Kino
Mittwoch, 1. September 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Szenen einer Nähe
Von Andreas Körner
„Zwischen uns das Paradies“ von Jasmila Zbanic ist vor allem eine lebendige Liebesgeschichte.
Ein gemeinsames Kind wäre in dieser Ehe wirklich die Krönung einer sehr tief sitzenden Liebe. Was als geflügeltes, nicht selten jedoch durch den Alltag gestutztes Wort gilt, hat für Luna (Zrinka Citecic) und Amar (Leon Lucev) ureigene Bedeutung. Sie lachen miteinander. Sie necken sich. Sie schlafen zusammen. Noch ist es kein „Sport“, damit es endlich mit dem Baby klappt.
Doch es klappt nicht. Unmerklich wächst der Druck. Als klar wird, dass Amars etwas behäbige Spermien schuld sind, beginnt die destruktive Phase, die man diesen zwei Liebenden alles andere als wünscht, die aber nahezu unvermeidlich ist. Denn Amar hat zudem ein Problem mit dem Alkohol. Als Fluglotse. Er verliert den Job, Luna, die Stewardess, ist jetzt allein fürs Materielle verantwortlich, was keinen Mann besonders stolz macht, obwohl dumme Witze immer wieder davon künden, es reiche aus, wenn die Frau Arbeit hat und der eigene Appetit gesund bleibt. Amar dreht immer deutlicher am Rad. Noch hält in der Beziehung das Lächeln, doch es wird brüchiger.
Regisseurin Jasmila Zbanic hatte vor vier Jahren mit „Esmas Geheimnis“ aufhorchen lassen. Den internationalen Preisen, u.a. der Goldene Berlinale-Bär, folgte die Anerkennung eines wachen Teils des Publikums. Mit ihrem zweiten Langfilm bleibt Zbanic in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina verankert, und sie bleibt auch dabei, eine sehr persönliche Lebensgeschichte mit den Nachwirkungen des Balkankriegs zu vernetzen, ohne sie gleich auszustellen. In „Esmas Geheimnis“ war es der innere und letztlich äußere Kampf einer Mutter um ihre zwölfjährige Tochter, die herausbekommt, dass sie durch die Vergewaltigung feindlicher Soldaten gezeugt wurde.
In „Zwischen uns das Paradies“ bricht der Krieg viel dezenter ins Persönliche, viel indirekter und doch entscheidender. Für Luna ist es vor allem der enge Kontakt zur Großmutter, die sie aufgezogen hat. Für Amar sind es die Erinnerungen an den gefallenen Bruder, ist es Bahrija (Ermin Bravo), mit dem er einst fürs Vaterland gekämpft hat, der nun aber die vielleicht entscheidenden Weichen stellt. Er hätte da etwas für Amar, etwas mit Computern, etwas mit Kindern, draußen am See ... Schön, ein Job. Ein Job? Amar rückt nicht recht raus mit der Sprache. Aber er rückt weg von Luna, nach und nach, schleichend, schmerzend.
Äußerlich durch die räumliche Entfernung, innerlich durch Hinwendung zur Fundamental-Religion. Denn das, was der Freund als Job verkauft, ist ein muslimisches Wahabiten-Camp, in dem ganzen Familien angeblich „Frieden und Ausgeglichenheit“ begegnen. Eine islamistische Terrorzelle aber, wie Luna vorschnell vermutet, ist es nicht. Trotzdem kratzt Luna mehr als an der Oberfläche, sie will wissen, erfahren, nicht nur vermuten. Denn es geht um ihre Ehe, also um ihr Leben.
Luna ist eine Freundliche. Eine Sinnliche, Schöne. Eine Geduldige. Sie ist auch eine Kämpfende. Sie holt ihren Mann raus, aber er steckt schon tief im Sumpf der Verneblung. Wieder daheim, gibt Amar zunächst vor, der Versuchung radikalen Glaubens zu widerstehen. Doch bald schon zeigt morgens ein kleiner Teppich in der gemeinsamen Wohnung nach Mekka ...
Wieder einmal braucht es für das Entscheidende nur wenig, wieder einmal wird es einigen Zuschauern zu wenig sein. Blicke in markante Gesichter, sehr eigenes Licht, Szenen einer Nähe, übersetzt durch die Kamera, ausgehalten von starken Schauspielern. Ein Film über Nuancen, Balancen und Toleranzen, den Wandel, von unaufhaltbaren Veränderungen, mündend in der Frage, wer hier zu wem zurückkehren muss, damit es weitergeht.
