Kino
Mittwoch, 16. Dezember 2009
Sture Präsenz
Christina Wittich
„Séraphine“: Wieder ein gelungener Film mit der großartigen Yolande Moreau
Ihr Freund, der Baum: Yolande Moreau als unterschätzte Malerin Séraphine (hier mit Ulrich Tukur, 2.v.l.).
Sie scheint verwachsen mit der Erde, schwerfüßig, beinahe selbst monolithisch, stoisch und dann doch wieder zart und leicht. Yolande Moreau ist keine Catherine Deneuve, keine Diva, keine fragile Schönheit. Trotzdem hat die Belgierin viel gemein mit der eleganten Französin: großes Talent und zwei Exemplare des César, des wichtigsten französischen Filmpreises. Sie erhielt die Trophäen 2005 für ihre erste Regiearbeit und in diesem Jahr für ihre Darstellung der naiven Malerin Séraphine Louis in Martin Provosts Film „Séraphine“. Insgesamt feierte die Jury den Film mit sieben Césars. Nominiert war Moreau außerdem für den diesjährigen Europäischen Filmpreis.
Yolande Moreau ist jemand, den man nicht übersieht. Etwas an ihrer Person irritiert. Das hat sie gemein mit Séraphine Louis. Die Malerin ist zu Beginn nicht mehr als das etwas wunderliche Mädchen für alles, putzt, wäscht, räumt auf. Sie führt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Leben am Rand der Gesellschaft. Störrisch und sehr körperlich spielt Moreau diese Frau als eine von allem Natürlichen geradezu Besessene. Barfuß bewegt sie sich durch den Wald, trägt ihre ausgelatschten Treter nur in der Kirche. Sie scheint immer dann, wenn der Fuß bekleidet ist, wie eingeschnürt und unsicher auf den Beinen. Mit wenigen und eher zurückgenommenen Gesten skizziert die Schauspielerin dieses Leben, das schwankt zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Privates erfährt man über die Schauspielerin wenig. Höchstens, dass sie, die hier so ernst und verschlossen wirkt, tatsächlich ein ausgebildeter Clown ist. Dass die 56-Jährige erst als Erzieherin und Mitarbeiterin eines belgischen Kindertheaters arbeitete. Dass sie sich erst nach reiflicher Überlegung zum Tingeltangel als Kabarettistin entschließen konnte. Yolande Moreau studierte an der renommierten Schauspielschule Ecole Jacques Lecoq. „Dort habe ich gelernt, wie man die Dinge tief aus dem Inneren herausholt“, sagt sie. 1982 tourt sie mit dem Ein-Frau-Stück „Sale affaire du sexe et du crime“ – „Eine schmutzige Affäre über Sex und Verbrechen“ – höchst erfolgreich durch Belgien, Frankreich und Kanada. Das Stück hatte sie in ihren Pausen im Café geschrieben.
Sein Thema wiederholt sich in ihren Rollen häufig: die Geschichte einer „wahnsinnigen Hausfrau“, die ihren Liebhaber umbringt und danach Abend für Abend weiter nach der großen Liebe sucht. Es ist die Vorlage für ihren später mit dem César ausgezeichneten Film „Wenn die Flut kommt“. Einem größeren Publikum wird Yolande Moreau erst vor acht Jahren bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Jean-Pierre Jeunet. Für ihn ist sie die liebeskranke Concierge im Pariser Märchen „Die fabelhafte Welt der Amélie“.
Aktuell hat er sie als Köchin besetzt in „Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute“. Beide Rollen verlangen von ihr einen Typen, weniger Charakter. Es ist die ruppige, vom Schicksal geschlagene dicke Frau. Sie macht wirklich das Beste daraus.
Erst im belgisch-französischen Roadmovie „Louise Hires A Contract Killer“ kommt Frau Moreau wieder dazu, ihr gesamtes komisches Potenzial auszuspielen – ohne auch nur einmal dabei die Miene zu einem Grinsen zu verziehen. Langsam aber unaufhaltsam treibt die Actrice als Louise mit ihrer sturen Präsenz die Geschichte voran, im urkomischen Wechselspiel mit dem ebenso korpulenten Bouli Lanners. Selten ist es, dass eine Frau ihre Körperfülle so offensiv einsetzt und dabei dennoch so zerbrechlich wirkt. Mut zur Hässlichkeit könnte man das nennen.
