sz-online.de | Sachsen im Netz
Kino

Mittwoch, 12. Mai 2010
(Sächsische Zeitung)

Das Überleben der Ausgefuchsten

Jörg Peter Löblein

Im Trickfilm „Der fantastische Mr. Fox“ findet Wes Andersons Puppenstubenkino zu sich selbst

Bild vergrößern

Fuchs zu sein, bedeutet nicht nur Schwanz zu haben. Foto: Fox

Eigentlich hat Wes Anderson schon immer Puppenstubenkino gemacht. Indem er hübsch patinierte und verschachtelte Räumlichkeiten wie beispielsweise ein Backsteinhaus („Die Royal Tenenbaums“), ein Forschungsschiff („Die Tiefseetaucher“) oder einen Zug („Darjeeling Limited“) vollstopft mit höchst einfallsreich neurotisierten Figuren – und dann einfach mal guckt, was passiert.

Dass diese vertrackten Familiengeschichten, durchtränkt von unheilbar verschrobener Melancholie, auszuufern und zu verfransen drohen, liegt in der Natur der weniger plot- als vielmehr ausstattungsdetailversessenen Herangehensweise dieses amerikanischen Lichtspiel(wunder-)kindes. Dafür gibt es in seinen Filmen immer wieder Übersichtspläne oder architektonische Querschnitte zu sehen, die zwar auch nicht für eine bessere Orientierung sorgen, aber doch noch einmal die Konstruiertheit des Kinolebensraumes (und damit auch seiner Bewohner) bekräftigen.

In „Der fantastische Mr. Fox“ kommt dieses Puppenstubenkino, das durchaus eine eigenwillige Faszination entfaltete, aber letztlich immer auch ein bisschen egal war, nun ganz zu sich selbst. Denn Anderson hat in seiner Verfilmung des 1970 erschienenen Kinderbuchs von Roald Dahl die Menschen einmal gegen echte Puppen, genauer: gegen Tierfiguren mit richtigem Fell ausgetauscht.

Der Titelheld ist ein aufrecht gehender Fuchs im Anzug, er schreibt für eine Zeitung, bezieht mit seiner Familie ein schickes Baumhaus anstelle des unterirdischen Baus und wäre ein durchaus dandyhaft kultivierter Zeitgenosse, schlummerte nicht tief in ihm eine Sehnsucht nach alter Wildheit und Hühnerdiebstahl. Also begibt er sich heimlich wieder auf nächtliche Beutezüge, doch das Federvieh gehört drei fiesen Bauern, mit denen nicht zu spaßen ist. Ihre Fuchsjagd wächst sich aus zu einem massiven Belagerungskrieg, der nicht nur Familie Fox, sondern auch andere Tiere in ein Tunnelsystem tief unter die Erde treibt. Man sieht das auf Übersichtskarten.

Und natürlich wäre „Mr. Fox“ kein typischer Anderson-Film, hätte der Regisseur die Buchvorlage nicht mit allerlei Nebenfiguren und familiären Konflikten angereichert. Es geht wie immer bei Anderson um das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft, doch erstmals auch ums bloße Überleben. So bekommt das nostalgische Handwerk der Stop-Motion-Animation, bei der das Unbelebte Einzelbild für Einzelbild in Bewegung versetzt, also verlebendigt wird, seinen tieferen melancholischen Sinn.

Es gibt Momente von bestrickender erd- und fuchsfarbener Modelleisenbahnschönheit. Und es gibt Grausamkeiten: Hühner müssen sterben und eine unsolidarische Ratte auch. Das Menschliche, das Animalische und eben auch das Puppenhafte dürfen in diesem wahrlich ausgefuchsten Kinderfilm für Erwachsene unvermittelt nebeneinanderstehen, und dazwischen nistet sich auf einmal etwas ungeheuer Faszinierendes ein. Man könnte es Wirklichkeit nennen.



Programmkino Ost, Schauburg, DD


Zurück zur Übersicht Druckvorschau Artikel empfehlen


Link senden an Facebook Link senden an Twitter Link senden an Google+ Link senden an StudiVZ Link senden an Mr. Wong Link senden an MySpace Link senden an del.icio.us bodytext Link senden an Folkd Link senden an Google Bookmarks Link senden an Live-MSN Link senden an YahooMyWeb Link senden an Linkarena Link senden an NewsVine Link senden an Reddit Link senden an StumbleUpon ...mehr



sz-online-Partnersites

Weitere Online-Angebote der Bertelsmann AG | Weitere Online-Angebote der DD+V-Mediengruppe