennoch war gerade sein Einfluss auf diese Szene enorm. Es gab immer wieder Kontakte, echte, tieflotende, andere, die – für die Jüngeren – auch Koketterie zum Anlass hatten. Mit u.a. Iggy Pop, Thurston Moore, Jello Biafra und natürlich Patti Smith („Ich war total verknallt in William!“) sprechen die der ersten Sparte vor der Kamera über jenen Mann, der nicht einmal wusste, ob er geliebt werden wollte: „O doch, von meinen Katzen schon.“ Er hatte sechs davon.
Burroughs wurde auch Ikone der Schwulenbewegung. Weil er sich als einer der ersten großflächig bekannten Protagonisten zum eigenen Schwulsein bekannte – trotzdem verheiratet war und seine Frau auf tragische Weise erschoss. Denn: Burroughs war auch Waffennarr. Und experimentierte mit harten Drogen. Sexualtherapeut Dr. Dennis Dailey sagt im Film: „In Freuds Augen wäre er wahrscheinlich ein zutiefst gestörter Mann gewesen. Hochgradig geisteskrank.“
„William S. Burroughs: A Man Within“ läuft jetzt in einem Programmkino, das in der Veranstaltungspraxis selbst die Grenzbereiche zwischen Film und Literatur längst aufgehoben hat. Auch ein Zeichen. Und nicht nur zur besonderen Freude der Betreiber werden diese anderthalb Stunden zum Festival der markanten Originalstimmen: Burroughs selbst hatte ein famoses Organ, aber auch den anderen Menschen aus „Privat“ und „Öffentlich“ wie Laurie Anderson, Peter Weller, David Cronenberg oder John Waters hört man in ihrem Schwärmen, Raunen, Erinnern und Reflektieren äußerst gern zu. Untertitel helfen nur, sie stören nicht. Wer anders als William S. Burroughs selbst sollte (s)einen Satz sagen wie: „Woher weiß man eigentlich, ob man nicht schon tot ist?“
„William S. Burroughs: A Man Within“: Thalia, DD
Das Verdienst von Regisseur Yony Leyser ist es, genau solche Menschen gesucht und gefunden zu haben. Denn ihm geht es mit „William S. Burroughs: A Man Within“ beileibe nicht um einen nächsten Versuch der Werkanalyse des legendären wie einflussreichen US-amerikanischen Beat-Poeten. Es geht nicht einmal vordergründig um Burroughs Einfluss auf die Künste an sich, sondern darum, wie komplex dieser Mann tickte und sich in Beziehung zu anderen Menschen setzte, gleich ob sie Geliebte, Freunde, Kollegen oder Nachbarn waren. Nicht d i e Antwort galt es zu finden, sondern Antworten. Leyser liefert mit seiner 87-minütigen Doku zugleich wieder einen formalen Grund, weshalb das Genre längst im Kino angekommen ist, im vergangenen Jahr nur einen kleinen Hänger hatte – nicht in der Fülle, aber in der besonderen Qualität des Angebots. Denn: Dokumentationen können Thriller sein, Dramen, visuelle und akustische Vergnügen.
Zunächst ist es die bewährte Mixtur, wenn man von außen auf ein spannendes (Künstler-)Leben schaut, wenn man einigen nicht minder populären oder völlig unbekannten Personen begegnen darf, und sie auch noch reden wollen. Wenn man Archive nach Foto- und Filmmaterial sichtet, die bei acht Jahrzehnten Erdendasein zumeist üppig bestückt sind und einen porträtierenden Film natürlich entscheidend würzen. Selbst die eingefügten Animationssequenzen überraschen nicht mehr gar zu sehr. Und doch geht das alles wieder einmal besonders homogen zusammen.
Burroughs war keinesfalls nur anarchistischer Dichter, der zusammen mit Allen Ginsberg und Jack Kerouac in den 1950er-Jahren die US-amerikanische Literaturszene revolutionierte, gegen Gefälligkeiten bürstete, sie geistig befreite und markante Bücher wie „Naked Lunch“ oder „Queer“ hinterließ. Burroughs wurde zur Symbolfigur, zumeist ungewollt, aber zwangsläufig.
Man nennt ihn den Paten des Punk. (Burroughs: „Ich bin kein Punk und ich weiß nicht, warum ausgerechnet ich dessen Pate sein soll.“) Er soll ja nicht mal Rock’n’Roll gemocht haben. Und dennoch war gerade sein Einfluss auf diese Szene enorm. Es gab immer wieder Kontakte, echte, tieflotende, andere, die – für die Jüngeren – auch Koketterie zum Anlass hatten. Mit u.a. Iggy Pop, Thurston Moore, Jello Biafra und natürlich Patti Smith („Ich war total verknallt in William!“) sprechen die der ersten Sparte vor der Kamera über jenen Mann, der nicht einmal wusste, ob er geliebt werden wollte: „O doch, von meinen Katzen schon.“ Er hatte sechs davon.
Burroughs wurde auch Ikone der Schwulenbewegung. Weil er sich als einer der ersten großflächig bekannten Protagonisten zum eigenen Schwulsein bekannte – trotzdem verheiratet war und seine Frau auf tragische Weise erschoss. Denn: Burroughs war auch Waffennarr. Und experimentierte mit harten Drogen. Sexualtherapeut Dr. Dennis Dailey sagt im Film: „In Freuds Augen wäre er wahrscheinlich ein zutiefst gestörter Mann gewesen. Hochgradig geisteskrank.“
„William S. Burroughs: A Man Within“ läuft jetzt in einem Programmkino, das in der Veranstaltungspraxis selbst die Grenzbereiche zwischen Film und Literatur längst aufgehoben hat. Auch ein Zeichen. Und nicht nur zur besonderen Freude der Betreiber werden diese anderthalb Stunden zum Festival der markanten Originalstimmen: Burroughs selbst hatte ein famoses Organ, aber auch den anderen Menschen aus „Privat“ und „Öffentlich“ wie Laurie Anderson, Peter Weller, David Cronenberg oder John Waters hört man in ihrem Schwärmen, Raunen, Erinnern und Reflektieren äußerst gern zu. Untertitel helfen nur, sie stören nicht. Wer anders als William S. Burroughs selbst sollte (s)einen Satz sagen wie: „Woher weiß man eigentlich, ob man nicht schon tot ist?“
„William S. Burroughs: A Man Within“: Thalia, DD








