Kino
Mittwoch, 30. September 2009
Verlieben und Verfolgen
Adrián Biniez’ „Gigante“ ist eine vor allem warmherzige Komödie
Sinngemäß steht auf einem Spiegel geschrieben: „Denkt stets daran, unsere Kunden sehen dieses Gesicht“. Wie die anderen Mitarbeiter des Supermarktes auch betrachtet sich darin Wachmann Jara täglich vor Dienstantritt. Die Aufforderung allein genügt jedoch noch nicht, dass ihm ein zwangfreies Lächeln gelingt. Jara wirkt wie ein pfundiger Bär, dem der Missmut zu schaffen macht.
Julia ist da anders. Die neue Putzfrau hat Schwung. Soviel, dass ihr beim nächtlichen Wischen gleich ein Missgeschick passiert, das wiederum eine Reiz-Attacke des Chefs zur Folge hat. Jara beobachtet alles. Er ist der Herr der Monitore. Sitzt oben in seinem Kabuff, schlägt sich mit „12 waagerecht, 18 senkrecht“ die Zeit tot, lässt ab und an die Kameras drehen und den einen oder anderen Klau der Angestellten durch. Polenta, ja, elektrische Geräte, nein! Da ist er eisern. Als er Julia sieht, gerät seine kleine Welt ein wenig aus den Fugen. Später dann ein wenig sehr. Denn etwas Eigenartiges zieht durch seinen massigen Körper, etwas, das mit Monitoren nicht zu kontrollieren ist. Jara hat es erwischt. Er ist verliebt.
Der in Uruguay lebende argentinische Regisseur Adrián Biniez führt seinen Helden als komplexe Person mit Komplexen ein, entlassen wird er ihn mit der berechtigten Hoffnung auf Besserung. Jara ist einsam, tapsig, aber auch voller Kraft. Zwischen diesen Polen wird er an- und abgestoßen. „Mach’ was draus, Junge!“, ist man geneigt, ihm lauthals zuzurufen.
„Gigante“ wird nach und nach zu einem wunderbaren, warmherzigen und dicht dem Leben abgelauschten Film übers Verlieben und Verfolgen. Er ist wie seine Figuren: Seltsam, tragisch, komisch in einem. Jara traut sich – nur langsam zwar, aber immerhin – aus seinem Versteck. Julia fügt dem Ganzen eine tollpatschige Note hinzu. Da könnten zwei sich finden, wenn sie sich denn finden könnten. Jara verhindert lieber die Annäherungsversuche eines anderen Kollegen, verfolgt Julia ins Kino, ins Internetcafé, in Läden (wo er in einer grandiosen Szene selbst „Opfer“ der Überwachung wird). Das riecht nach beginnender Obsession, doch Jara stolpert nur beim so wichtigen ersten Schritt. Ein Taxifahrer bekommt eins auf die große Klappe, ein paar Jungs ebenso, denn Jara beschützt Julia – und sogar deren Verabredung. In einem herrlich skurrilen Moment holt er sich ausgerechnet beim Konkurrenten die Absolution fürs Dranbleiben. Schließlich liebt Julia wie er Heavy-Metal-Rock, da ginge was. Jara kauft aus lauter Verlegenheit eine Fachzeitschrift für Stricken und einen Kaktus für Julia. Als sich dann die Arbeitssituation im Supermarkt verschärft, als es Entlassungen gibt, ist er kein Guter, dort explodiert er, dort geht all sein Frust ins ziellose Freie.
Eine besondere romantische Komödie, die mit Konventionen bricht. Eine Entdeckung, auch durch die großartigen Hauptdarsteller Leonor Scarcas und Horacio Camandulle. Und nach „Whisky mit Wodka“ gibt es die nächste Schluss-szene am Strand. Ende offen. A. Körner
Gigante - Programmkino Ost, Schauburg, DD
Julia ist da anders. Die neue Putzfrau hat Schwung. Soviel, dass ihr beim nächtlichen Wischen gleich ein Missgeschick passiert, das wiederum eine Reiz-Attacke des Chefs zur Folge hat. Jara beobachtet alles. Er ist der Herr der Monitore. Sitzt oben in seinem Kabuff, schlägt sich mit „12 waagerecht, 18 senkrecht“ die Zeit tot, lässt ab und an die Kameras drehen und den einen oder anderen Klau der Angestellten durch. Polenta, ja, elektrische Geräte, nein! Da ist er eisern. Als er Julia sieht, gerät seine kleine Welt ein wenig aus den Fugen. Später dann ein wenig sehr. Denn etwas Eigenartiges zieht durch seinen massigen Körper, etwas, das mit Monitoren nicht zu kontrollieren ist. Jara hat es erwischt. Er ist verliebt.
Der in Uruguay lebende argentinische Regisseur Adrián Biniez führt seinen Helden als komplexe Person mit Komplexen ein, entlassen wird er ihn mit der berechtigten Hoffnung auf Besserung. Jara ist einsam, tapsig, aber auch voller Kraft. Zwischen diesen Polen wird er an- und abgestoßen. „Mach’ was draus, Junge!“, ist man geneigt, ihm lauthals zuzurufen.
„Gigante“ wird nach und nach zu einem wunderbaren, warmherzigen und dicht dem Leben abgelauschten Film übers Verlieben und Verfolgen. Er ist wie seine Figuren: Seltsam, tragisch, komisch in einem. Jara traut sich – nur langsam zwar, aber immerhin – aus seinem Versteck. Julia fügt dem Ganzen eine tollpatschige Note hinzu. Da könnten zwei sich finden, wenn sie sich denn finden könnten. Jara verhindert lieber die Annäherungsversuche eines anderen Kollegen, verfolgt Julia ins Kino, ins Internetcafé, in Läden (wo er in einer grandiosen Szene selbst „Opfer“ der Überwachung wird). Das riecht nach beginnender Obsession, doch Jara stolpert nur beim so wichtigen ersten Schritt. Ein Taxifahrer bekommt eins auf die große Klappe, ein paar Jungs ebenso, denn Jara beschützt Julia – und sogar deren Verabredung. In einem herrlich skurrilen Moment holt er sich ausgerechnet beim Konkurrenten die Absolution fürs Dranbleiben. Schließlich liebt Julia wie er Heavy-Metal-Rock, da ginge was. Jara kauft aus lauter Verlegenheit eine Fachzeitschrift für Stricken und einen Kaktus für Julia. Als sich dann die Arbeitssituation im Supermarkt verschärft, als es Entlassungen gibt, ist er kein Guter, dort explodiert er, dort geht all sein Frust ins ziellose Freie.
Eine besondere romantische Komödie, die mit Konventionen bricht. Eine Entdeckung, auch durch die großartigen Hauptdarsteller Leonor Scarcas und Horacio Camandulle. Und nach „Whisky mit Wodka“ gibt es die nächste Schluss-szene am Strand. Ende offen. A. Körner
Gigante - Programmkino Ost, Schauburg, DD








