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Kino

Donnerstag, 26. Januar 2012
(Sächsische Zeitung)

Liebe hat kein Bremspedal

Oliver Reinhard

Ryan Gosling, derzeit heißester Kino-Shootingstar, ist im kühlen Thriller „Drive“ gewohnt großartig.

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„Driver“ Ryan Gosling ist am Steuer der Beste und sehr vorsichtig. Bis eine Frau in sein Leben tritt. Foto: PR

Zum Glück stehen seine Augen etwas eng beieinander. Ohne dieses menschliche Mäkelchen wäre Ryan Gosling auf derart unerhörte Weise attraktiv, dass ihm gewiss etliche Vorurteile entgegenschlügen und der Eindruck „Hollywood-Schönchen“ manchen Kinofreund vom Besuch seiner Filme abhielte. Was ein unfaires Unding wäre und ein Eigentor. Denn obwohl erst 31 Jahre alt, ist der Kanadier einer der aufregendsten und meistbeschäftigsten Jungdarsteller der Gegenwart. Trotzdem oder gerade weil sich Gosling vom großen Popcornkino fernhält. Gastiert er dort doch einmal wie in „Crazy Stupid Love“, kann man sicher sein: Wie alle Filme mit Ryan Gosling verdient auch dieser mindestens das Prädikat Gut.

Das wäre für „seine“ kleineren Qualitätswerke indes arg untertrieben. Etwa für die traurigschöne Liebesend-Geschichte „My Blue Valentine“. Oder für klugen Politthriller „Tage des Verrats“. Kaum ist die eine aus dem Kino verschwunden, noch läuft der andere, da kommt Gosling schon wieder auf die Leinwand. Auch „Drive“ ist ein äußerlich eher kleines und meist stilles Werk, das gleichwohl eine ungeheure Intensität ausstrahlt. Die speist sich nicht zuletzt aus des „Helden“ schauspielerischer Brillanz.

Ryan Gosling gibt einen Film-Stuntman, den alle nur Driver nennen, weil er als solcher ein As ist. Doch sein Herz schlägt für Autorennen. Gemeinsam mit seinem verkrüppelten Freund und Werkstattbesitzer Shannon (Brian Cranston) will er ins Renngeschäft. Das kostet. Mehr als Filmjobs und Werkstatt bringen. Also müssen sie nachtschichten. Shannon besorgt jene Autos, die Driver im Auftrag diverser Gangster als Fluchtfahrzeuge steuert. So ruhig, wortkarg, in sich gekehrt und überlegt, wie es seinem Wesen entspricht, erledigt er seine Jobs. Als perfekter Fluchtfahrer.

Es ist, als hätte Nicolas Winding Refn diesen Film um seinen Hauptdarsteller herum komponiert statt umgekehrt: Die Untersicht-Kamera schaut oft an ihm hinauf und betrachtet die Welt wie er – durch die Windschutzscheibe. Ryan Gosling legt die Figur an als Zwitter aus lonesome Rider á la Eastwood und Action-Driver von „Bullit“-Format. Still, cool, aber mit lädierter Seele, ausgespielt in kleinen Gesten, ruhigen Bewegungen, präzise, wirkungsvoll. Gosling weiß, was er kann. Und dass er nicht die große Melodramaten-Glocke läuten muss, um zu erreichen, was er will. Das passt er vorzüglich ein in diesen entschleunigten und unterkühlten Thriller.

Winding Refn zitiert den Spätwestern ebenso smart wie die großen Auto-Action-Spektakel aus den Siebzigern und Achtzigern und gestaltet daraus eine elegante Eigenästhetik, inklusive Synthie-Musik. Auch das verbindet diesen katzengleichen Film und seinen Hauptdarsteller aufs Engste: beide sehen verdammt gut aus und haben nur kleine Schönheistfehler.

Bald aber drückt Winding Refn auf Farb- und Temperaturpedale. Wie auch in traditionellen Western und Actionthrillern üblich, tritt eine Frau ins Heldenleben und mit ihr Nähe, Wärme, dann Liebe in die lichter werdenden Bilder. Irene (Carey Mulligan), als Nachbarin neu und als Mutter vorübergehend alleinerziehend; ihr Ehemann sitzt im Knast. Und da Driver die Familie nicht zerstören will, erweist er eben an Irenes statt ihrem Gatten nach dessen Rückkehr einen Liebesdienst. Der nämlich wird von ehemaligen Mitgangstern zu einem letzten Überfall gezwungen. Driver fährt ihn. Direkt in die Katastrophe.

Ja, der Rest wird ziemlich hart und bitter. Menschen verraten einander, bringen sich gegenseitig um, nicht immer gerne. Manch Gewaltausbruch wirkt im immer noch eher ruhigen Fluss der Handlung geradezu als Schlag, den man noch im Kinosessel spürt. Aber nie, in keinem Moment, driftet „Drive“ darüber in flache Gewässer, ans Oberflächliche.

Bis zum Schluss nicht, als Driver aus der Handlung verschwindet, ohne irgendjemanden wissen zu lassen, was aus ihm wird und ob er überhaupt überlebt. Was zurückbleibt, ist Hoffnung. Auch darauf, dass Ryan Gosling sechs Jahre nach „Half Nelson“ endlich mal wieder zum Oscar-Kandidaten gekürt wird für seine formidable Leistung in diesem formidablen Film.



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