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Kino

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Es ist schon wieder was passiert

Andreas Körner

Fesselnd, erstklassig besetzt, großes Kino: Michael Hanekes „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“

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„Das weiße Band“ ist vor allem auch ein Film der Gesichter. Hier erkundigen sich die Kinder des Dorfes nach dem behinderten Sohn der Hebamme (Susanne Lothar). Foto: X-verleih

Der Gutsherr ist fast schon euphorisch: „Ihr habt ordentlich gearbeitet, Leute, dann feiert auch mal ordentlich.“ Musik erklingt, die Bauern des Dorfes, die Angestellten des Barons, Oben wie Unten, alle, so scheint es, stürzen sich wie befreit auf ein paar Stunden Glückseligkeit. Nur, es dauert nicht lange, bis auch diese selten helle Zeit ihren Schatten bekommt. Es ist schon wieder was passiert, dort im deutschen Norden, damals 1913.

Ein-Griffe. Und bald erfährt das ganze Land noch größeres Unheil, ein Weltkrieg beginnt, der fortan der „Erste“ genannt wird. Männer werden fortgehen, und viele von ihnen nicht wiederkommen, Frauen werden noch einsamer sein, Kinder werden Dinge erleben, von denen sie zeitlebens sagen werden, sie hätten sie geprägt. Offensichtliche Dinge, wuchtige Veränderungen, Demütigungen, Hass, Tod. Dabei begann alles schon viel früher, viel unmerklicher und unheimlicher. Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ begibt sich genau in dieses so uneindeutige, nahezu vage abgesteckte Terrain. Er zeigt einen protestantischen Mikrokosmos in einer Periode, die gemeinhin „Vorabend“ genannt wird. Mit Akribie und Präzision entwickelt Haneke ein markantes Sittengemälde sozialer Vernetzung und Verwerfung. Er zeigt gewiss nicht d i e Ursache für folgende Kapitel deutscher Unsäglichkeit, aber er zeigt e i n e davon. Mit dieser psychologisch scharf akzentuierten Geschichte bringt Haneke wie in nahezu allen seiner bisherigen Filme – von „Der siebente Kontinent“ über „Funny Games“ und „Die Klavierspielerin“ bis „Caché“ – eine universelle Note der menschlichen Spezies zum dumpfen Klingen. Worauf fußt jene Grausamkeit, die in Radikalität mündet?

Begrenzt. Der neue Lehrer ist jung, also unerfahren, neugierig, fast ein wenig naiv. Er hadert nicht, er fügt sich ein. In seinem Gott lobpreisenden Schulchor singen die Kinder, die zugleich ihre Familien repräsentieren. Im Film bekommt der (dann alte) Lehrer noch die Rolle des Erzählers zugewiesen, keine unheikle Angelegenheit in einem Kino, das von komponierten schwarzweißen Bildern lebt, das keine unterlegte Musik kennt, das eigentlich „nur“ die Handlung hat und ein überwältigendes Ensemble sehr junger Laien, junger und freilich erfahrener Schauspieler und Schauspielerinnen. Die Stimme des Erzählers führt. Sie gibt Halt.

Keine Klärung. Das erste Verbrechen geschieht gleich am Beginn. Zwischen zwei Bäume gespannt, bringt ein Stahlseil den Arzt zu Fall. Er bricht sich nicht das Genick, und ein Täter wird nie richtig gesucht. Lieber wird gemunkelt, gemutmaßt, getuschelt. Bald darauf verunglückt eine Bäuerin bei der Arbeit tödlich, eine Scheune brennt, das Kind des Gutsherren wird entführt, der behinderte Junge der Hebamme misshandelt – der Sittich des Pfarrers mit der Schere gekillt. Die ritualisierte Ordnung und die Abschottung in diesem ländlichen Lebensraum, wo jeder jeden zu kennen glaubt, erlaubt keine Aufklärung. Bis zum Ende nicht. „Das weiße Band“ erscheint wie eine Allegorie auf alle ungelösten alltäglichen Kriminalfälle. Auflösung würde nichts wirklich lösen.

Ein-Blicke. Der Österreicher Michael Haneke (67) wirft mit seinem Kameramann Christian Berger Blicke in ein Stück wilhelminischer Lebenskultur. Blicke, die in weiten Teilen den Atem stocken lassen. Sie gehen in die Häuser, spähen immer wieder durch Türen, Fenster, schauen auf Hände, Gesichter, in besonders matte Kinderaugen – und dabei in die Seelen der Menschen, ganz gleich, ob sie Opfer sind, Täter oder vielleicht beides. Meisterhaft, wie es Haneke dramaturgisch gelingt, immer wieder zwar die Ebenen, nicht aber deren Protagonisten zu verlassen. Da ist die zarte, gehemmte Liebe zwischen dem Lehrer und der Bediensteten Eva, die sich zu schnell im standesgemäßen Rahmen wiederfinden müssen. Da bringt das Zucht-Regime im Haus des Pfarrers die intensivsten, schmerzlichsten und kräftigs-ten Momente im Zusammenleben der Generationen hervor und letztlich auch das „weiße Band“. Da werden die Zustände im Gutshaus gleichsam offen-, nicht bloßgelegt, während der Zuschauer reichlich zwei Stunden lang im nie nachlassenden Zustand des Wach-, Auf- und Angeregtseins verbleibt.

Kollektiv-Leistung. Es fällt sehr schwer, aus dieser so nachhaltigen kollektiven Leistung vor und hinter der Kamera Einzelne hervorzuheben. Um eine wie auch immer motivierte Scheu vor Haneke oder dem historischen Stoff abzulegen, mag es jedoch nützen: Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Susanne Lothar, Detlev Buck, Steffi Kühnert, Josef Bierbichler, Birgit Minichmayr gehören zu denen, die man kennt. Christian Friedel (vom Dresdner Staatsschauspiel), Leonie Benesch und viele andere wird man kennenlernen. Über allem jedoch steht ein bislang ungesehenes Ensemble schlichtweg beeindruckender Kinder- und Jugenddarsteller.

Oscar? Wieder zeigt also ein Haneke-Werk aufgrund unwiderlegbarer Qualität, woran so viele mittelmäßige und schlechte Filme scheitern. Sollte es wirklich etwas bedeuten: Es hat in den letzten Jahren keine würdigere deutsche Produktion gegeben, die sich um den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film bewirbt.

Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte - Programmkino Ost, Schauburg www.x-verleih.de


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