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Kino

Donnerstag, 26. Mai 2011
(Sächsische Zeitung)

Das Märchen vom tödlichen Mädchen

Von Jörg Peter Löblein

In „Wer ist Hanna?“ entlockt Regisseur Joe Wright dem Action-Thriller-Genre extravagante neue Töne.

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Die Irin Saoirse Ronan spielt „Kampfmaschine“ Hanna. In ihrer Heimat ist die heute 17-Jährige schon seit acht Jahren in Fernsehen und Kino zu sehen. Foto: PR

Der erste Satz der Titelheldin könnte auch aus einem Popsong stammen: „I just missed your heart“, sagt sie in der englischen Originalversion. In der deutschen Fassung dürfte es dann wohl heißen: „Ich habe knapp dein Herz verfehlt“. Und doch ist die Szene, in der dieser Satz fällt, meilenweit entfernt von allem Popballaden-Schwulst: Adressat der Rede ist nämlich ein Rentier, das in der schneeweißen Weite Finnlands gerade von Hanna mit Pfeil und Bogen erlegt wurde und jetzt den Gnadenschuss bekommt. Der Schnee färbt sich rot, die Leinwand auch. „Wer ist Hanna?“, fragt der Titel.

Nun, Hanna ist ein Teenager im besten Alter, 16 Jahre vielleicht, aber von Popmusik hat sie nicht die leiseste Ahnung. Denn sie lebt abgeschieden in einer Hütte im höchsten Norden, allein mit ihrem Vater, der sie etwas einseitig zur Kampfmaschine erzieht. Sogar wenn sie schläft, attackiert er sie, um ihre Reflexe zu trainieren. Zur Herzensbildung hält die sehr schmale Bibliothek des Hauses ein Buch mit Grimm’schen Märchen bereit. Und von der anderen, realen Welt irgendwo da draußen erfährt Hanna vorerst nur aus einem Lexikon.

Vor allem die Definition der Musik als Kombination von Klängen, die Schönheit hervorbringen und Gefühle ausdrücken sollen, klingt verheißungsvoll in ihren Ohren. Sie will das hören, sagt sie kategorisch. Und dann, ein paar Tage später, drückt sie schließlich den roten Knopf eines Peilsenders, der ihren Standpunkt an die CIA verraten wird: Die Zeit ist reif für den Aufbruch ins Leben. Dorthin, wo es Musik gibt, aber auch böse Hexen. Wo die Märchen wahr werden auf Leben und Tod.

So lässt sich „Wer ist Hanna?“ definieren: als märchenhafter Agenten-Action-Thriller, der eigentlich eine Adoleszenz-Geschichte erzählt und außerdem ein Musikfilm ist. Mit dieser kühnen Melange dürfte Joe Wright so manchen unvorbereiteten, auf die übliche Genre-Routine abgerichteten Kinogänger kalt erwischen: Der Regisseur, der bislang vor allem durch sein kluges Kostümdrama „Abbitte“ aufgefallen ist, entlockt hier dem Aktions- und Spannungskino unversehens einige neue, wunderbar extravagante Töne.

Das kann man durchaus wörtlich nehmen, und es beginnt schon beim Training in der nordischen Schneelandschaft: Die Schläge der Bambusstöcke, mit denen Vater und Tochter fechten, geben hier den Takt vor. Als richte der Film sein Metronom ein. Hannas Flucht aus dem Tunnelsystem einer CIA-Basis, in die sie nach ihrer Entdeckung gebracht wurde, gleicht dann einer Jagd durch eine Techno-Disco, mit weiß flackernden Blitzen und den pulstreibenden Elektronik-Klängen der Chemical Brothers: Das englische Musik-Duo hat für diesen Film einen kongenialen Soundtrack zusammengefrickelt.

Immer wieder bietet die Musik dann aber auch dem Zuschauer und Hanna Inseln des Innehaltens auf der interkontinentalen Verfolgungstour, die von Marokko über Spanien nach Berlin führt, von den Gesängen Wäsche waschender arabischer Frauen über gepflegten Flamenco bis hin zu undefinierbaren, von einigen Pennern mit merkwürdigen Dingen erzeugten Tönen in einer vergammelten Berliner Nahverkehrs-Station. Und auch ein schmieriger blonder Killer aus Deutschland pfeift stets seine Erkennungsmelodie vor sich her. Manchmal fühlt sich der Film ein wenig an wie Prokofjews „Peter und der Wolf“.

Die Kampfszenen wiederum sind Musik für die Augen: schwerelos, doch ohne abzuheben, aber auch nicht dem faden, verwackelten Handkamera-Realismus-Trend verhaftet. Einmal verprügelt Eric Bana, der den ernsthaft engagierten Vater Hannas gibt, in einer Berliner U-Bahn-Station einige feindliche Agenten in einer einzigen, fließenden Steadycam-Einstellung. Sehr elegant.

Warum aber eine ebenso elegante CIA-Agentin (Cate Blanchett als die böse, gelegentlich autoaggressive Hexe) dem Mädchen nach dem Leben trachtet, darum macht „Wer ist Hanna?“ erstaunlich wenig Aufhebens. Weil das Geheimnis der Titelfigur gar nicht so sehr im Plot, als vielmehr in ihrer Persönlichkeit, ihrer Ausstrahlung liegt. Die junge Irin Saoirse Ronan (die auch schon in „Abbitte“ mit Wright arbeitete) lässt ihre Hanna zart und fragil wirken – wenn sie nicht gerade kämpft und tötet. Im Unterschied zu den vielen anderen tödlichen Mädchen, die das Action-Kino in jüngster Zeit hervorgebracht hat, wird die hellhäutige Heldin nie zur sexualisierten Männerfantasie, auch nicht, als sie einmal ein wenig zurechtgemacht wird von einem anderen Mädchen. Den Jungen, der Hanna dann küssen will, ringt sie kurzerhand nieder. Kämpferinnen-Reflexe eben. Obwohl sie vorher noch den Lexikon-Artikel über den Kuss auswendig aufgesagt hat. Das Maschinenhafte und das Menschliche, das Unheimliche und das Anrührende vereinen sich in dieser Figur zu einem faszinierend schrägen Akkord. „I just missed your heart“ – auch am Schluss klingt das ungeheuer zärtlich aus ihrem Mund.

Wertung: x x x x x x
Kinos: UCI, Neues Rundkino, UCI, Ufa, DD


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