Kino
Donnerstag, 4. Februar 2010
Ein Abtreter-Spruch
Andreas Körner
„Welcome“ von Philippe Lioret vermischt private und gesellschaftliche Misere.
Sie schaffen es bis in den Truck. Sie hocken im Laderraum des Lasters und hoffen, dass es gut geht. Doch es geht nicht gut. Wieder geht es nicht gut. Der 17-jährige Bilal ist schuld daran. Er hält es mit einer Plastiktüte über dem Kopf einfach nicht aus. Und bekommt noch mehr Ärger, als er eh schon hat.
Der französische Regisseur Philippe Lioret wollte mit seinen Filmen bislang noch kein explizit politisches Thema aufgreifen. Ergriffen aber hat er stets – mit der Liebesgeschichte „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (2004) und dem Familiendrama „Keine Sorge, mir geht’s gut“ (2006) besonders. Jetzt war der Anlass klar. Lioret: „Die Wirkung von TV-Sendungen über die Probleme der Illegalen verliert sich in der medialen Kakophonie. Niemand hört mehr zu.“ Lioret hofft, im Dunkel des Kinosaals möge es anders sein. Denn auch die Erzählweise ist anders.
Keine scharfe Attacke auf französische (und damit leider globale) Flüchtlingspolitik, keine Semi-Dokumentation wie Michael Winterbottoms „In This World“, Lioret hebt das Thema auf eine streng private, individuelle Ebene und geht beim Emotionalisieren von einschneidenden Lebenssituationen sehr behutsam vor. Er schafft damit Angriffsflächen für seine Kritiker, die ihm das Weiche, Anti-Polemische vorwerfen und die nun wohl ausbleibende Debatte schmerzlich vermissen. Ihnen wäre zu sagen: Kino lebt von der Facette. Andere stilistische Entscheidungen ziehen andere Filme nach sich.
Der Kurde Bilal – gut gespielt vom Laien Firat Ayverdi – kommt aus dem Irak, hängt in Calais fest, will nach London. Bis dorthin hat es die Familie seiner Freundin Mina schon geschafft. Zurück in den Irak geschickt kann Bilal nach französischem Gesetz nicht werden. Er kommt kurz ins Gefängnis, wieder frei, trifft sich mit Hunderten anderen am „Quai de la soupe“, wo die Migranten mit Essen versorgt werden. 34 Kilometer Ärmelkanal – Bilal weiß, dass diese Strecke schon geschwommen wurde. Also geht er ins Hallenbad, nimmt sich vom knapp Ersparten Schwimmstunden bei Simon (Vincent Lindon).
Der Ex-Profi ist routiniert, doch auch motiviert. Denn er will seine Frau Marion (Audrey Dana) zurück. Die Scheidung ist gerade durch, aber er weiß, dass sie den öffentlichen Umgang mit Flüchtlingen alles andere als gutheißt. Gleich gar nicht Simons bisherige Ignoranz. Plötzlich geht die Kette in Reaktion. Simon und Bilal steigern sich gegenseitig in eine Trainer-Schützling-Beziehung der besonderen Art. Keiner von beiden denkt wirklich an Konsequenzen, beide denken nur an das, was am Ende ihres Weges stehen könnte: Für Bilal seine Mina, für Simon vielleicht noch etwas Hoffnung bei Marion. Ein Unterfangen, ein echtes Unterfangen.
„Welcome“ ist ein exemplarisch-provokanter Titel. Irgendwann ist er kurz zu sehen, auf dem Abtreter eines von Simons Nachbarn, der es mit Zivilcourage nicht so hat. So wie Simon nicht, bevor er Bilal traf. Kitsch? Bekehrung? Märchen? Entscheiden Sie einfach selbst.
Welcome - Programmkino Ost, DD
Der französische Regisseur Philippe Lioret wollte mit seinen Filmen bislang noch kein explizit politisches Thema aufgreifen. Ergriffen aber hat er stets – mit der Liebesgeschichte „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (2004) und dem Familiendrama „Keine Sorge, mir geht’s gut“ (2006) besonders. Jetzt war der Anlass klar. Lioret: „Die Wirkung von TV-Sendungen über die Probleme der Illegalen verliert sich in der medialen Kakophonie. Niemand hört mehr zu.“ Lioret hofft, im Dunkel des Kinosaals möge es anders sein. Denn auch die Erzählweise ist anders.
Keine scharfe Attacke auf französische (und damit leider globale) Flüchtlingspolitik, keine Semi-Dokumentation wie Michael Winterbottoms „In This World“, Lioret hebt das Thema auf eine streng private, individuelle Ebene und geht beim Emotionalisieren von einschneidenden Lebenssituationen sehr behutsam vor. Er schafft damit Angriffsflächen für seine Kritiker, die ihm das Weiche, Anti-Polemische vorwerfen und die nun wohl ausbleibende Debatte schmerzlich vermissen. Ihnen wäre zu sagen: Kino lebt von der Facette. Andere stilistische Entscheidungen ziehen andere Filme nach sich.
Der Kurde Bilal – gut gespielt vom Laien Firat Ayverdi – kommt aus dem Irak, hängt in Calais fest, will nach London. Bis dorthin hat es die Familie seiner Freundin Mina schon geschafft. Zurück in den Irak geschickt kann Bilal nach französischem Gesetz nicht werden. Er kommt kurz ins Gefängnis, wieder frei, trifft sich mit Hunderten anderen am „Quai de la soupe“, wo die Migranten mit Essen versorgt werden. 34 Kilometer Ärmelkanal – Bilal weiß, dass diese Strecke schon geschwommen wurde. Also geht er ins Hallenbad, nimmt sich vom knapp Ersparten Schwimmstunden bei Simon (Vincent Lindon).
Der Ex-Profi ist routiniert, doch auch motiviert. Denn er will seine Frau Marion (Audrey Dana) zurück. Die Scheidung ist gerade durch, aber er weiß, dass sie den öffentlichen Umgang mit Flüchtlingen alles andere als gutheißt. Gleich gar nicht Simons bisherige Ignoranz. Plötzlich geht die Kette in Reaktion. Simon und Bilal steigern sich gegenseitig in eine Trainer-Schützling-Beziehung der besonderen Art. Keiner von beiden denkt wirklich an Konsequenzen, beide denken nur an das, was am Ende ihres Weges stehen könnte: Für Bilal seine Mina, für Simon vielleicht noch etwas Hoffnung bei Marion. Ein Unterfangen, ein echtes Unterfangen.
„Welcome“ ist ein exemplarisch-provokanter Titel. Irgendwann ist er kurz zu sehen, auf dem Abtreter eines von Simons Nachbarn, der es mit Zivilcourage nicht so hat. So wie Simon nicht, bevor er Bilal traf. Kitsch? Bekehrung? Märchen? Entscheiden Sie einfach selbst.
Welcome - Programmkino Ost, DD








