Kino
Donnerstag, 12. August 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Von Zwischenstopps im Leben
Von Andreas Körner
Alexis Dos Santos' Alltagsfilm „London Nights“ spürt 20-Jährigen nach und findet sie wirklich.
In sz-online
Sie fahren langsam wieder ein, kehren zurück in ihre Heimathäfen, und sei es nur für eine kurze Zeit der Überbrückung. Söhne und vor allem Töchter, die es nach „Abi 09“ zunächst in die Ferne hinausgetrieben hat. So viel konnte man als Ex-Erziehungsberechtigter gar nicht in Brücken bauenden Internetportalen hängen, um halbwegs zu erfassen, wie selbstbestimmt die „Kinder“ wirklich gelebt haben. Dort in der großen oder manchmal sehr dörflichen, auf alle Fälle frei gewählten Welt. Kino, hilf! Es gibt in diesem Jahr wohl keinen besseren Film für Familienzusammenführungen als „London Nights“ von Alexis Dos Santos.
Eigentlich heißt er „Unmade Beds“, was seinen Kern noch viel besser trifft, nicht nur wegen Axl, eine der Hauptfiguren. Der zählt die Betten, in denen er übernachtet hat. Er musste viel reisen als Junge, doch auch als jetzt 20-Jähriger macht er daraus ein Motto. Der Spanier kam nach London, um seinen Vater zu suchen, den er nicht kennt, jedenfalls nicht so, was kennen wirklich bedeutet. Axl war drei, als der Erzeuger heim nach England verschwand. Am Beginn springt der schwarze Wuschelkopf – ein wirklich Süßer, wie angetane Zuschauerinnen bemerken werden – gerade ins 21. Bett. Besser, er taumelt, denn Axl leidet an exzessivem Gedächtnisschwund nach zu viel Bier.
Jetzt ist Axl (Fernando Tielve) in einer (Lebens-)Künstler-WG gelandet, wo es zwischen Morgenkaffee, Cornflakes, einem Joint, Videodreh und experimentellen Küssen alles gibt. Hier leben auch ein verhinderter Fallschirmspringer und die Belgierin Vera (Déborah Francois), die gern Polaroids schießt, die letzten privaten davon aber gerade in eine Kiste packt und weit hinten im Regal verstaut. Eine Beziehung ist passé. Und die nächste beginnt zögernd mit einem Fremden, mit bemalten Schnurrbärten, ohne Namen und Vereinbarungen, nur mit ungeplanten Zügen. Wie lange das wohl gehen kann, fragt sie sich. Und Axl reibt sich inzwischen unerkannt am Vater-Land.
„London Nights“ meint die Zwischenstopps, das Suchen und manchmal auch Finden, er wehrt sich gegen glasklare Wendungen, widmet sich vielmehr den vielen kleinen und kleinsten Dingen, Lachfalten und Schmerzen des Ungeplanten, knackenden und springenden Vinyl-Singles und der Unschärfe eines eher wirren Übergangszustands. Geordnet können Axl, Vera und die anderen noch lang genug sein.
Ein argentinischer Regisseur dreht in der englischen Hauptstadt einen multinational besetzten Film; das ist längst nichts Besonderes mehr. Wohl aber wie Dos Santos das macht, wie er Stimme und Stimmung trifft, sich nicht über Sprache oder Story an Zwischenziele heranwanzt, sondern einfach zurückhaltend beobachtet und trotzdem ein sehr lebendiges Kaleidoskop schafft. Dabei helfen natürlich Songs und Bands, helfen animierte Fotos, verschachtelte Montagen, die Nah-dran-Kamera. Das alles ist echte Schwingung, keine Plastik. Ganz gleich, ob man demnächst vielleicht hier raus will oder wartet, dass jemand wiederkommt.
Wertung: xxxxxx Schauburg, DD
Eigentlich heißt er „Unmade Beds“, was seinen Kern noch viel besser trifft, nicht nur wegen Axl, eine der Hauptfiguren. Der zählt die Betten, in denen er übernachtet hat. Er musste viel reisen als Junge, doch auch als jetzt 20-Jähriger macht er daraus ein Motto. Der Spanier kam nach London, um seinen Vater zu suchen, den er nicht kennt, jedenfalls nicht so, was kennen wirklich bedeutet. Axl war drei, als der Erzeuger heim nach England verschwand. Am Beginn springt der schwarze Wuschelkopf – ein wirklich Süßer, wie angetane Zuschauerinnen bemerken werden – gerade ins 21. Bett. Besser, er taumelt, denn Axl leidet an exzessivem Gedächtnisschwund nach zu viel Bier.
Jetzt ist Axl (Fernando Tielve) in einer (Lebens-)Künstler-WG gelandet, wo es zwischen Morgenkaffee, Cornflakes, einem Joint, Videodreh und experimentellen Küssen alles gibt. Hier leben auch ein verhinderter Fallschirmspringer und die Belgierin Vera (Déborah Francois), die gern Polaroids schießt, die letzten privaten davon aber gerade in eine Kiste packt und weit hinten im Regal verstaut. Eine Beziehung ist passé. Und die nächste beginnt zögernd mit einem Fremden, mit bemalten Schnurrbärten, ohne Namen und Vereinbarungen, nur mit ungeplanten Zügen. Wie lange das wohl gehen kann, fragt sie sich. Und Axl reibt sich inzwischen unerkannt am Vater-Land.
„London Nights“ meint die Zwischenstopps, das Suchen und manchmal auch Finden, er wehrt sich gegen glasklare Wendungen, widmet sich vielmehr den vielen kleinen und kleinsten Dingen, Lachfalten und Schmerzen des Ungeplanten, knackenden und springenden Vinyl-Singles und der Unschärfe eines eher wirren Übergangszustands. Geordnet können Axl, Vera und die anderen noch lang genug sein.
Ein argentinischer Regisseur dreht in der englischen Hauptstadt einen multinational besetzten Film; das ist längst nichts Besonderes mehr. Wohl aber wie Dos Santos das macht, wie er Stimme und Stimmung trifft, sich nicht über Sprache oder Story an Zwischenziele heranwanzt, sondern einfach zurückhaltend beobachtet und trotzdem ein sehr lebendiges Kaleidoskop schafft. Dabei helfen natürlich Songs und Bands, helfen animierte Fotos, verschachtelte Montagen, die Nah-dran-Kamera. Das alles ist echte Schwingung, keine Plastik. Ganz gleich, ob man demnächst vielleicht hier raus will oder wartet, dass jemand wiederkommt.
Wertung: xxxxxx Schauburg, DD