Bis dahin wartet mit der Kroatin Zrinka Citecic eine nächste wunderbare Entdeckung des Kinojahres. Und vielleicht rückt uns der Balkan genau mit „Zwischen uns das Paradies“ wieder so nah, wie er eigentlich sein sollte. Oder anders: Was stimmt nicht in Europa?
Wertung: xxxxxx
Schauburg, DD
Doch es klappt nicht. Unmerklich wächst der Druck. Als klar wird, dass Amars etwas behäbige Spermien schuld sind, beginnt die destruktive Phase, die man diesen zwei Liebenden alles andere als wünscht, die aber nahezu unvermeidlich ist. Denn Amar hat zudem ein Problem mit dem Alkohol. Als Fluglotse. Er verliert den Job, Luna, die Stewardess, ist jetzt allein fürs Materielle verantwortlich, was keinen Mann besonders stolz macht, obwohl dumme Witze immer wieder davon künden, es reiche aus, wenn die Frau Arbeit hat und der eigene Appetit gesund bleibt. Amar dreht immer deutlicher am Rad. Noch hält in der Beziehung das Lächeln, doch es wird brüchiger.
Regisseurin Jasmila Zbanic hatte vor vier Jahren mit „Esmas Geheimnis“ aufhorchen lassen. Den internationalen Preisen, u.a. der Goldene Berlinale-Bär, folgte die Anerkennung eines wachen Teils des Publikums. Mit ihrem zweiten Langfilm bleibt Zbanic in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina verankert, und sie bleibt auch dabei, eine sehr persönliche Lebensgeschichte mit den Nachwirkungen des Balkankriegs zu vernetzen, ohne sie gleich auszustellen. In „Esmas Geheimnis“ war es der innere und letztlich äußere Kampf einer Mutter um ihre zwölfjährige Tochter, die herausbekommt, dass sie durch die Vergewaltigung feindlicher Soldaten gezeugt wurde.
In „Zwischen uns das Paradies“ bricht der Krieg viel dezenter ins Persönliche, viel indirekter und doch entscheidender. Für Luna ist es vor allem der enge Kontakt zur Großmutter, die sie aufgezogen hat. Für Amar sind es die Erinnerungen an den gefallenen Bruder, ist es Bahrija (Ermin Bravo), mit dem er einst fürs Vaterland gekämpft hat, der nun aber die vielleicht entscheidenden Weichen stellt. Er hätte da etwas für Amar, etwas mit Computern, etwas mit Kindern, draußen am See ... Schön, ein Job. Ein Job? Amar rückt nicht recht raus mit der Sprache. Aber er rückt weg von Luna, nach und nach, schleichend, schmerzend.
Äußerlich durch die räumliche Entfernung, innerlich durch Hinwendung zur Fundamental-Religion. Denn das, was der Freund als Job verkauft, ist ein muslimisches Wahabiten-Camp, in dem ganzen Familien angeblich „Frieden und Ausgeglichenheit“ begegnen. Eine islamistische Terrorzelle aber, wie Luna vorschnell vermutet, ist es nicht. Trotzdem kratzt Luna mehr als an der Oberfläche, sie will wissen, erfahren, nicht nur vermuten. Denn es geht um ihre Ehe, also um ihr Leben.
Luna ist eine Freundliche. Eine Sinnliche, Schöne. Eine Geduldige. Sie ist auch eine Kämpfende. Sie holt ihren Mann raus, aber er steckt schon tief im Sumpf der Verneblung. Wieder daheim, gibt Amar zunächst vor, der Versuchung radikalen Glaubens zu widerstehen. Doch bald schon zeigt morgens ein kleiner Teppich in der gemeinsamen Wohnung nach Mekka ...
Wieder einmal braucht es für das Entscheidende nur wenig, wieder einmal wird es einigen Zuschauern zu wenig sein. Blicke in markante Gesichter, sehr eigenes Licht, Szenen einer Nähe, übersetzt durch die Kamera, ausgehalten von starken Schauspielern. Ein Film über Nuancen, Balancen und Toleranzen, den Wandel, von unaufhaltbaren Veränderungen, mündend in der Frage, wer hier zu wem zurückkehren muss, damit es weitergeht.
Bis dahin wartet mit der Kroatin Zrinka Citecic eine nächste wunderbare Entdeckung des Kinojahres. Und vielleicht rückt uns der Balkan genau mit „Zwischen uns das Paradies“ wieder so nah, wie er eigentlich sein sollte. Oder anders: Was stimmt nicht in Europa?
Wertung: xxxxxx
Schauburg, DD








