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Kino

Donnerstag, 19. August 2010
(Sächsische Zeitung)

Die Liebe zu den Murmel-Menschen


Andrew Bujalskis „Beeswax“ ist auf spektakuläre Weise unspektakulär – und eben deshalb großartig.

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Schwester, grüß’ mir die Sonne: Lauren (Maggie Hatcher) trägt die gelähmte Jeannie (Tilly Hatcher). Foto: Beeswaxfilm

Sehr seltsam: Da schaut man neunzig unspektakuläre Minuten lang unspektakulären Menschen bei der Bewältigung ihres unspektakulären Alltags zu – und weiß danach trotzdem, dass man soeben einen besonderen, sogar außergewöhnlichen Film gesehen hat. Obwohl „wissen“ es nicht genau trifft. Man fühlt es eher als dass man sich die wundersam wunderbare Wirkung von Andrew Bujalskis „Beeswax“ wirklich erklären könnte.

Möglicherweise liegt es daran, wie sehr einem die Figuren seines dritten Films ans Herz wachsen. Ohne dass man es mitbekommt. Ohne dass Schauspieler und Regisseur es darauf anlegen. Bujalski erzählt schnörkelfrei, fast beiläufig, und mit den gleichen Mitteln füllen Maggie Hatcher, Tilly Hatcher und Alex Karpowski ihre Hauptrollen.

Die Hatchers geben die Zwillinge Lauren und Jeannie. Lauren schlägt die Zeit mit Gelegenheitsjobs und -liebschaften tot und überlegt, nach Afrika zu gehen. Jeanny, von Geburt an im Rollstuhl, führt einen Second-Hand-Laden und weiß, dass Partnerin Amanda sie ausbooten will. Zum Glück holt ihr Ex Merrill (Alex Karpowski) gerade sein Jura-Examen nach und verspricht Hilfe. Dass sich nebenbei ihre ausgekühlte Beziehung wieder erwärmt und Merrill durchaus weiterführendes Interesse signalisiert, kommt für Jeanny überraschend, aber keineswegs ungelegen.

Mehr nicht? Mehr kaum. Eben dies könnte ein weiterer Grund für die schwer erklärliche Anziehungskraft von „Beeswax“ sein. Andrew Bujalski macht aus nichts und niemandem ein weltbewegendes Drama. Sein Film wirkt beinahe wie eine Dokumentation, das Spiel von Karpowski und den Hatchers ist derart unaufgesetzt und natürlich, dass man keine Grenze zwischen Fiktion und Realität wahrnimmt und das eine für das andere hält: für ein Stück Leben.

„Mumble-Core“ heißt in den USA dieses neue Genre, in dem zumeist Laiendarsteller zumeist „stinknormale“ Figuren spielen und dabei entsprechend nuscheln und murmeln (to mumble). Mit Mini-Budget gedreht, zeigt „Beeswax“ eine Handvoll typischer, haargenau und liebevoll beobachteter Exemplare der Generation Dreißig plus: halbwegs gut ausgebildet, aber ambitions- und illusionslos und hängengeblieben in einer Art Second-Hand-Leben – mit dem sie trotzdem klarkommen.

Womit wir beim vielleicht schlüssigsten Erklärungsansatz wären: „Hör' auf, die Leute beeindrucken zu wollen“ – diesen Rat seiner Mentorin Chantal Ackermann setzt Andrew Bujalski so konsequent wie möglich um. Das Ergebnis zeigt, wie befreiend der Verzicht auf übertriebene Ambitionen sein und wie sehr dadurch der Blick an Schärfe gewinnen kann. Für kluge Zwischentöne, pointierte Dialoge, wahrhaftige Dramatik und ebensolchen Humor. Mehr brauchte es nicht, um aus „Beeswax“ einen leisen und bescheidenen und eben deshalb außergewöhnlichen Film zu machen. Oliver Reinhard

Wertung: x x x x x x
Thalia, DD



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