sz-online.de | Sachsen im Netz
Kino

Mittwoch, 5. Mai 2010
(Sächsische Zeitung)

Bloß kein Goldfisch

Andreas Körner

„Die Eleganz der Madame Michel“ ist wieder gediegenes französisches Gefühlskino

Bild vergrößern

Kater, Fisch und Concierge: Josiane Balasco ist Madame Michel. Foto: Senator

In einer Mischung aus Verzweiflung und ehrlicher Bewunderung verkündet Paloma beim familiären Essen: „Ich werde Concierge.“ Ihr Vater antwortet routiniert teilnahmslos: „Gut, wenn wir dich dabei unterstützen können …“ Es interessiert Papa einfach nicht, ihn, den Minister. Und seine Frau, mitten in ihrer neurotischen Blüte, interessiert es auch nicht. Selbst Palomas große Schwester ist schon viel weiter weg, als der Altersabstand verheißt. Kein Wunder, dass Paloma mit vorpubertärer Todessehnsucht beschließt, sich in 165 Tagen, genau an ihrem 12. Geburtstag, aus diesem Leben zu entfernen. Bloß nicht so werden wie Erwachsene. Bloß kein Goldfisch sein in einem Kugelglas.

Wie aber wird aus Paloma eine Concierge, wenn sie sich umbringt? Und warum überhaupt Concierge? Weil die Einzige , zu der sie so etwas wie einen Draht hat, Madame Michel ist. Mitte 50, und die Hälfte dieser Zeit eben Concierge im Pariser Wohlstandshaus, wo Palomas Familie lebt und der eine oder andere betuchte Franzose auch. Wortkarg und resolut herrscht Renée Michel in ihrer Loge. An ihr kommt keiner vorbei, und muss es doch. Dass Paloma sich auf ihre vermeintlich letzten Tage ausgerechnet mit einer alten Kamera umgibt, stört Madame Michel nur kurz.

Das Mädchen darf heute auf einen Kakao herein. Übermorgen auch. Seelenverwandtschaft ist die bessere Verwandtschaft. Zwei Igel haben sich gefunden. Schließlich heißt Muriel Barberys literarische Vorlage „Die Eleganz des Igels“. Mona Achache hat aus dem millionenfach gelesenen und ob seiner gelungenen Balance zwischen zartem Humor und marmorierter Tragik geliebten Buch einen netten Film gemacht. Hier poltert nichts, nichts kreischt und ersäuft im Kitsch, obwohl es poltern, kreischen, ersaufen könnte.

Aus einer mürrischen, unattraktiven (also typischen?) Hausdame einen späten schönen Schwan zu zaubern, einem ignorierten Kind seine wahre Bestimmung zu schenken – kein Problem fürs Klischeekino. Hier aber macht der verhaltene Ton die Musik. Man ist einfach gern mit den drei Hauptfiguren zusammen. Drei? Kakuro Ozu zieht ein, der wie vom Himmel gefallene japanische Witwer. Der männliche Igel. Er entdeckt die Vorliebe von Madame Michel für Literatur. Dass ihr Kater Leo heißt, muss etwas mit Tolstoi zu tun haben.

Die seltene Ausgabe von „Anna Karenina“ lehnt sie als Geschenk noch borstig ab: „Ich kann nicht lesen!“ Doch Kakuro ist vornehm wie hartnäckig: Eine erste Einladung an die Concierge, eine zweite – eine neue Frisur für Madame Michel (ihr Kommentar vor dem Spiegel: „Erstaunlich!“), Nudeln am Tisch, Mozart auf dem Klo. Und auch Paloma hält Anschluss.

Die renommierte Schauspielerin Josiane Balasko darf selbst für das frankophile deutsche Publikum wieder eine Entdeckung sein. Dieser gewollt märchenhafte Film über Sparsamkeit und Melancholie, Freundschaft, Einsamkeit und Hoffnung gehört natürlich ihr. Denn dass mit Garance Le Guillermic wieder ein ideales Filmkind gefunden wurde, überrascht für französische Verhältnisse längst nicht mehr.



Programmkino Ost, DD


Zurück zur Übersicht Druckvorschau Artikel empfehlen


Link senden an Facebook Link senden an Twitter Link senden an Google+ Link senden an StudiVZ Link senden an Mr. Wong Link senden an MySpace Link senden an del.icio.us bodytext Link senden an Folkd Link senden an Google Bookmarks Link senden an Live-MSN Link senden an YahooMyWeb Link senden an Linkarena Link senden an NewsVine Link senden an Reddit Link senden an StumbleUpon ...mehr



sz-online-Partnersites

Weitere Online-Angebote der Bertelsmann AG | Weitere Online-Angebote der DD+V-Mediengruppe