Regisseur Martin Provost erzählte in einem Interview, er habe das einzig existierende Porträt der Malerin Séraphine in einer Bibliothek gefunden und seiner Hauptdarstellerin gezeigt. „Nicht gerade schmeichelhaft, aber das bin tatsächlich ich“, soll Yolande Moreau dazu gesagt haben.
Séraphine - Programmkino Ost, DD
Yolande Moreau ist jemand, den man nicht übersieht. Etwas an ihrer Person irritiert. Das hat sie gemein mit Séraphine Louis. Die Malerin ist zu Beginn nicht mehr als das etwas wunderliche Mädchen für alles, putzt, wäscht, räumt auf. Sie führt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Leben am Rand der Gesellschaft. Störrisch und sehr körperlich spielt Moreau diese Frau als eine von allem Natürlichen geradezu Besessene. Barfuß bewegt sie sich durch den Wald, trägt ihre ausgelatschten Treter nur in der Kirche. Sie scheint immer dann, wenn der Fuß bekleidet ist, wie eingeschnürt und unsicher auf den Beinen. Mit wenigen und eher zurückgenommenen Gesten skizziert die Schauspielerin dieses Leben, das schwankt zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Privates erfährt man über die Schauspielerin wenig. Höchstens, dass sie, die hier so ernst und verschlossen wirkt, tatsächlich ein ausgebildeter Clown ist. Dass die 56-Jährige erst als Erzieherin und Mitarbeiterin eines belgischen Kindertheaters arbeitete. Dass sie sich erst nach reiflicher Überlegung zum Tingeltangel als Kabarettistin entschließen konnte. Yolande Moreau studierte an der renommierten Schauspielschule Ecole Jacques Lecoq. „Dort habe ich gelernt, wie man die Dinge tief aus dem Inneren herausholt“, sagt sie. 1982 tourt sie mit dem Ein-Frau-Stück „Sale affaire du sexe et du crime“ – „Eine schmutzige Affäre über Sex und Verbrechen“ – höchst erfolgreich durch Belgien, Frankreich und Kanada. Das Stück hatte sie in ihren Pausen im Café geschrieben.
Sein Thema wiederholt sich in ihren Rollen häufig: die Geschichte einer „wahnsinnigen Hausfrau“, die ihren Liebhaber umbringt und danach Abend für Abend weiter nach der großen Liebe sucht. Es ist die Vorlage für ihren später mit dem César ausgezeichneten Film „Wenn die Flut kommt“. Einem größeren Publikum wird Yolande Moreau erst vor acht Jahren bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Jean-Pierre Jeunet. Für ihn ist sie die liebeskranke Concierge im Pariser Märchen „Die fabelhafte Welt der Amélie“.
Aktuell hat er sie als Köchin besetzt in „Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute“. Beide Rollen verlangen von ihr einen Typen, weniger Charakter. Es ist die ruppige, vom Schicksal geschlagene dicke Frau. Sie macht wirklich das Beste daraus.
Erst im belgisch-französischen Roadmovie „Louise Hires A Contract Killer“ kommt Frau Moreau wieder dazu, ihr gesamtes komisches Potenzial auszuspielen – ohne auch nur einmal dabei die Miene zu einem Grinsen zu verziehen. Langsam aber unaufhaltsam treibt die Actrice als Louise mit ihrer sturen Präsenz die Geschichte voran, im urkomischen Wechselspiel mit dem ebenso korpulenten Bouli Lanners. Selten ist es, dass eine Frau ihre Körperfülle so offensiv einsetzt und dabei dennoch so zerbrechlich wirkt. Mut zur Hässlichkeit könnte man das nennen.
Regisseur Martin Provost erzählte in einem Interview, er habe das einzig existierende Porträt der Malerin Séraphine in einer Bibliothek gefunden und seiner Hauptdarstellerin gezeigt. „Nicht gerade schmeichelhaft, aber das bin tatsächlich ich“, soll Yolande Moreau dazu gesagt haben.
Séraphine - Programmkino Ost, DD








