Kino
Mittwoch, 3. März 2010
Der Duft von Kohlrouladen
Christina Wittich
Matti Geschonnecks „Boxhagener Platz“ ist endlich mal kein Geschichtsunterricht über die DDR.
Es geht also doch: Ein Film über die DDR, der sich und seine Helden nicht rettet, indem er über die letzten Zuckungen der Deutschen Demokratischen Republik hinüber in den Westen gleitet. Keine Komödie wie „Sonnenallee“, „NVA“ oder „Liebe Mauer“, kein Rückblick wie „Good Bye Lenin!“, kein Stasi-Thriller wie „Das Leben der Anderen“. Kurz: kein Geschichtsunterricht.
Matti Geschonnecks Film ist eine Liebeserklärung an einen Ort der Kindheit. Schon der gleichnamige Roman von Torsten Schulz glänzte durch die Abwesenheit von Ostalgie. Zufälligerweise wuchs Filmemacher Geschonneck an jenem Platz auf und erkannte die eigene Vergangenheit darin wieder. Sein „Boxhagener Platz“ ist in warmes Grün-Braun getaucht. Er atmet den Alkoholdunst der Kneipe „Feuermelder“, den Gestank vom „Fisch-Winkler“, den Duft von Graupensuppe und Kohlrouladen. Der Boxhagener Platz in Geschonnecks Erinnerung hat zugleich auch das Muffige eines Wohnzimmers, dessen Fenster lange schon nicht mehr geöffnet wurden.
1968: Im Westen revoltieren die Studenten, und im Osten marschieren die Mitglieder der FDJ. Sie preisen den Sozialismus und stehen Oma Otti (Gudrun Ritter) im Weg. Die muss zum Friedhof, die Gräber ihrer fünf verstorbenen Ehemänner pflegen. Der sechste Gatte, Rudi (Hermann Beyer), liegt auch schon im Sterben. Oma Otti nimmt’s praktisch und mit Humor. Zwei Anwärter machen der alten Dame in Kittelschürze bereits wieder den Hof: Alt-Nazi und Fischhändler Winkler (Horst Krause)und Alt-Kommunist und Charmeur Karl Wegner (Michael Gwisdek). Eines Morgens liegt Winkler erschlagen in seinem Laden, Oma Otti verdächtigt abwechselnd ihren siechen, aber eifersüchtigen Rudi und den galanten Karl des Totschlags.
Es entspinnt sich ein Rentner-Krimi – möchte man annehmen. Doch Geschon-neck erzählt die Geschichte konsequent aus Sicht des zwölfjährigen Enkels Holger (Samuel Schneider), der vor seinen am System entzweiten Eltern (großartig Meret Becker als Bohemienne Renate und Jürgen Vogel als strebsamer ABV-ler Klaus-Dieter) zur Großmutter flüchtet. Im einstigen Spartakisten Karl findet er so etwas wie einen Vaterersatz und Vorbild. Doch folgen auf den Mord Flugblattaktionen, zieht sich bald ein kriminalistisch-politisches Netz um die Familie. Holger bekommt Angst, etwas Falsches zu sagen.
Am Ende wird der Mord zwar aufgeklärt, ist jedoch nur Beiwerk. Gerade der Enkel tut dem Zuschauer wirklich leid – klaus-trophobisch erscheint einem nach anderthalb Stunden der Platz, stellvertretend für das kleine Land, in dem Holger es noch weitere 20 Jahre wird aushalten müssen. „Boxhagener Platz“ gelingt es, ganz undidaktisch und privat, das Bild eines verrottenden Staates zu zeichnen. Nicht der DDR, wohl aber den Menschen, die sich darin und damit arrangiert haben oder auch nicht, setzt Geschonneck damit ein wenigstens kleines Denkmal – nicht viel größer als ein Grabstein.
„Boxhagener Platz“ - Programmkino Ost, Schauburg, DD
Matti Geschonnecks Film ist eine Liebeserklärung an einen Ort der Kindheit. Schon der gleichnamige Roman von Torsten Schulz glänzte durch die Abwesenheit von Ostalgie. Zufälligerweise wuchs Filmemacher Geschonneck an jenem Platz auf und erkannte die eigene Vergangenheit darin wieder. Sein „Boxhagener Platz“ ist in warmes Grün-Braun getaucht. Er atmet den Alkoholdunst der Kneipe „Feuermelder“, den Gestank vom „Fisch-Winkler“, den Duft von Graupensuppe und Kohlrouladen. Der Boxhagener Platz in Geschonnecks Erinnerung hat zugleich auch das Muffige eines Wohnzimmers, dessen Fenster lange schon nicht mehr geöffnet wurden.
1968: Im Westen revoltieren die Studenten, und im Osten marschieren die Mitglieder der FDJ. Sie preisen den Sozialismus und stehen Oma Otti (Gudrun Ritter) im Weg. Die muss zum Friedhof, die Gräber ihrer fünf verstorbenen Ehemänner pflegen. Der sechste Gatte, Rudi (Hermann Beyer), liegt auch schon im Sterben. Oma Otti nimmt’s praktisch und mit Humor. Zwei Anwärter machen der alten Dame in Kittelschürze bereits wieder den Hof: Alt-Nazi und Fischhändler Winkler (Horst Krause)und Alt-Kommunist und Charmeur Karl Wegner (Michael Gwisdek). Eines Morgens liegt Winkler erschlagen in seinem Laden, Oma Otti verdächtigt abwechselnd ihren siechen, aber eifersüchtigen Rudi und den galanten Karl des Totschlags.
Es entspinnt sich ein Rentner-Krimi – möchte man annehmen. Doch Geschon-neck erzählt die Geschichte konsequent aus Sicht des zwölfjährigen Enkels Holger (Samuel Schneider), der vor seinen am System entzweiten Eltern (großartig Meret Becker als Bohemienne Renate und Jürgen Vogel als strebsamer ABV-ler Klaus-Dieter) zur Großmutter flüchtet. Im einstigen Spartakisten Karl findet er so etwas wie einen Vaterersatz und Vorbild. Doch folgen auf den Mord Flugblattaktionen, zieht sich bald ein kriminalistisch-politisches Netz um die Familie. Holger bekommt Angst, etwas Falsches zu sagen.
Am Ende wird der Mord zwar aufgeklärt, ist jedoch nur Beiwerk. Gerade der Enkel tut dem Zuschauer wirklich leid – klaus-trophobisch erscheint einem nach anderthalb Stunden der Platz, stellvertretend für das kleine Land, in dem Holger es noch weitere 20 Jahre wird aushalten müssen. „Boxhagener Platz“ gelingt es, ganz undidaktisch und privat, das Bild eines verrottenden Staates zu zeichnen. Nicht der DDR, wohl aber den Menschen, die sich darin und damit arrangiert haben oder auch nicht, setzt Geschonneck damit ein wenigstens kleines Denkmal – nicht viel größer als ein Grabstein.
„Boxhagener Platz“ - Programmkino Ost, Schauburg, DD







