Kino
Mittwoch, 23. Juni 2010
Plötzlich ein Kind
„La Pivellina“ ist ein dokumentarischer Spielfilm über warme Herzen im kalten Rom.
Ausgesetzt im Park, hat für Tage aber eine richtig gute Zeit: die zweijährige Asia. Foto: filmgalerie 451
Im Internet
Das Forum Romanum ist etwas weiter weg. Der Trevi Brunnen steht hier nicht. Die italienische Hauptstadt zeigt ihr Alltagsgesicht, noch dazu mit Winterfalten. Eine Wohnmobilsiedlung am Rande eines fahlen Neubaugebietes ist für Monate das Zuhause von Schaustellern. Reine Improvisation. Wie das gesamte Leben. Patti und Walter wollen es so, es ist ihr Leben. Sie sind mit ihrem winzigen Zirkus in die Jahre gekommen, die Tochter geht längst auf eigenen Beinen. Es macht das Paar noch immer traurig, wenn keiner kommt zum Messerwerfen oder Tricks mit Ziegen. Walter und Patti kennen das. Im nächsten Frühling wird es besser. Vielleicht.
Patti mit dem grellen Rot im Haar läuft aufgeregt durch den Park. Der Hund ist weg. Ein Streuner eben wie sie selbst. Süß ist die Kleine, die da auf der Schaukel sitzt. Ein zweijähriges Mädchen allein? Keine Mutter in der Nähe, keine Oma, niemand? Ein Zettel im rosa Anorak verkündet später die Wahrheit. „La Pivellina“ ist ausgesetzt worden, es soll nur für kurze Zeit sein, bald würde das Mädchen wieder abgeholt. „Aia“, sagt es, als Patti nach dem Namen fragt. Die resolute Frau packt Aia ein, beschließt, dass ihr ein S fehlt und sie wohl Asia heißt. Die jahrelang erprobte Fähigkeit, aus dem Nichts etwas zu machen, mit dem spontanen Gut und Böse umzugehen und mit dem, was wirklich zählt, macht Patti das Entscheiden leicht. So isst Asia im Wohnwagen bald Kekse mit Milch, liegt mit Schnuller im Bett.
Weder Patti noch Walter wissen, wohin diese Entscheidung führt. Während er noch vernünftige „männliche“ Bemerkungen macht, die Polizei oder das Amt als „zuständig“ ins Gespräch bringt, handelt seine Frau. Sie weiß, was Asia braucht. Im 14-jährigen Nachbarjungen Tairo hat Patti einen natürlichen Verbündeten. So gehört plötzlich ein kleines, wild brabbelndes, mal trauriges, mal lustiges, lachendes, weinendes Kind einfach dazu. Für einen Tag, eine Woche, für keiner-weiß-wie-lang. Ein Glück aus Not.
Patrizia Gerardi und Walter Saabel sind wieder da. Im Dokumentarfilm „Babooska“ haben sie Tizza Covi und Rainer Frimmel schon einmal als Protagonisten ausgewählt. Für ihren ersten Spielfilm gehen der Regisseur und die Regisseurin einen vermeintlich kleinen Schritt weiter, indem sie beide in ihrem wahren Umfeld belassen, ihre Namen nicht verändern, das, was sich tut in der Handlung, nur verfolgen, sich entwickeln lassen. Zärtlich ist das, behutsam, nachhaltig. So fühlt sich „La Pivellina“ an wie ein sparsamer, mit Handkamera dem Realen entliehener Dok-Film, und ist doch eine fiktive Blende auf warme Herzen, Stunden des Innehaltens, auf Menschlichkeit. Hehre Worte …
Die kleine Asia spielt nicht, sie ist. Walter, Patti, Tairo und die anderen spielen und sind trotzdem. Ein Film, für den es kein Genre gibt. Nicht nur das macht ihn selten. Weil er ohne Kunstgriffe in Verborgenes eintaucht, in eine eigene Welt fernab der „gängigen“. Weil er ohne erhobene Stimme appelliert an das, was andere nur predigen: Nächstenliebe, mit Respekt, aber ohne Angst den natürlichen Instinkten zu folgen. Einfach zauberhaft. „La Pivellina“ ist ein Fest der Momente. Andreas Körner
La Pivellina - Kino in der Fabrik, DD
Patti mit dem grellen Rot im Haar läuft aufgeregt durch den Park. Der Hund ist weg. Ein Streuner eben wie sie selbst. Süß ist die Kleine, die da auf der Schaukel sitzt. Ein zweijähriges Mädchen allein? Keine Mutter in der Nähe, keine Oma, niemand? Ein Zettel im rosa Anorak verkündet später die Wahrheit. „La Pivellina“ ist ausgesetzt worden, es soll nur für kurze Zeit sein, bald würde das Mädchen wieder abgeholt. „Aia“, sagt es, als Patti nach dem Namen fragt. Die resolute Frau packt Aia ein, beschließt, dass ihr ein S fehlt und sie wohl Asia heißt. Die jahrelang erprobte Fähigkeit, aus dem Nichts etwas zu machen, mit dem spontanen Gut und Böse umzugehen und mit dem, was wirklich zählt, macht Patti das Entscheiden leicht. So isst Asia im Wohnwagen bald Kekse mit Milch, liegt mit Schnuller im Bett.
Weder Patti noch Walter wissen, wohin diese Entscheidung führt. Während er noch vernünftige „männliche“ Bemerkungen macht, die Polizei oder das Amt als „zuständig“ ins Gespräch bringt, handelt seine Frau. Sie weiß, was Asia braucht. Im 14-jährigen Nachbarjungen Tairo hat Patti einen natürlichen Verbündeten. So gehört plötzlich ein kleines, wild brabbelndes, mal trauriges, mal lustiges, lachendes, weinendes Kind einfach dazu. Für einen Tag, eine Woche, für keiner-weiß-wie-lang. Ein Glück aus Not.
Patrizia Gerardi und Walter Saabel sind wieder da. Im Dokumentarfilm „Babooska“ haben sie Tizza Covi und Rainer Frimmel schon einmal als Protagonisten ausgewählt. Für ihren ersten Spielfilm gehen der Regisseur und die Regisseurin einen vermeintlich kleinen Schritt weiter, indem sie beide in ihrem wahren Umfeld belassen, ihre Namen nicht verändern, das, was sich tut in der Handlung, nur verfolgen, sich entwickeln lassen. Zärtlich ist das, behutsam, nachhaltig. So fühlt sich „La Pivellina“ an wie ein sparsamer, mit Handkamera dem Realen entliehener Dok-Film, und ist doch eine fiktive Blende auf warme Herzen, Stunden des Innehaltens, auf Menschlichkeit. Hehre Worte …
Die kleine Asia spielt nicht, sie ist. Walter, Patti, Tairo und die anderen spielen und sind trotzdem. Ein Film, für den es kein Genre gibt. Nicht nur das macht ihn selten. Weil er ohne Kunstgriffe in Verborgenes eintaucht, in eine eigene Welt fernab der „gängigen“. Weil er ohne erhobene Stimme appelliert an das, was andere nur predigen: Nächstenliebe, mit Respekt, aber ohne Angst den natürlichen Instinkten zu folgen. Einfach zauberhaft. „La Pivellina“ ist ein Fest der Momente. Andreas Körner
La Pivellina - Kino in der Fabrik, DD







