Kino
Donnerstag, 29. Juli 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Triologie des Schicksals
„Renn, wenn du kannst“ ist eine fein gesponnene Geschichte um Cello, Rollstuhl und die Liebe.
Matschenz, Brüggemann, Gwisdek (v.l.): Ein Trio auf Zeit. Foto: Zorrofilm
Die Zeit der Flötistinnen ist noch nicht gekommen. Kommt wohl nie. Immer wieder ist es eher die Frau und das Cello, die Regisseuren reizvoll erscheinen, wohl auch aufgrund des vieldeutigen äußeren Erscheinungsbildes – von beiden. Und Rollstuhlfahrer? Hatten jüngst sogar so etwas wie Hochkonjunktur im europäischen Film. Dreiecksgeschichten der Liebe haben es sowieso. Sodann: Es ist nicht leicht mit der Neugier auf Dietrich Brüggemanns Debüt, doch aus Cello, Rollstuhl und Dreieck macht er eine wirklich fein gesponnene Sache.
Ben (Robert Gwisdek) ist ruppig. Ben ist sarkastisch, ja, bisweilen sogar fies. Einige Zivildienstleistende hat der Mittzwanziger schon tyrannisiert und damit verbraucht, und auch Christian (Jakob Matschenz), der neue, wird gleich an seinem ersten Tag auf Geduld getestet. Er macht eine ausgesprochen gute Figur und Ben ungewöhnlich neugierig. Weil Christian kontert, Grenzen zeigt und sogar humoristisch auf derselben Wellenlänge reitet.
Der Zivi also und sein teilgelähmter Patient. Schicksal und ein Knall führen beide mit Annika (Anna Brüggemann) zusammen. Die Cellistin haut eine Gipsbüste aus ihrem WG-Gemach just auf die Kühlerhaube von Bens edlem Wagen. War es Bach, Beethoven, Goethe? Die Triologe darüber sind von jener besonderen Farbe, die dieser Story ihre schönsten Momente schenkt. Oder Sätze wie dieser: „Jeder von uns kann sich jetzt einen Antiwunsch nicht wünschen.“ Da treffen drei junge Menschen aufeinander, die sich gerade ausrichten, daran aber alles andere als verzweifeln. Drei, die von jetzt ab für kurz sehr gern zusammen sind, obwohl der eine wie der andere sich in das Mädchen verliebt, der eine sie küsst, der andere mit ihr zu schlafen versucht, wo Freundschaft aber das eher Naheliegende, weil Vernünftige wäre. Das Leben fragt nur zu selten danach.
Nichts gegen Jakob Matschenz und Brüggemanns Schwester Anaa, aber es ist natürlich Robert Gwisdeks Film. Kraftvoll spielt er sich in Ben hinein, gibt dem so gespaltenen, in sich vehement einsamen und doch vor allem lebensdurstigen Mann Wahrhaftigkeit. Gwisdek kann das leisten, weil die schwierige Figur markant beschrieben und dennoch nur eine von drei Gleichberechtigen ist.
Auch Dietrich Brüggemann verheddert sich nicht im zwangsweisen „Andersmachen“, weil er doch selbst als Zivi Schwerstbehinderte betreut hat, weil seine andere Schwester im Rollstuhl sitzt und er selbst endlich eine annähernd wahrhaftige Darstellung von Behinderten im Kino zu beschreiben versucht. Absolut richtig, seinen Film etwas über der Erde schweben zu lassen und dennoch genau den Ton zu treffen, der von weiter unten kommt. Nur am Ende verheddert sich die Handlung etwas in einem zunehmend unentschiedenen Mix aus Melodram, Träumerei und Pose. Allerdings gehört „Renn, wenn du kannst“ nicht zu jenen Streifen, denen finale Ausrutscher wirklich etwas anhaben können. Dazu ist das, was vorher war, einfach zu gut. Andreas Körner
Wertung: x x x x x x
Kino in der Fabrik, Programmkino Ost, DD
Ben (Robert Gwisdek) ist ruppig. Ben ist sarkastisch, ja, bisweilen sogar fies. Einige Zivildienstleistende hat der Mittzwanziger schon tyrannisiert und damit verbraucht, und auch Christian (Jakob Matschenz), der neue, wird gleich an seinem ersten Tag auf Geduld getestet. Er macht eine ausgesprochen gute Figur und Ben ungewöhnlich neugierig. Weil Christian kontert, Grenzen zeigt und sogar humoristisch auf derselben Wellenlänge reitet.
Der Zivi also und sein teilgelähmter Patient. Schicksal und ein Knall führen beide mit Annika (Anna Brüggemann) zusammen. Die Cellistin haut eine Gipsbüste aus ihrem WG-Gemach just auf die Kühlerhaube von Bens edlem Wagen. War es Bach, Beethoven, Goethe? Die Triologe darüber sind von jener besonderen Farbe, die dieser Story ihre schönsten Momente schenkt. Oder Sätze wie dieser: „Jeder von uns kann sich jetzt einen Antiwunsch nicht wünschen.“ Da treffen drei junge Menschen aufeinander, die sich gerade ausrichten, daran aber alles andere als verzweifeln. Drei, die von jetzt ab für kurz sehr gern zusammen sind, obwohl der eine wie der andere sich in das Mädchen verliebt, der eine sie küsst, der andere mit ihr zu schlafen versucht, wo Freundschaft aber das eher Naheliegende, weil Vernünftige wäre. Das Leben fragt nur zu selten danach.
Nichts gegen Jakob Matschenz und Brüggemanns Schwester Anaa, aber es ist natürlich Robert Gwisdeks Film. Kraftvoll spielt er sich in Ben hinein, gibt dem so gespaltenen, in sich vehement einsamen und doch vor allem lebensdurstigen Mann Wahrhaftigkeit. Gwisdek kann das leisten, weil die schwierige Figur markant beschrieben und dennoch nur eine von drei Gleichberechtigen ist.
Auch Dietrich Brüggemann verheddert sich nicht im zwangsweisen „Andersmachen“, weil er doch selbst als Zivi Schwerstbehinderte betreut hat, weil seine andere Schwester im Rollstuhl sitzt und er selbst endlich eine annähernd wahrhaftige Darstellung von Behinderten im Kino zu beschreiben versucht. Absolut richtig, seinen Film etwas über der Erde schweben zu lassen und dennoch genau den Ton zu treffen, der von weiter unten kommt. Nur am Ende verheddert sich die Handlung etwas in einem zunehmend unentschiedenen Mix aus Melodram, Träumerei und Pose. Allerdings gehört „Renn, wenn du kannst“ nicht zu jenen Streifen, denen finale Ausrutscher wirklich etwas anhaben können. Dazu ist das, was vorher war, einfach zu gut. Andreas Körner
Wertung: x x x x x x
Kino in der Fabrik, Programmkino Ost, DD







