Kino
Mittwoch, 15. September 2010
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Grobes Korn
Gérard Depardieu fährt als Rentner in der skurrilen Komödie „Mammuth“ wieder Motorrad.
Serge „Mammuth“ Pilardosse ist gerade mal einen Tag auf Rente und schon herrscht Anarchie. Sagt seine Frau Catherine. Die Klotür ist nicht repariert, die falsche Butter wurde besorgt, auch die Laune des langmähnigen Hünen lässt schwer zu wünschen übrig. Ob das 2000-teilige Puzzle, das er zum Abschied von Ex-Chef und
-Kollegen bekam, helfen kann, sei nicht minder schwer bezweifelt. Serge hat ein Problem. Mehr als eins.
Serge muss raus. Die bessere Schweinehälfte fehlt nun in seinem Alltag, der Fleischarbeiter ist 60, und da er Franzose ist, winkt dem schlichtgemütigen Bär von Staats wegen das monatliche Salär. Das soll ja jetzt auch anders werden beim Nachbarn, so walte Nicolas Sarkozy. Zwei weitere Arbeitsjahre hätten zumindest Monsieur Pilardosse gut getan. Nun aber wirkt er wie ein Pulverfass auf Beinen: ruppig, bockig und dann doch wieder handzahm. Catherine und er haben sich längst eingenordet. So gut, dass man sich die „echten“ Gérard Depardieu und Yolande Moreau auch nicht eben schlecht als Paar vorstellen könnte. Beide sind sich für nichts zu schade. Depardieu seinerseits muss hier noch eine Spur dicker, deppiger und melancholischer sein als in vielen seiner anderen grobkörnigen Rollen. Er nimmt es mit einem Lächeln.
Catherine weiß, das geht nicht gut mit Serge und dem heimischen Käfig ohne Narren. Also schickt sie ihn weg. Belege sammeln für eine bessere Rente. Frühere Arbeitsstellen soll er besuchen und sehen, was noch zu machen ist. Und so schwingt er sich auf seine schwere Münch-Mammut, das Kult-Motorrad der 1970er, das Serge seinen Spitznamen einbrachte, aber auch ein dunkles Kapitel in seinem Leben. Denn nachdem der Schatten neben ihm ein Gesicht bekommt, das seiner verunglückten geliebten Yasmine (Isabelle Adjani) gehört, wird davon noch zu erzählen sein.
Die Regisseure Benoit Delépine und Gustave Kervern nehmen dem Humor ihrer Vorgängerfilme („Aaltra“, Louise Hires A Contract Killer“) jede Bösartig- und Bissigkeit und transformieren sie in spröde Poesie. Wenn das Duo Mammuth mit Metalldetektor durch die Landschaften schickt, um sich selbst zu finden, dann ist das neben aller bizarrer Komik vor allem anrührend, traurig und dann doch tröstend.
„Geh’ nur, mein kleiner Belegloser. Such’ dein früheres Leben“, wird Mammuths sehr abgedrehte Nichte sagen, auf die er ebenso trifft wie auf Sex-Betrügerinnen, Friedhofsgärtner, Club- und Rummelbetreiber, desillusionierte Handlungsreisende oder den Cousin, mit dem er beim In-die-Hose-Fassen alte Tage zurückholen will. Immer wieder besucht ihn die erste Liebe als wachender wie fordernder Geist. Eine vergangene Liebe, die er braucht, um die aktuelle zu sehen.
„Besuchen Sie unsere Website“, sagt die Frauenstimme am Türöffner einer von Mammuths längst verrauchten Arbeitsstellen. „Was“, fragt er tapsig, „Weberei?“ Auch ein Zeichen dafür, dass er wie aus der Welt gefallen reist. Und doch ist und bleibt es diese Welt, die Typen wie Mammuth an jeder Ecke kennt. Andreas Körner
Wertung: xxxxxx
Programmkino Ost, Schauburg, DD
Serge muss raus. Die bessere Schweinehälfte fehlt nun in seinem Alltag, der Fleischarbeiter ist 60, und da er Franzose ist, winkt dem schlichtgemütigen Bär von Staats wegen das monatliche Salär. Das soll ja jetzt auch anders werden beim Nachbarn, so walte Nicolas Sarkozy. Zwei weitere Arbeitsjahre hätten zumindest Monsieur Pilardosse gut getan. Nun aber wirkt er wie ein Pulverfass auf Beinen: ruppig, bockig und dann doch wieder handzahm. Catherine und er haben sich längst eingenordet. So gut, dass man sich die „echten“ Gérard Depardieu und Yolande Moreau auch nicht eben schlecht als Paar vorstellen könnte. Beide sind sich für nichts zu schade. Depardieu seinerseits muss hier noch eine Spur dicker, deppiger und melancholischer sein als in vielen seiner anderen grobkörnigen Rollen. Er nimmt es mit einem Lächeln.
Catherine weiß, das geht nicht gut mit Serge und dem heimischen Käfig ohne Narren. Also schickt sie ihn weg. Belege sammeln für eine bessere Rente. Frühere Arbeitsstellen soll er besuchen und sehen, was noch zu machen ist. Und so schwingt er sich auf seine schwere Münch-Mammut, das Kult-Motorrad der 1970er, das Serge seinen Spitznamen einbrachte, aber auch ein dunkles Kapitel in seinem Leben. Denn nachdem der Schatten neben ihm ein Gesicht bekommt, das seiner verunglückten geliebten Yasmine (Isabelle Adjani) gehört, wird davon noch zu erzählen sein.
Die Regisseure Benoit Delépine und Gustave Kervern nehmen dem Humor ihrer Vorgängerfilme („Aaltra“, Louise Hires A Contract Killer“) jede Bösartig- und Bissigkeit und transformieren sie in spröde Poesie. Wenn das Duo Mammuth mit Metalldetektor durch die Landschaften schickt, um sich selbst zu finden, dann ist das neben aller bizarrer Komik vor allem anrührend, traurig und dann doch tröstend.
„Geh’ nur, mein kleiner Belegloser. Such’ dein früheres Leben“, wird Mammuths sehr abgedrehte Nichte sagen, auf die er ebenso trifft wie auf Sex-Betrügerinnen, Friedhofsgärtner, Club- und Rummelbetreiber, desillusionierte Handlungsreisende oder den Cousin, mit dem er beim In-die-Hose-Fassen alte Tage zurückholen will. Immer wieder besucht ihn die erste Liebe als wachender wie fordernder Geist. Eine vergangene Liebe, die er braucht, um die aktuelle zu sehen.
„Besuchen Sie unsere Website“, sagt die Frauenstimme am Türöffner einer von Mammuths längst verrauchten Arbeitsstellen. „Was“, fragt er tapsig, „Weberei?“ Auch ein Zeichen dafür, dass er wie aus der Welt gefallen reist. Und doch ist und bleibt es diese Welt, die Typen wie Mammuth an jeder Ecke kennt. Andreas Körner
Wertung: xxxxxx
Programmkino Ost, Schauburg, DD








