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Kino

Donnerstag, 28. Januar 2010

Hahn und Hühnchen

Andreas Körner

Michael Hoffmanns „Ein russischer Sommer“ über Leo Tolstois letztes Lebensjahr.

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Können noch lachen: Leo Tolstoi (Christopher Plummer) und Sofia (Helen Mirren). Foto: Warner

Sie sind das perfekte Paar, obwohl sie alles andere als perfekt sein wollen. Aber, als hätten sie es damals schon gewusst, fürs Kino, da sind sie ideal. Leo Tolstoi und seine Frau Sofia schenken sich nichts. Sie necken sich noch immer mit „Hahn“ und „Hühnchen“, aber im nächsten Moment rupfen sie sich selbst. Der alte Dichter eher in Gedanken, seine Angetraute mit derbem Vokabular und hochrotem Köpfchen. 13 gemeinsame Kinder, 48 gemeinsame Jahre – 48 Jahre Frieden und Krieg.

Apropos: Gräfin Sofia lag nicht nur neben Leo im Bett und war seine Muse, nein, sie war auch seine Sekretärin. Sechsmal – was sie ihm wahrscheinlich in den dunklen Momenten ihrer Ehe genüsslich an den Kopf warf – hat sie per Hand das Manuskript zu Tolstois Opus magnum „Krieg und Frieden“ geschrieben. Nun lässt der zum Idealisten mutierte Aristokrat den Vertrauten Tschertkow (Paul Giamatti) kommen, um sein Testament zu ändern. Die Rechte am Gesamtwerk sollen dem russischen Volk gehören, der Menschheit statt nur der Familie. Es ist der letzte Nagel zum Sarg fürs Besitzstandsdenken der streng konservativen Sofia, nachdem sie zuvor schon mit ansehen musste, wie ihr knorriger Gatte auf alle Fleischeslust verzichtete (bei Essen und körperlicher Lust), Titel und Güter aufgab, um wie ein Bauer zu leben, die Kirche aufs Korn zu nehmen und seinem neuen Glauben zu folgen, der teils in Anarchie, teils in Kommunen-Sozialismus auszuarten schien. Landgut Jasnaja Poljana, sein Geburtsort, war zugleich die dörfliche Gemeinschaft, die er für seine gesellschaftlichen Ideen, fernab von Moskau, anbot. Wir schreiben 1910 in Russland, Tolstoi ist 82 und ihm bleibt nur die Flucht, auch vor seiner Frau ...

Die Rahmenhandlung von „Ein russischer Sommer“ muss zwangsläufig deutlich hinter dem Rückgrat der Geschichte zurückbleiben. Regisseur Michael Hoffmann adaptierte das angesehene Buch von Jay Parini „Tolstojs letztes Jahr“ und beschränkt sich auf fiktional-dokumentarische Momente. Keine Rückblenden, sondern die Lupe auf ein paar Monate. Eine gute Entscheidung, wenngleich die detailreich ausgestattete deutsche Produktion (gedreht komplett in Sachsen-Anhalt und Brandenburg) dadurch bestenfalls Neugier auf das wirkliche „Ausmaß“ von Tolstoi als international hochgeehrten Literaten, Moralisten und Philosophen macht.

Die Liebe zwischen Tolstois neuem Sekretär Bulgakow und der Lehrerin Mascha kommt also ans herzhafte Fleddern des alten Ehepaars nicht ansatzweise heran. Gleich gar nicht, weil Helen Mirren (selbst russischer Abstammung) und Christopher Plummer vorzüglich auf- und James McAvoy und Kerry Condon an die Wand spielen. Er wie ein zunehmend ermüdeter kauzig-sturer Sonderling, sie wie eine nach innen und außen lodernde Furie.

Beide treffen sich dort, wo eine sehr außergewöhnliche Liebe ihr Strahlen besaß. Und besitzt. Für den Zuschauer ist das in den besten Minuten zündend witzig, manchmal tragisch, unterhaltsam aber in jedem Falle.

„Ein russischer Sommer“ - PK Ost, Ufa, DD


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