Kino
Mittwoch, 10. März 2010
Weil es so ist
Andreas Körner
"Die Fremde": Feo Aladags starkes Debüt zeigt eine ebenso starke Sibel Kekilli.
Wieder ein Film, der das Ende einer starken Geschichte schon am Anfang verrät? Kein Zuschauer sollte sich vom Beginn abschrecken lassen, denn nichts ist verraten. Regisseurin Feo Aladag gibt ihr Debüt in keiner Minute aus der Hand. Nicht in den ersten, als sie präzise ins Geschehen einführt, nicht in den letzten, als sie einen unerwarteten Schock setzt, der nur allzu konsequent ist. Mit „Die Fremde“ gelingt Aladag eines der beein-druckendsten Erstlingswerke, die im deutschen Kino der jüngeren Zeit zu sehen waren.
Umay ist 25, hat einen kleinen Sohn Cem und ein zweites Kind gerade abgetrieben. Sie weiß, dass es nichts wird in Istanbul, fühlt, was sie immer schon gefühlt hat. Dass ihre Heimat in Berlin ist, wo sie geboren wurde, wo ihre Eltern leben, ihre Schwester, die Brüder. Obwohl ihr dort der Vater den Ehemann ausgesucht hat. Sie weiß, er musste, weil es sich „so gehört“. Also schnappt sich Umay ihren Cem und kehrt nach Deutschland zurück, versucht, dort ein zweites Mal anzukommen. Die Familie freut sich. Als Vater Kader die wahren Hintergründe von Umays Besuch erfährt, gerät er in die Bahnen vorgezeichneter Konflikte drohender „Schande“. Er zieht alle mit, seine Frau, die jüngere Tochter, die beiden Söhne. Umay sowieso.
Sibel Kekilli ist Umay. Sie spielt nach ihrem faszinierenden Debüt „Gegen die Wand“ von Fatih Akin erneut eine Deutschtürkin. Beide Rollen haben nicht so viel miteinander zu tun, wie man zunächst annimmt. Wo es vor sechs Jahren vor allem um eine ruppige Liebesgeschichte ging, wird „Die Fremde“ zu einer zeitgenössischen Blende auf Zustände in Deutschland, auf das, was hinter den knappen Nachrichten über Ehrverbrechen droht, über Zwiespalt und Tradition, Angst, Ohnmacht – Macht. Kekilli nimmt ihrer Figur zusammen mit der Regisseurin und Drehbuchautorin das Eindimensionale eines reinen Opfers. Ihre Umay ist konsequent im Drang nach Selbstbestimmung, aber genauso zwiespältig und zweifelnd in der Art, sie zu erreichen. Umay handelt nicht nur, sie will endlich auch Antworten auf ihre Fragen.
Beispielsweise, was das mit der Ehre der Väter und Brüder wirklich soll. Ihr Vater wird sagen: „Weil es so ist!“ Es ist im Grunde keine Antwort und doch ein Kompass. Der Freifahrtschein für alles Tragische in dieser Familie. Wo der Vater nicht anders kann, bei einer stummen Reise in seine Heimat aber mehr offenbart als mit Worten gesagt werden könnte. Wo Umays großer und kleiner Bruder vereint sind im Zweifel und im Druck. Wo nie sein kann, was nicht sein darf. Wo die kleine Schwester glücklich sein muss, wirklich verliebt zu sein – in einen Türken.
„Die Fremde“ ist zuvorderst mitreißendes Erzähl-Kino mit starken Schauspielern (Nizam Schiller, was für ein Kind!), grandioser Kamera (Judith Kaufmann), stimmiger Musik (Max Richter). Natürlich auch mit einem brennenden Thema. Und einem Schluss, der so aufzurütteln vermag, wie es Kino heute schaffen muss, wenn es etwas erreichen will.
Die Fremde - Programmkino Ost, DD
Umay ist 25, hat einen kleinen Sohn Cem und ein zweites Kind gerade abgetrieben. Sie weiß, dass es nichts wird in Istanbul, fühlt, was sie immer schon gefühlt hat. Dass ihre Heimat in Berlin ist, wo sie geboren wurde, wo ihre Eltern leben, ihre Schwester, die Brüder. Obwohl ihr dort der Vater den Ehemann ausgesucht hat. Sie weiß, er musste, weil es sich „so gehört“. Also schnappt sich Umay ihren Cem und kehrt nach Deutschland zurück, versucht, dort ein zweites Mal anzukommen. Die Familie freut sich. Als Vater Kader die wahren Hintergründe von Umays Besuch erfährt, gerät er in die Bahnen vorgezeichneter Konflikte drohender „Schande“. Er zieht alle mit, seine Frau, die jüngere Tochter, die beiden Söhne. Umay sowieso.
Sibel Kekilli ist Umay. Sie spielt nach ihrem faszinierenden Debüt „Gegen die Wand“ von Fatih Akin erneut eine Deutschtürkin. Beide Rollen haben nicht so viel miteinander zu tun, wie man zunächst annimmt. Wo es vor sechs Jahren vor allem um eine ruppige Liebesgeschichte ging, wird „Die Fremde“ zu einer zeitgenössischen Blende auf Zustände in Deutschland, auf das, was hinter den knappen Nachrichten über Ehrverbrechen droht, über Zwiespalt und Tradition, Angst, Ohnmacht – Macht. Kekilli nimmt ihrer Figur zusammen mit der Regisseurin und Drehbuchautorin das Eindimensionale eines reinen Opfers. Ihre Umay ist konsequent im Drang nach Selbstbestimmung, aber genauso zwiespältig und zweifelnd in der Art, sie zu erreichen. Umay handelt nicht nur, sie will endlich auch Antworten auf ihre Fragen.
Beispielsweise, was das mit der Ehre der Väter und Brüder wirklich soll. Ihr Vater wird sagen: „Weil es so ist!“ Es ist im Grunde keine Antwort und doch ein Kompass. Der Freifahrtschein für alles Tragische in dieser Familie. Wo der Vater nicht anders kann, bei einer stummen Reise in seine Heimat aber mehr offenbart als mit Worten gesagt werden könnte. Wo Umays großer und kleiner Bruder vereint sind im Zweifel und im Druck. Wo nie sein kann, was nicht sein darf. Wo die kleine Schwester glücklich sein muss, wirklich verliebt zu sein – in einen Türken.
„Die Fremde“ ist zuvorderst mitreißendes Erzähl-Kino mit starken Schauspielern (Nizam Schiller, was für ein Kind!), grandioser Kamera (Judith Kaufmann), stimmiger Musik (Max Richter). Natürlich auch mit einem brennenden Thema. Und einem Schluss, der so aufzurütteln vermag, wie es Kino heute schaffen muss, wenn es etwas erreichen will.
Die Fremde - Programmkino Ost, DD







