Kino
Donnerstag, 20. Mai 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Saufen aus Tradition
Der Film „Die Beschissenheit der Dinge“ aus Belgien hält, was sein köstlicher Titel verspricht.
Bedarf dieser Anblick noch eines Kommentars? Foto: camino
In sz-online
Belgien. Belgien steht für die ersten beiden Buchstaben der Benelux-Staaten, seine Einwohner kreieren ausgesprochen merkwürdige Biersorten, im mittelhübschen Brüssel tagt das EU-Parlament und befindet über den Krümmungsgrad von Gurken. Zudem hat der in Belgien groß gewordene Kinderschänder Marc Dutroux alles in seiner Macht Stehende getan, den guten Ruf seiner Heimat für eine lange Zeit zu beschädigen. „Die Beschissenheit der Dinge“, der neue Film des belgischen Regisseurs Felix van Groeningen, dürfte im Vergleich dazu nur unwesentlichen Schaden anrichten – auch wenn die Tourismusbehörde Schlimmes befürchtet und versichert, so furchtbar wie beschrieben sei es nicht in der belgischen Provinz.
Aber, wer will das noch nachvollziehen? „Die Beschissenheit der Dinge“ schildert eine Jugend in den 1980er-Jahren. Es ist die autobiografische Geschichte von Dimitri Verhulst. Der Roman war ein Verkaufsschlager, der Film in Belgien ein Kassenerfolg, was daran liegen mag, dass van Groeningen nur wenig geändert hat an der Vorlage. Sein Dimitri Verhulst heißt Gunther Strubbe. Der Junge wächst auf in einem beinahe reinen Männerhaushalt: im Hotel Mama sind seine drei Onkel und sein Vater (Koen De Graeve) untergekrochen, nachdem bei ihnen das, was man ein anständiges, normales Leben nennen könnte, grandios gescheitert ist. Alle vier saufen – wie schon der Vater und dessen Brüder vor ihnen. Mutter Strubbe (Gilda De Bal) steht so stumm wie hilflos daneben, hin und her gerissen zwischen der Liebe zu den schon verlorenen Söhnen und der Sorge um den vielleicht noch zu rettenden Enkel.
Nicht chronologisch erzählt van Groeningen hier eine geschlossene Geschichte. Er zeigt Erinnerungen, mal wie ein Familienfilmchen gedreht auf Super 8, mal in Sepia-Tönen verfärbt, und bettet sie ein in die Geschichte des erwachsenen Gunther (Valentijn Dhaenens), der gerade selbst Vater wird. Ungewollt. Es quälen den Mann seine Geschichte und die Angst, so zu werden wie die Männer seiner Familie. Er ist zerrissen, zynisch, getrieben und kann dennoch nicht ohne diese Familie. Wie die vor fast 20 Jahren erstmals ausgestrahlte niederländische Asozialen-Komödie „Die Flodders“ fällt „Die Beschissenheit der Dinge“ glücklicherweise nicht aus.
Van Groeningens Komödie ist viel zu tragisch, um tatsächlich lustig zu sein. Sie führt den Zuschauer in die Abgründe, die folgen, wenn Trinkspielchen längst der einzige Lebensinhalt geworden sind: Nacktrennen auf dem Fahrrad oder eine Tour de France auf dem Spielbrett, ausgetragen mit der Fähigkeit zu saufen. Und dann kein Kater, sondern der Tremor, das Zittern am Morgen danach, weil der Körper schon so an den Alkohol gewöhnt ist, dass er ohne nicht mehr funktioniert, das Aufwachen im eigenen Erbrochenen, besudelt und versifft, der künstliche Darmausgang, der in der Kneipe vorgeführt wird. Es ist widerlich. Und trotzdem geht es nahe, weil hier Menschen in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit und Erbärmlichkeit gezeigt, aber nicht vorgeführt werden. Christina Wittich
Aber, wer will das noch nachvollziehen? „Die Beschissenheit der Dinge“ schildert eine Jugend in den 1980er-Jahren. Es ist die autobiografische Geschichte von Dimitri Verhulst. Der Roman war ein Verkaufsschlager, der Film in Belgien ein Kassenerfolg, was daran liegen mag, dass van Groeningen nur wenig geändert hat an der Vorlage. Sein Dimitri Verhulst heißt Gunther Strubbe. Der Junge wächst auf in einem beinahe reinen Männerhaushalt: im Hotel Mama sind seine drei Onkel und sein Vater (Koen De Graeve) untergekrochen, nachdem bei ihnen das, was man ein anständiges, normales Leben nennen könnte, grandios gescheitert ist. Alle vier saufen – wie schon der Vater und dessen Brüder vor ihnen. Mutter Strubbe (Gilda De Bal) steht so stumm wie hilflos daneben, hin und her gerissen zwischen der Liebe zu den schon verlorenen Söhnen und der Sorge um den vielleicht noch zu rettenden Enkel.
Nicht chronologisch erzählt van Groeningen hier eine geschlossene Geschichte. Er zeigt Erinnerungen, mal wie ein Familienfilmchen gedreht auf Super 8, mal in Sepia-Tönen verfärbt, und bettet sie ein in die Geschichte des erwachsenen Gunther (Valentijn Dhaenens), der gerade selbst Vater wird. Ungewollt. Es quälen den Mann seine Geschichte und die Angst, so zu werden wie die Männer seiner Familie. Er ist zerrissen, zynisch, getrieben und kann dennoch nicht ohne diese Familie. Wie die vor fast 20 Jahren erstmals ausgestrahlte niederländische Asozialen-Komödie „Die Flodders“ fällt „Die Beschissenheit der Dinge“ glücklicherweise nicht aus.
Van Groeningens Komödie ist viel zu tragisch, um tatsächlich lustig zu sein. Sie führt den Zuschauer in die Abgründe, die folgen, wenn Trinkspielchen längst der einzige Lebensinhalt geworden sind: Nacktrennen auf dem Fahrrad oder eine Tour de France auf dem Spielbrett, ausgetragen mit der Fähigkeit zu saufen. Und dann kein Kater, sondern der Tremor, das Zittern am Morgen danach, weil der Körper schon so an den Alkohol gewöhnt ist, dass er ohne nicht mehr funktioniert, das Aufwachen im eigenen Erbrochenen, besudelt und versifft, der künstliche Darmausgang, der in der Kneipe vorgeführt wird. Es ist widerlich. Und trotzdem geht es nahe, weil hier Menschen in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit und Erbärmlichkeit gezeigt, aber nicht vorgeführt werden. Christina Wittich







