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Kino

Donnerstag, 7. Oktober 2010
(Sächsische Zeitung)

Endzeit ohne Ende


Besser geht’s nicht: John Hillcoat verfilmt Cormac McCarthys Roman „The Road“.

Viggo Mortensen kämpft wieder ums nackte Überleben. Foto: Senator

Düster wäre noch untertrieben. Die trüben und verwaschenen Szenarien, mit denen Kameramann Javier Aguirresarobe die Verfilmung von Cormac McCarthys Endzeitroman „The Road“ bebildert, sind von buchstäblich bedrückender Hoffnungslosigkeit: Eine Katastrophe hat die Erde mit einem Dunstschleier umnebelt, alle Tiere verenden, alle Pflanzen eingehen lassen. Die Welt besteht nur noch aus verbrannten Landschaften und Ruinen, Ascheregen und Erdbeben, Dreck und der existenziellen Gier nach Nahrung. Die wenigen Überlebenden haben sich auf zwei Gruppen verteilt. Die einen wollen zur Küste, wo sie irgendeine Rettung erhoffen. Die anderen bleiben, jagen die Fliehenden, bringen sie um, leben von ihrem Fleisch.

Mit solch apokalyptischen Utopien bemalt das Kino unserer Tage seine Leinwände gerne. Doch die meisten Filme nutzen nur ihre Oberfläche als Verhandlungsort für ethische und moralische Fragen des Mensch-Seins, und je simpler und oberflächlicher sie ausfallen, desto action- und getösehaltiger kommen die Geschichten daher. In „The Road“ hingegen hat die Katastrophe alle Fragen nach der Moral des menschlichen Tuns gleich mit entsorgt. Es geht nur noch ums nackte Überleben. Besser gesagt: fast nur noch. Die Hauptfiguren in John Hillcoats stiller und respektvoller Literatur-Adaption sind ein Mann (Viggo Mortensen) und sein zehnjähriger Sohn (Kodi Smit-McPhee). Auch der Vater kämpft ums Überleben, aber er tut dies nicht für sich allein. Damit verhandelt „The Road“ zugleich das Thema Elternliebe samt dem Problem, wie weit man dafür gehen darf – und die Moral dort, wo man sie in ihrer ursprünglichsten, naiven Form findet: Im Herzen eines Kindes.

Je näher Vater und Sohn der Küste kommen, umso bedrohlicher wird es für sie. Kein Feld, kein Weg, kein Bunker ist sicher. Immer wieder müssen sie vor Kannibalen fliehen, und das stets nur kurze und schockhafte Aufblitzen von Gewalt macht deren Allgegenwärtigkeit nur noch drastischer spürbar. Der Vater reagiert zunehmend aggressiv auf verstreute Mitflüchtlinge, obwohl diese ebenso ängstlich und verzweifelt sind. Und der Sohn stellt ihm immer aggressiver die Frage, warum er diese Menschen so schlecht behandelt. Die Antwort gab schon McCarthy: Moral und Menschenwürde sind Kinder der Zivilisation. Geht diese unter, ist es auch um jene geschehen.

So quälend endlos der Weg zur Küste für Vater und Sohn ist, so langsam schleppt sich die Handlung dahin. So besehen, besteht die erstaunlichste Leistung von Regisseur Hillcoat, Kameramann Aguirresarobe und den ausgezeichnet aufspielenden Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee vor allem in einem: Sie machen „The Road“ trotzdem zu einer derart dramaturgisch maßgeschneiderten und hochspannenden, emotional berührenden und visuell grandiosen Verfilmung, wie man sie sich und dem Roman nicht besser hätte wünschen können. (Oliver Reinhard)

Wertung: x x x x x x Neues Rundkino, Schauburg, DD


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