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Kino

Freitag, 13. November 2009

Liebe tut weh

Von Csaba Lázár

Michael Moore liefert mit seinem neuen Film ein Geständnis ab: „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“

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Michael Moore (r.) vor dem General-Motors-Hauptquartier Foto: Concorde

Jetzt braucht diesen Film in Deutschland wohl keiner mehr so recht. Dank des wenig subtilen Gebarens amerikanischer Unternehmensführer wissen nicht nur Mitarbeiter hiesiger Automobilmanufakturen, was Kapitalismus bedeutet. Bewohner von Flint, dem Geburtsort von Dokumentarfilmspezialist Michael Moore, durften diese Erfahrung bereits vor 20 Jahren machen, als deren Fabrik geschlossen wurde – ebenfalls Eigentum von General Motors (GM), filmisch verewigt in Moores „Roger & Me“.

Doch der streitbare Regisseur hat dazugelernt: Nach Kämpfen gegen Waffenwahn („Bowling For Columbine“), verhasste Politiker („Fahrenheit 9/11“) und Irrsinn im Gesundheitswesen („Sicko“), versucht er nunmehr, den scheinbaren Ursprung aller gesellschaftlichen Missstände zu entschlüsseln – weniger polemisch als zuvor.

Moore ist professionell genug, um den Zuschauer nicht sogleich mit trockenen Statistiken und unverständlichem Gebrabbel aus der Finanzwelt zu erdrücken. Diese kommen zwar später noch hinzu, allerdings nicht ohne vom Reiseführer selbst hinterfragt und verständlicher formuliert zu werden. Nein, Moore versucht es einmal mehr über die emotionale Ebene und beginnt seine Liebesgeschichte mit der Zwangsräumung eines Hauses. Hilflosigkeit, Verärgerung und Unverständnis nicht nur bei den Betroffenen, die trotz Arbeitsplatz, freiwilligem finanziellen Verzicht und Systemvertrauen plötzlich vor dem Nichts stehen. Am Ende der Nahrungskette passt ein ganzes Leben in einen Möbelwagen.

Mit den positiven Verheißungen des Kapitalismus, wie sie den Amerikanern in den Nachkriegsjahren in herrlich naiven Werbeclips versprochen wurden, hat dies nicht mehr viel zu tun. Ihn deswegen zu verdammen, liegt Moore fern. Stattdessen ist er bemüht, historische Fehlentscheidungen vergangener Regierungen zu entlarven und stellt seinen Landsleuten am Ende gar die Gretchenfrage: Ist Kapitalismus mit der Heiligen Schrift vereinbar?

Oft wurde Moore vorgeworfen, seine offene Sympathie für die politische Linke zu Ungunsten seiner Gegner ausgeschmückt zu haben. Da kommt es schon einer kleinen Sensation gleich, im Moore-Universum plötzlich kritische Töne in beide Richtungen wahrnehmen zu können. Fehler, Verlogenheiten und Profitstreben auf Kosten des „kleinen Mannes“ werden entlarvt, Unverständnis über mühelose Wiederaufnahme all jener Verhaltensweisen, die zur weltweiten Finanzkrise nicht unerheblich beitrugen, verdeutlicht.

„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ zeigt, unabhängig vom Inhalt, einen gemäßigten Moore, der verständlicherweise kein Allheilmittel präsentieren kann, eigene journalistische Unzulänglichkeiten früherer Werke jedoch weitgehend zurückgefahren hat. Ein Lernprozess mit erfolgreichem Abschluss sozusagen. Schade, dass GM bezüglich angemessener Mitarbeiterführung so etwas in zwanzig Jahren nicht gelungen ist.

Liebe tut weh - PK Ost, Schauburg, DD


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