Kino
Donnerstag, 19. November 2009
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Über Marx zu Hegel zu Hitler
Der Dok-Film „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ porträtiert Ströbele, Mahler und Schily
Von Christina Wittich
Die Anwälte 1973: Hans-Christian Ströbele, Horst Mahler, Otto Schily (v.l.). Foto: Warner
In sz-online
Video
Trailer zum Film
Trailer zum Film
Drei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Hans-Christian Ströbele, Otto Schily und Horst Mahler. Der eine das soziale Gewissen der Grünen im Bundestag, der andere Bundesinnenminister a.D., der dritte ein verurteilter Holocaust-Leugner und Neonazi.
Ein Foto, aufgenommen Anfang der 1970er-Jahre, zeigt die drei Anwälte in einem Berliner Gerichtssaal: Schily und Ströbele als Verteidiger des RAF-Sympathisanten Horst Mahler, angeklagt, illegal Waffen für die Rote Armee Fraktion organisiert zu haben. Damals sind alle drei Anwälte der linken außerparlamentarischen Opposition, kurz Apo. Was sie eint ist der Gegner BRD als Unterdrücker politischer Freiheit. Was sie trennt sind ihre Mittel der Wahl, gegen das abgelehnte System vorzugehen. Heute, 38 Jahre später, wäre es nicht mehr möglich, die drei für ein gemeinsames Foto zu gewinnen. Schily und Ströbele gehen sich aus dem Weg, Mahlers Nähe meiden sie beide.
Präzise, mit wenigen, dafür aussagekräftigen Rückblicken in die Kindheit, zeichnet Birgit Schulz ihrer neuen Arbeit „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ die Biographien dreier Männer einer Generation nach. Schily wurde 1932 in Bochum geboren, Mahler 1936 in Schlesien, Ströbele 1939 in Halle.
Für den westdeutschen Zuschauer mögen die verwendeten Archivbilder zu den Revoltejahren der Bundesrepublik wenig neue Erkenntnis bieten. Konventionell und vor allem tauglich fürs anspruchsvollere öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm hat Birgit Schulz hier gearbeitet.
Für den weniger mit dem kollektiven westlichen Gedächtnis in Berührung gekommenen Zuschauer bietet der Dokumentarfilm allerdings einen spannenden Überblick. Mehrere Tage lang interviewte Schulz ihre drei Protagonisten und öffnet damit wenigstens ein Stück weit die öffentliche Hülle um Ströbele, Schily und Mahler. Zutage kommen ein müder Ex-Innenminister, dem Horst Mahler vorwirft, die eigenen Ideale verraten zu haben. Hans-Christian Ströbele wirkt bis heute überrascht, dass er feststellen musste, seine Gespräche mit den Insassen von Stammheim wurden abgehört. Lediglich bei Horst Mahler geht die Filmemacherin auch in der Bildsprache auf Abstand, nimmt den Neonazi schräg von hinten auf, durch eine Glasscheibe, als er von seiner Entwicklung – über Marx zu Hegel zu Hitler – zu sprechen beginnt. „Eine Tragödie“ nennt Schily den Werdegang des einstigen Kollegen. „Da fehlen mir die Worte“, sagt Ströbele.
Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat den Film mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet. Das mag des Guten zu viel sein. Sich den Film anzusehen, kann jedoch keinesfalls schaden.
Wertung: xxxxxx
kino im dach, DD
Ein Foto, aufgenommen Anfang der 1970er-Jahre, zeigt die drei Anwälte in einem Berliner Gerichtssaal: Schily und Ströbele als Verteidiger des RAF-Sympathisanten Horst Mahler, angeklagt, illegal Waffen für die Rote Armee Fraktion organisiert zu haben. Damals sind alle drei Anwälte der linken außerparlamentarischen Opposition, kurz Apo. Was sie eint ist der Gegner BRD als Unterdrücker politischer Freiheit. Was sie trennt sind ihre Mittel der Wahl, gegen das abgelehnte System vorzugehen. Heute, 38 Jahre später, wäre es nicht mehr möglich, die drei für ein gemeinsames Foto zu gewinnen. Schily und Ströbele gehen sich aus dem Weg, Mahlers Nähe meiden sie beide.
Präzise, mit wenigen, dafür aussagekräftigen Rückblicken in die Kindheit, zeichnet Birgit Schulz ihrer neuen Arbeit „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ die Biographien dreier Männer einer Generation nach. Schily wurde 1932 in Bochum geboren, Mahler 1936 in Schlesien, Ströbele 1939 in Halle.
Für den westdeutschen Zuschauer mögen die verwendeten Archivbilder zu den Revoltejahren der Bundesrepublik wenig neue Erkenntnis bieten. Konventionell und vor allem tauglich fürs anspruchsvollere öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm hat Birgit Schulz hier gearbeitet.
Für den weniger mit dem kollektiven westlichen Gedächtnis in Berührung gekommenen Zuschauer bietet der Dokumentarfilm allerdings einen spannenden Überblick. Mehrere Tage lang interviewte Schulz ihre drei Protagonisten und öffnet damit wenigstens ein Stück weit die öffentliche Hülle um Ströbele, Schily und Mahler. Zutage kommen ein müder Ex-Innenminister, dem Horst Mahler vorwirft, die eigenen Ideale verraten zu haben. Hans-Christian Ströbele wirkt bis heute überrascht, dass er feststellen musste, seine Gespräche mit den Insassen von Stammheim wurden abgehört. Lediglich bei Horst Mahler geht die Filmemacherin auch in der Bildsprache auf Abstand, nimmt den Neonazi schräg von hinten auf, durch eine Glasscheibe, als er von seiner Entwicklung – über Marx zu Hegel zu Hitler – zu sprechen beginnt. „Eine Tragödie“ nennt Schily den Werdegang des einstigen Kollegen. „Da fehlen mir die Worte“, sagt Ströbele.
Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat den Film mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet. Das mag des Guten zu viel sein. Sich den Film anzusehen, kann jedoch keinesfalls schaden.
Wertung: xxxxxx
kino im dach, DD







