Kino
Donnerstag, 21. Januar 2010
Vielleicht Fisch
Andreas Körner
Kelly Reichardts leises Drama „Wendy & Lucy“ schafft es doch noch ins hiesige Kino .
Wendy schreibt dick „I’m lost“ auf einen Zettel, klebt darunter ein Bild und geht zum Kopieren. „Ich bin verloren gegangen“ – vom Foto schaut treuherzig die
Mischlingshündin Lucy. Es wäre überhaupt nicht falsch gewesen, hätte Wendy sich selbst auf dem Zettel verewigt. Denn auch sie ist verloren gegangen, irgendwo zwischen Süd und Nord. Und dem Drinnen und Draußen.
Hündin Lucy ist die einzige Begleiterin der jungen Frau. Mit einem klapprigen Honda machen beide in einer so typischen US-amerikanischen Kleinstadt Halt. Ihr Weg führt nach Alaska. Vielleicht gibt es dort Arbeit, vielleicht irgendwas mit Fisch. „Northern Fisheries“ soll Leute suchen, sagt ein Mann am nächtlichen Lagerfeuer. Auch in dieser Runde war es zunächst Lucy, die sich mit ihrer zutraulichen Art Zugang verschafft hat, die schweigsame Wendy war ihr nur gefolgt. Wendys Augen verraten, dass sie keinesfalls jene Aussteigerin ist, die man gern in ihr sehen mag, dass sie dem Alleinsein und Herumziehen kaum ein Mindestmaß Romantik abgewinnen kann. Und doch wird sie sich zunächst wie eine Aussteigerin bewegen müssen. Sich in der Tankstellen-Toilette waschen, akribisch die Dollars zählen, die bleiben. 500 scheinen viel. Doch das Auto geht endgültig kaputt, Wendy wird beim Klauen einer Dose Hundefutter erwischt. Muss Strafe zahlen, Stunden im Revier verbringen. Als sie wiederkommt, ist Lucy nicht mehr dort, wo sie angebunden war.
Regisseurin Kelly Reichardt ist eine Neugier stiftende Vertreterin des aktuellen US-amerikanischen Independent-Kinos. Ein Kino, für das sich erfahrene Regisseure wie (in diesem Falle) Todd Haynes oder Abel Ferrara engagieren. Ein Kino, das sich zumeist durch materiellen Minimalismus auszeichnet, durch Präzision in den Storys und Figurenzeichnungen. Reichardts zweiter Film „Old Joy“ – Will Oldham und Daniel London auf Kumpel-Tour – atmete eine ähnlich karge Atmosphäre wie jetzt „Wendy & Lucy“. Hatte Ersterer jedoch kaum das Private verlassen, ist es nicht schwer, im Neuen eine unaufdringliche Stilisierung von gestrauchelten Menschen zu sehen. Auch wenn die präzisen Gründe für Wendys Aufbruch ungenannt bleiben, ein Telefonat mit Schwester und Schwager bestenfalls Ahnungen parat hat, rücken dem Zuschauer sowohl Wendy als auch die ungezeigten „Unbekannten“ dieser Welt sehr nahe. Jene ohne Arbeit, ohne Wohnung, ohne Freunde. Wie schnell und unbedacht manches geschieht, wie eng Mut und Verzweiflung beisammen liegen. Und wie sehr das zählt, was Gnade heißt und Mitgefühl. Wendy erfährt davon durch einen alten Wachmann.
Sie gibt ein wenig ab an die Clochards. Doch ehe sich der Film an einer großen, noch dazu falschen Geste verschluckt, schwenkt er wortlos wieder ab: hin zu lange stehenden Bildern, zu Bahngleisen, Bäumen, Holzhäusern – zur so wahrhaftigen Michelle Williams als Wendy. Dieser Film braucht das Hochjubeln nicht, nur den sachten Fingerzeig. Den Rest erledigt er mit seiner entwaffnenden Traurigkeit und Schönheit von selbst.
Wendy & Lucy - Thalia, DD
Hündin Lucy ist die einzige Begleiterin der jungen Frau. Mit einem klapprigen Honda machen beide in einer so typischen US-amerikanischen Kleinstadt Halt. Ihr Weg führt nach Alaska. Vielleicht gibt es dort Arbeit, vielleicht irgendwas mit Fisch. „Northern Fisheries“ soll Leute suchen, sagt ein Mann am nächtlichen Lagerfeuer. Auch in dieser Runde war es zunächst Lucy, die sich mit ihrer zutraulichen Art Zugang verschafft hat, die schweigsame Wendy war ihr nur gefolgt. Wendys Augen verraten, dass sie keinesfalls jene Aussteigerin ist, die man gern in ihr sehen mag, dass sie dem Alleinsein und Herumziehen kaum ein Mindestmaß Romantik abgewinnen kann. Und doch wird sie sich zunächst wie eine Aussteigerin bewegen müssen. Sich in der Tankstellen-Toilette waschen, akribisch die Dollars zählen, die bleiben. 500 scheinen viel. Doch das Auto geht endgültig kaputt, Wendy wird beim Klauen einer Dose Hundefutter erwischt. Muss Strafe zahlen, Stunden im Revier verbringen. Als sie wiederkommt, ist Lucy nicht mehr dort, wo sie angebunden war.
Regisseurin Kelly Reichardt ist eine Neugier stiftende Vertreterin des aktuellen US-amerikanischen Independent-Kinos. Ein Kino, für das sich erfahrene Regisseure wie (in diesem Falle) Todd Haynes oder Abel Ferrara engagieren. Ein Kino, das sich zumeist durch materiellen Minimalismus auszeichnet, durch Präzision in den Storys und Figurenzeichnungen. Reichardts zweiter Film „Old Joy“ – Will Oldham und Daniel London auf Kumpel-Tour – atmete eine ähnlich karge Atmosphäre wie jetzt „Wendy & Lucy“. Hatte Ersterer jedoch kaum das Private verlassen, ist es nicht schwer, im Neuen eine unaufdringliche Stilisierung von gestrauchelten Menschen zu sehen. Auch wenn die präzisen Gründe für Wendys Aufbruch ungenannt bleiben, ein Telefonat mit Schwester und Schwager bestenfalls Ahnungen parat hat, rücken dem Zuschauer sowohl Wendy als auch die ungezeigten „Unbekannten“ dieser Welt sehr nahe. Jene ohne Arbeit, ohne Wohnung, ohne Freunde. Wie schnell und unbedacht manches geschieht, wie eng Mut und Verzweiflung beisammen liegen. Und wie sehr das zählt, was Gnade heißt und Mitgefühl. Wendy erfährt davon durch einen alten Wachmann.
Sie gibt ein wenig ab an die Clochards. Doch ehe sich der Film an einer großen, noch dazu falschen Geste verschluckt, schwenkt er wortlos wieder ab: hin zu lange stehenden Bildern, zu Bahngleisen, Bäumen, Holzhäusern – zur so wahrhaftigen Michelle Williams als Wendy. Dieser Film braucht das Hochjubeln nicht, nur den sachten Fingerzeig. Den Rest erledigt er mit seiner entwaffnenden Traurigkeit und Schönheit von selbst.
Wendy & Lucy - Thalia, DD








