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Kino

Donnerstag, 17. Juni 2010
(Sächsische Zeitung)

Das Streben der anderen


Kleine Kriege und schwarzer Humor im chilenischen Film „La Nana – Die Perle“

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Den mürrischen Blick gibt es gratis: Catalina Saavedra ist trotzdem eine Perle

Ihr Blick hat etwas von einer Sense. Die Bewegungen ihres Körpers erfinden neue Begriffe für das Gegenteil von Eleganz. Lächeln scheint nur gegen Entgelt möglich, eine Boshaftigkeit gibt’s gratis. Und doch lauert hinter Raquel eine besondere „Tiefe des Raumes“. Er bekommt nur kein Licht.

Raquel ist seit über 20 Jahren Dienstmädchen im Haus der Familie Valdez, wohnt im wohl kleinsten Zimmerchen des Hauses, festgezurrt in Rituale ist sie ihre eigene Gefangene und Wärterin zugleich. Die beiden Kinder der Wohlstandsfamilie hat Raquel aufgezogen, mit der großen Tochter gibt es Kleinkrieg im Großen, mit dem spritzigen Sohn wagt sich Raque-Raque – wie er sie ab und an noch liebkost – eine traditionelle Neckerei. Die Arbeitgeber sind nett, sie verlassen sich blind auf ihr altes (Haus-)Mädchen. Alles ist, wie es eben ist und schon immer war in diesem Haus in Santiago de Chile. Und heute wird Raquel 41. Die Geburtstagsüberraschung, die Familie Valdez für Raquel plant, ist ihr peinlich.

Sebastián Silvas Film beginnt und endet mit einer Feier. Was dazwischen passiert, ist der zumeist unerfüllte Traum von Regisseuren: reduziertes Agieren in Räumen, Verfolgen von authentischen Figuren, präzises Beobachten, Registrieren von Feinheiten. Das Ausloten von Möglichkeiten. Keine Sterne im Mikrokosmos. Eine bizarre Welt. Silva (31) kennt diese Welt, auch er hatte, wie er sagt, „eine zweite Mutter und wollte keine. Du bist versucht zu rebellieren, weil du denkst, du kannst dich gegen sie stellen, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen.“ In Chile ist Dienstmädchen zu sein kein reiner Job. Die Frauen sind integraler Teil der Familie – unter Aufgabe des wichtigsten Teils von sich selbst. Denn es geht immer nur ums Streben der anderen. Auch Raquel ist da, damit es die Menschen um sie herum besser haben. Ausschließlich. Wie es ihr geht, was sie gewollt hätte vom Leben und vielleicht sogar noch will? Versteckt, verborgen, unterdrückt. Aber: Hier dreht es sich eben nicht um oben und unten, sondern um innen und außen. Keine Anklage, ein Psychogramm.

Raquel hat Migräne, die Attacken werden immer schlimmer. Als sie zusammenbricht, holt die Hausherrin Hilfe. Eine zusätzliche Kraft soll Raquel unterstützen. Zwei Frauen jagt die Platzhalterin davon, nur Lucy nicht. Die junge Wilde sieht in der puren Dienst-leistung des Berufs wirklich nur Arbeit. Sie ist fesch und unbekümmert, hat Wünsche. Irgendwann bald will sie wieder nach Hause. Auch Raquel kam einst aus dem Norden. Lucy wird es sein, die ihre Kollegin für Momente entführt. Keine Sorge, ihr geht’s gut danach …

Blicke, lustvolles Spiel mit Erwartungen, feiner, böser Humor, Skizzen eines seltsamen Daseins. Geschickt verlagert sich die wahre Dimension des Themas in die Hinterköpfe. Was bedeutet es, wenn eine junge Frau sich in heutiger Zeit so radikal dem Dienen verschreibt? Was passiert, wenn ihre Schienen sich dabei nach und nach verwerfen?

Ein feinsinniger, ein wundervoller Film. Catalina Saavedra als „La Nana“ ist selbst eine Perle. Endlich ist sie entdeckt.

Andreas Körner

Wertung: xxxxxx Kino in der Fabrik, Programmkino Ost, DD


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