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Kino

Donnerstag, 7. Januar 2010
(Sächsische Zeitung)

Selbstfindung im Schnee


Die leise norwegische Komödie „Nord“ von Rune Denstad Langlo feiert die Schrulligkeit.

Mann mit Zelt: Jomar (Anders Baasmo Christiansen). Foto: Alamode

Einsamkeit geht auch mit mehreren. Und in Norwegen, einem Land mit knapp 13 Einwohnern pro Quadratkilometer, lässt es sich vortrefflich gemeinsam einsam sein. Vor allem im Winter. Die kleine Melancholie und ihr großer Bruder Depression winken da aus nicht allzu weiter Ferne. Und wenn das Leben Zitronen serviert, warum dann nicht heißen Tee daraus pressen? In diesem Fall firmiert der Herzenswärmer unter dem Namen „Nord“. Untertitel: „Ein antidepressives Offroad-Movie“ – und ist ebenso knapp, lakonisch und karg wie sein Name.

Es ist eine häufig erzählte Geschichte, die der norwegische Regisseur Rune Denstad Langlo hier zum Besten gibt: Der einstige Ski-Profi Jomar (Anders Baasmo Christiansen) hatte vor Jahren einen Unfall und leidet fortan unter Depressionen, Höhenangst und Panikattacken. Sein Dasein fristet er als Skiliftwärter, schnauzt Kinder an und guckt Dokumentationen über Tunnelunglücke im TV. Einzige Zuflucht scheint ihm die Psychiatrie. Dort kann er beim Tischtennis triumphieren und muss ansonsten nicht das führen, was andere Leben nennen. Für die Psychiatrie jedoch ist der dicke Jomar immer noch zu gesund. Eines Abends steht sein einstmals bester Freund vor der Tür, ausgerechnet der, mit dem Jomars große Liebe nach dem Unfall durchgebrannt ist. Begrüßt wird er mit einem Faustschlag ins Gesicht. Beim folgenden Bier erfährt der Depressive, dass er Vater eines vierjährigen Sohnes ist. Jomar erwacht aus seiner Lethargie.

Auf einem Schneemobil, ausgestattet mit einem Fünfliterkanister Selbstgebranntem und begleitet von einem wunderbaren Country-Soundtrack, macht er sich auf den Weg zu seinem Sprössling – nach Norden. Es begegnen ihm in dieser Schneestille ein frühreifes Mädchen und seine Großmutter, ein Junge, der den Suff mithilfe von Schmirgelpapier, Klebestreifen und einem Tampon beschleunigen kann und ein alter Mann in einem Tipi mitten auf dem Eis. Und irgendwann findet Jomar auch wieder zu sich selbst.

Langlos mehrfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt lebt nicht von dieser geradlinigen, vorhersehbaren Handlung aus der Feder des Schriftstellers Erlend Loe. Jedoch schaffen Langlo und Loe leise Komik im traurigen Alltag ihres stoischen Helden, ohne sich über ihn lustig zu machen. Es sind ihre ebenso schrulligen wie einsamen Charaktere, die meistenteils festen Kameraeinstellungen auf weite Landschaften und Langlos genaue, beinahe dokumentarische Beobachtung feiner Details, die „Nord“ unbedingt sehenswert machen. Christina Wittich

Schauburg, DD


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